Dagobert, der Schnulzensänger aus dem Weltall

Daniel Laufer

Fünf Jahre lang sperrte er sich in ein Haus in den Schweizer Alpen und schickte seiner Angebeteten Songs - bis sie ihn bat, damit aufzuhören. Dann ging Dagobert nach Berlin und brachte zwei Alben heraus. Am Samstagabend hat er in Schmitz Katze in Freiburg ein Konzert gegeben - zwischen Schlager und Indie. fudder-Redakteur Daniel Laufer hat ihn getroffen:



Der Mann, der am Samstagabend die Bühne von Schmitz Katze betritt, ist nicht von hier. In seinem Pass steht, er sei Schweizer, aber das beschreibt den Sachverhalt auch nicht treffend. Eher schon der Astronauten-Overall, den er zu Beginn des Konzertes trägt. Dagobert, der Schnulzensänger aus dem Weltall, das Alien. Weder er noch seine Musik noch sein Publikum passen in ein Schema. Rentner auf Klappstühlen, Rotweintrinker am Rand, kleine Mädchen in der ersten Reihe, die in Fanshirts auf und ab hüpfen.

"In meinen Songs geht es meistens um Liebe - das betrifft irgendwie ja jeden", sagt der 32-Jährige und es klingt fast schüchtern. Am Ende des ersten Songs reißt er das Oberteil des Overalls herunter, zum Vorschein kommt ein schrilles Hemd in Dschungelfarben. Für einen Moment blitzt der Rockstar durch. "Afrika" heißt das Album, mit dem Dagobert gerade tourt - zum ersten Mal mit Live-Band.

Schon wenn sich ein erwachsener Mann nach einer Comic-Ente benennt, ist das ungewöhnlich. Er heißt eigentlich Lukas Jäger, habe aber immer das "Lustige Taschenbuch" gelesen. Vor allem reizte ihn die Figur des "Dagobert Duck" - der Enterich, der sein Vermögen in einem Geldspeicher anhäuft. "Dagobert Duck hat mich wegen seiner skrupellosen Leidenschaft fasziniert. Er ist nur auf eine Sache fixiert und macht alles dafür - das halte ich für eine gute Einstellung." Der Musiker Dagobert überträgt das auf seine Musik. "Ich singe schief, spiele kein Instrument - Talent gab’s bei mir nicht. Aber ich bin extrem stur und habe immer wieder versucht, Songs zu schreiben."

Fünf Jahre in den Alpen

Seine Schulzeit beschreibt Dagobert als einen Horrortrip. Der Lehrstoff interessierte ihn nicht, er wollte lieber Schriftsteller werden. Mit 19 verließ er sein Heimatdorf Waltenschwil im Kanton Aargau. Er schwor sich: Von nun an würde er nie wieder etwas tun, was er nicht will. Zwei Jahre lang schlief er in einem Keller, wusch sich auf der Bahnhofstoilette.

In dieser Zeit nahm Dagobert seine ersten Songs auf. Er gewann einen Kulturpreis - für ein halbes Jahr konnte er ein Atelier in Berlin beziehen. Doch statt dort in Ruhe an seiner Musik zu arbeiten, zog es Dagobert in die Bars. "Den größten Teil des Preisgeldes habe ich versoffen." Dagobert verliebte sich in eine Frau. "Ich sehe sie, alles ist klar, ich will sie, sie will nicht."

Eine Weile noch versuchte er, sie umzustimmen. Schließlich verließ er Berlin, zog sich zurück in die Bündner Alpen - der Großvater des Schwagers hatte ein Haus hinterlassen, hier konnte Dagobert wohnen. Und: sich endlich seiner Musik widmen. Die Frau, die er zurückgelassen hatte, beschäftigte ihn in seinen Songs weiter. "Ich hatte nur diese eine Erinnerung - sonst gab es nichts, worüber ich hätte schreiben können. Obwohl zwischen uns nie etwas lief, habe ich an der Idee festgehalten."

Hatte er neue Aufnahmen, schickte er sie ihr. Sie habe seine Musik gemocht, manche Lieder hätten sie aber auch verängstigt. "Die schlimmsten habe ich noch gar nicht veröffentlicht. Sie fühlte sich aber ein bisschen gestalkt." Irgendwann hatte sie genug, bat ihn, damit aufzuhören. "Es hat ihr psychische Probleme bereitet, dass da ein Typ in den Bergen sitzt, ständig an sie denkt und nur über sie schreibt", sagt Dagobert.



Fünf Jahre dauerte es - dann ging Dagobert das Geld aus. Er pumpte seine Eltern an, kaufte ein Flugticket - zurück nach Berlin. Mit dem Müllheimer Produzenten Markus Ganter (Casper, Sizarr) nahm Dagobert Lieder auf, die er in den Bergen geschrieben hatte. 2013 brachte das Indie-Label Buback sein Debütalbum heraus - "Dagobert". Es folgten die ersten Konzerte, die erste Tour - alleine. Der Schweizer sang, die Musik kam vom iPod.

Schlager oder Indie?

"Wenn du mir sagen würdest, ich sei dir egal, dann wüsste ich wenigstens zum allerersten Mal, was in dir vorgeht, wenn du mich zum Teufel jagst", singt er auch in Freiburg. Wieder so ein Lied über die unglückliche Liebe zu der Frau aus Berlin. Doch statt eines melancholischen Pianos, treiben bei Dagobert die Synthesizer, stampft die Bass-Drum, dass es fast fröhlich klingt. Er hat sich das abgeschaut - von der Country-Legende Hank Williams. "Was der besungen hat, war oft schmerzhaft - wegen der Art und Weise, wie er es besungen hat, kann man es trotzdem genießen."

Dann kommt ein Moment, in dem Dagobert seinen Platz in der Musikwelt womöglich findet. "Ich will ein Kind von dir", singt er, bläst einen Kuss ins Publikum. Mitsingen bitte: "Lalala!" Macht Dagobert Schlager?

Er hat es probiert: Vor zwei Jahren trat er im ZDF-Fernsehgarten auf, der Schlagersendung schlechthin. Im Frack lief er der Kamera hinterher und sang: "Ich bin für alle deine Wünsche viel zu jung." Links und rechts klatschten die Zuschauer im Takt - er schien sie gar nicht zu bemerken. Dagobert war hier falsch, in dieser künstlichen Welt. "Ein stumpfsinniger Beat reicht schon, um diese alten Tanten zu befriedigen - das war nicht meins." Aber auch in der Indie-Ecke ist der Schweizer mit seinen Schnulzen ein Fremdkörper. Er singt geradeheraus, was andere verstecken - hinter Metaphern, hinter der Ironie.



"Freiburg, habt ihr auch so viel Spaß?", fragt Dagobert die Menge - und stimmt ein weiteres Lied über sein Liebesunglück an. "Es gibt viele Indie-Künstler, die furchtbare Texte schreiben - dieses pseudo-intellektuelle Gerede um den heißen Brei herum finde ich furchtbar." Seine Vermutung: Sie haben Angst, als Schlager-Act zu gelten.

Bei einem der letzten Songs steht er nur noch im weißen Feinripp-Unterhemd auf der Bühne. "Leb‘ wohl, ich verschwinde aus der Zivilisation", singt er. "Wie ein Affe fühlte ich mich immer schon." Im Moment lebt er bei Freunden - für mehr reicht das Geld nicht. Dagobert will wieder weg, weg aus Berlin - zu viele Eindrücke. "Man trifft Leute und das führt dazu, dass man ähnlich tickt wie sie. Nur macht man irgendwann auch Musik wie sie." Dagobert will den Erfolg - aber nur zu seinen eigenen Bedingungen.

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Fotos: Florian Forsbach

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