Das allerletzte Konzert im JosFritz

Carolin Buchheim

Ausgerechnet gestern Abend wurde beim Nachbar zur Linken des JosFritz eine amtliche Lautstärken-Messung durchgeführt. Dabei wurde ganz sicher eine Grenzwert-Überschreitung festgestellt: Der gestrige Gig der Knarf Rellöm Trinity könnte, im schlimmsten aller Fälle, das allerletzte Konzert im JosFritz gewesen sein. Falls dem so sein sollte, dann hat die Konzert-Historie dieser Freiburger Institution gestern einen würdigen Abschluss verpasst bekommen.



Irgendwann im letzten Sommer interviewte ich mit meinem Kumpel Moritz ein schwedisches Elektro-Duo für eine Radiosendung.
Die beiden hatten gerade von ihren Lieblings-Synthies erzählt, und ich wollte gerade nach ihrer liebsten Programmierungs-Software fragen, da stellte der gute Moritz, der eine Vorliebe für Gitarrenbands hat, die ein 'The' im Name tragen, ihnen eine Frage "Sagt mal, spielt ihr eigentlich auch richtige Instrumente?"
Mit dieser Frage war das Interview sofort vorbei, denn die beiden kleinen Schweden fühlten sich, verständlicherweise, arg ans Bein gepinkelt. Synthies seien keine echten Instrumente? Wie bitte?

Moritz versuchte nachher, seine nicht sonderlich geschickte Frage vor mir zu rechtfertigen "Aber Caro, wenn da jemand nur vor dem Synthie steht, auf einen Knopf drückt um das Backing zu starten, und ab und zu ein bisschen was triggert und sonst beschäftigt tut, herumhupft und ab und an ein Rädchen dreht, dann spielt er doch nicht richtig live!"
Ich musste zugeben: Was das anging, hatte Moritz schon irgendwie einen Punkt, denn arg viele Electro-Indie-Sonstwas-Bands gehen bei Live-Auftritten ja tatsächlich den sicheren Weg und spielen kein bisschen Elektro-Frickelei live.

Ich wünschte, Moritz wäre gestern Abend beim Gig der Knarf Rellöm Trinity im Jos gewesen.
Er hätte eine Lehrstunde im Fach 'Synthies sind richtige Instrumente und ja, man kann sehr wohl live mit ihnen Musik machen, und zwar richtig' bekommen.

Ich hatte sehr hohe Erwartungen an das gestrige Konzert.
'Move your ass and your mind will follow' ist ein klasse Album, dass sich über die letzten Monaten hinweg regelrecht in meinen Ohren festgefressen hat. Es ist ein Album, dass sich allen Einordnungen widersetzt, und dessen verschiedene Bedeutungsebenen mir erst nach und nach klar geworden sind. Ein abstruses, verschrobenes, grooviges, lustiges, schlaues Album.

Ich hatte nicht nur sehr hohe Erwartungen an das gestrige Konzert, sondern auch ein bisschen Angst. Ich hatte bis gestern Abend noch kein Knarf Rellöm-Konzert gesehen. Würden sie es schaffen, die seltsame Rahmen-Geschichte des Albums, den Space-Kram, Musik ist der Treibstoff für Raumschiffe und so, live zu vermitteln?

Und vor allem: Wie würden sie das Elektro-Zeug hinkriegen? Sie würden doch nicht einfach ein Backing starten und die Track einfach so durchlaufen lassen, nach Schema F und einfach ein wenig dazu singen? Würden sie sich sklavisch an die schlauen Texte halten? Würden sie 'live genug' sein? Hohe Erwartungen und Angst, jawohl.

Spätestens fünf Minuten nachdem Knarf Rellöm, DJ Patex und Viktor Marek ihren Gig im Jos gestern begonnen hatten, waren meine Erwartungen schon übererfüllt, und jeder Fetzen Angst verflogen.

Der in einen Kaftan gehüllte Sternchen-Sonnenbrille-tragende Knarf erzählte mit wenigen Sätzen die Rahmenhandlung des Albums, bevor er den 'Katzenhund' Vittorio Marese und die Tankstellenwärterin DJ Space Patex auf die Bühne bat, und sie gemeinsam das produzierten, was Raumschiffe antreibt, nämlich hoch-oktanhaltige Musik.

Das Trio hatte seine ernsthafte, anarchische Albernheit und seine überbordende Intelligenz dabei, und ein wenig schlechte Laune gleich noch dazu, die mit jedem Song weniger wurde.
Vor allem aber hatte die Drei ihre verdammt außergewöhnlichen musikalischen Fähigkeiten dabei.

Während DJ Patex den Bass wummern ließ und Knarf Rellöm Gitarre spielte, sampelte sich Viktor Marek, mit vom Triggerpad rot beleuchten Händen live um seine Fingerspitzen. Absolut ungesehen, diese Skills, absolut ungesehen.

Als würde das noch nicht ausreichen, wurde dann gleich auch noch gewechselt, denn bei der Knarf Rellöm Trinity darf jeder 'mal ran, an alles, einmal bunt durch die Reihe, denn hier kann jeder alles, und zwar richtig gut.



Diese drei seltsam gewandeten Menschen, sie machten zusammen Musik, trotz schlechter Laune und Müdigkeit und Herumbiesterei: Sie warfen einfach ihre extremen Fähigkeiten zusammen und guckten, was dabei 'raus kam. Ein risikoreiches Unterfangen, klar.

Für alle, die es noch nicht verstanden haben: Was dabei 'raus kam, das war wirklich, wirklich toll. Richtig toll.
Da wurde rund um die Songs des fantastischen Albums herum improvisiert und elaboriert, und zwar ohne Unterbrechung und mit einer gleichermaßen unprätentiösen wie total abgedrehten Show. Sowas geht zusammen. Bis gestern Abend hätte ich es wohl auch nicht geglaubt.

Knarf Rellöm, DJ Patex und Viktor Marek: Diese Drei sind sowohl zusammen als auch jeder für sich the hardest working people in Synthesizer business. Hands down.

Mäkeln kann man allein an unbedeutenden Kleinigkeiten: Es war im vollen Jos, wie immer, so hell wie in den Fluren der Uniklinik und dementsprechend gehemmt war das bestens gelaunte Publikum. Diese Musik verdient betanzt zu werden, und passt daher irgendwie wohl besser in schmuddeligere, dunklere Orte als das Jos.
Und ja, die Anlage hätte, natürlich, auch noch viel , viel lauter gedreht werden können und sollen, klar. Aber: Mehr ging nicht, denn auf der anderen Seite der Wand fand, unglaublich aber wahr, ausgerechnet gestern Abend eine amtliche Lautstärke-Messung statt. Welch' Timing, Herr Nachbar, sehr gut gemacht!

"Vielleicht war das jetzt das letzte Konzert hier", scherzte Knarf am Ende des Gigs. Sollte er recht behalten (das Ergebnis der Messung, die mit Sicherheit eine Überschreitung der Grenzwerte gezeigt hat, wird dem Betreiber des Jos in einigen Wochen mitgeteilt), dann wäre es ein würdiger Abschluss für die Konzert-Geschichte des Jos gewesen, oh ja.

Ich wünschte nur, Moritz wäre auch dabei gewesen.

Und, wie war's?

Bastian, 25 "Das war ein sehr gutes Konzert mit einer einmaligen Bühnenshow. Was ich sehr schön fand war, dass man eine Persönlichkeitsentwicklung innerhalb der Band gemerkt hat. Ich glaub' DJ Patex war am Anfang echt ganz schön angepisst, und am Ende des Konzerts dann doch ganz glücklich. Das mit den Sekten-Regeln 'Sex, Sex mit Kondom und Drogen' fand ich auch toll, und überhaupt generell alles. Ich bin überrascht, dass in Freiburg so viele Leute diese Musik mögen. So 'Elektropop' ist für mich eher etwas Norddeutsches. Überhaupt bin ich froh, dass sich im Moment in Freiburg so viel bewegt und so viele gute Konzerte und Parties sind: Die Popsociety, der Kamikaze, der Keller und Movin'on up, all das find ich gut."

Frank, 27 (links) & Rafael, 24

Frank: "Das war supergenial. Ich hab' mich zu sehr gehen lassen, glaub ich, und den Lautsprecher vorne rechts aus Versehen kaputt gemacht. Um das wieder gut zu machen, kauf' ich jetzt ne CD."

Rafael: "Das war total super, heute. Ich kannte vor heute Abend nur einen Song von Knarf Rellöm, und es hat mir echt gut gefallen, das war echt musikmäßig gut gemischt. Das Publikum hätte sich mehr gehen lassen können, aber bei dem Licht fühlt man sich hier immer so, als würde man zuhause im WG-Flur tanzen.  War auch schade mit der Lautstärke, wäre ich die Band gewesen, mich hätte das angepisst. Aber toll wars."

Antonia, 20 & Ravi, 19

Antonia: "Das war erste Sahne, das hab' ich gleich' dem Typen am Mischpult erstmal gesagt. Vorhin, vor dem Konzert, ist uns was Lustiges passiert: Wir sassen hinten beim Zigarettenautomaten und haben rumspekuliert, wie es denn werden würde, denn wir kannten beide Knarf Rellöm Trinity nicht. Neben uns sass eine Frau, die die ganze Zeit gegrinst hat, und erst beim Konzert haben wir kapiert, dass das DJ Patex war. Es war ein total super Konzert; Das hat jeden Rahmen gesprengt."

Ravi: "Ich fand' es auch sehr gut. Man kann gar nicht richtig sagen, was das jetzt für Musik gewesen ist, die Töne sind irgendwie anders als sonst. Das ist Musik, die kann man gar nicht einordnen. Und sie ist toll."

Jan, 35

"Ich habe heute drei Götter gesehen. Diese drei sind Götter, weil sie sich bewusst sind, dass sie Götter sind. Ich hab' Knarf schon mal als Vorband von den Aeronauten in der alten (!) KTS gesehen, da hat er sich irgendwann auf nen' Stuhl gestelllt und Gitarre gespielt. Damals habe ich ihn mehr als Performer als als Musiker wahrgenommen. Ganz toll fand' ich, dass die Drei sich heute auf der Bühne angestunken haben. Ich hab' ja schon einige Bands erlebt, und wenn die sich nicht klar sind, ist es ein Scheiß-Konzert. Heute aber nicht. Ich würde sagen, dass ist Punk. Denn Punk ist die Einstellung, Sachen anzunehmen, die sind."

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