Das Ascot von Mittelbaden

Clemens Geißler

Seit 1858 finden in Iffezheim bei Baden-Baden Galopprennen statt. In dieser Woche, der "Großen Woche", wird nicht nur um den Großen Preis von Baden-Baden gallopiert: Jeden Tag finden mehrere Rennen statt. Clemens war für fudder dabei, hat die Profi-Galopp-Fans beobachtet, die Fachzeitschriften "Vollblut", "Meeting" und "Sportwelt" studiert, selbst am Urinal Wett-Tipps erhalten und am Ende auf das richtige Pferd gesetzt.



Als Borussia-Dortmund-Aktionär kann man zusätzliche Einnahmen immer gebrauchen. Also auf nach Iffezheim bei Baden-Baden, von den Einheimischen übrigens liebevoll „Iffze“ gennannt, und auf der Rennbahn sein Glück versucht!

Nach einstündiger Fahrt geht man sich erstmal erleichtern und erfährt schon am Urinal intimste Details verschiedener Zockerstrategien: „Also, wenn jetzt die Pferde 3-7 disqualifiziert werden, haben wir noch eine Chance, was zu gewinnen“. Das macht Hoffnung.

Schnell tauchen wir ein in die Atmosphäre des „Turf-Treffs“. Reihenweise sitzt hier Jung und Alt, trinkt Kaffee und/oder Bier, raucht Zigaretten und vertieft sich in Insiderliteratur wie „Vollblut“, „Meeting“ oder „Sportwelt“. Aus den Tipps genannter Journalien sind durchaus unterschiedliche Interpretationen abzuleiten: So heißt es in etwa über ein Pferd: „Kam in letzter Zeit manchmal gut auf. Der Trainer hält viel von ihm. Könnte noch gesteigert werden“.



Vor unseren Tipps berücksichtigen wir alle erdenklichen Parameter: Form des Pferdes, Qualität des Stalles, Ruf des Trainers, Erfolge der Jockeys. Trägt ein Pferd zusätzliches Gewicht, läuft es mit Scheuklappen oder schäumt es im Führring? All das muss beachtet werden, will man sein Geld nicht einfach leichtfertig verschleudern. Dann setze ich zehn Euro auf das Pferd mit dem wohlklingendsten Namen.

Und gewinne prompt.



Geschwind überschlage ich, dass ich bei weiteren drei Erfolgen mit 4,6 Millionen Euro nach Hause kommen würde, stelle beim Nachrechnen aber fest, dass es nur 46 Euro sind. Etwas weniger euphorisiert begeben wir uns zu den gastronomischen Angeboten unseres Aufenthalts in Mittelbaden. Die Preise könnten studentenfreundlicher sein: Eine Thüringer für 2,60 Euro muss man mit einem 0,33 Fürstenberg für 3,60 Euro runterspülen. Während man am Wurststand steht, flaniert allerlei Prominenz oder, was sich für solche hält.

Damen mit teils überdimensionalen Hüten, die im Wind unkontrolliert umherflattern. Braungebrannte Mittfünfziger à la Flavio Briatore. Zwischendrin immer wieder ausgesprochen kleine und verhätschelte Hündchen an langen Leinen. Ein etwa 12-jähriger versucht, sich sein Geld für die Wochenendsaufgelage zu verdienen, indem er alle weggeworfenen Tippzettel in einem großen Plastikbeutel sammelt und greift dafür auch in die Tiefen der zahlreichen Abfalleimer.

Das habe ich zum Glück nicht nötig, denn auch im zweiten Rennen gewinne ich. Meine Strategie geht voll auf.: Nie den Topfavoriten, aber auch keinen halblahmen Ackergaul, der Quoten wie 450 für 10 verspricht. Ein farbiger Jockey namens Mendoza beschert mir meinen zweiten Sieg, wofür ich ihm aufs herzlichste Beifall spende. Wieso komme ich eigentlich nicht jeden Tag hierher?



Die Antwort erhalte ich im dritten Rennen, als der von mir favorisierte Wallach lustlos hinter dem Feld hertrabt. Zwischenzeitlich sah es gar aus, als wolle er grasen. Es scheint geboten, jemanden zu befragen, der mit dem Pferdesport vertraut ist. Wer könnte dafür geeigneter sein als ein einheimischer Rentner, der sogleich mit unverkennbarem Zungenschlag zu berichten beginnt? Zwar bemerken wir im Laufe des viertelstündigen Gesprächs immer mehr, dass von ihm keine lukrativen Hinweise zu erwarten sind. Immerhin erfahren wir, dass in Hockenheim „de oind vom Kleingaddeveroi, de onna vom Wannerveroi“ hinter dem Tresen steht und dass die Rheinländer, speziell die Düsseldorfer „scho loggerer mim Geld sinn“, jedenfalls im Vergleich mit den Badnern, wobei wir uns weder im einen noch im anderen Fall erinnern konnten, wie der freundliche Herr eigentlich auf das Thema kam, zumal wir nach einem Geheimtipp fürs nächste Rennen gefragt hatten.



Doch auch ohnedies reicht es zu noch dem ein oder anderen Wettgewinn. Leider bleibt es uns nicht vergönnt, den Hau  ptgewinn der Verlosung, zwei Karten für das Musical „Die drei Musketiere“ zu ergattern. Und auch das Ponyreiten findet nur in verschlankter Form statt, nämlich ohne Ponys.

Trotzdem ist klar: Spätestens zum nächsten Frühjahrsmeeting wird uns das Rennfieber wieder packen.

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Internationales Galopprennen Baden-Baden:
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