fudder-Interview

CSD-Organisator: "Die Corona-Pandemie trifft Menschen aus der LGBTQ-Szene hart"

Anika Maldacker

Der Freiburger Christopher Street Day ist auf den 19. September verschoben. Doch weil die Finanzierungspartys nicht stattfinden können, steht der CSD auf der Kippe. Ronny Pfreundschuh vom Organisatoren-Team erklärt die Lage der LGBTQ-Community.

Ihr habt den CSD von Juni auf September verschoben. Ist es nicht gewagt, zu hoffen, dass so eine große Veranstaltung wie der CSD im September noch stattfinden kann?

Im März, als wir in der Planung waren, waren die Entwicklungen noch nicht absehbar. Wir standen immer in Kontakt mit dem Amt für Öffentliche Ordnung. Dass wir den Juni-Termin nicht machen konnten, war uns schnell klar. Wir haben uns dann für ein Verschieben entschieden. Wer weiß, was im September ist. Es finden ja teils wieder Veranstaltungen statt, wie die Black-Lives-Matter-Demos oder die Hygiene-Demonstrationen. Der CSD ist eine sehr wichtige Veranstaltung für die Community. Gerade die rechten Tendenzen kratzen ständig an den Rechten der LGBTQ-Community. Ein CSD hat ein starkes politisches Gewicht. Es ist wichtig, dass die Community einmal so präsent in der Stadt ist und wahrgenommen wird. Wir stehen nach wie vor mit dem Ordnungsamt in Kontakt. Der Termin am 19. September ist reserviert – und wir kündigen die Veranstaltung unter Vorbehalt an.
Zur Person:

Ronny Pfreundschuh ist 40 Jahre alt, wohnt in Freiburg und ist im Vorstand vom CSD-Verein. Seit 2014 engagiert er sich im Orga-Team des CSDs.

Aktuell sind Großveranstaltungen bis Ende Oktober verboten. Was bedeutet das für euch?

Beim CSD handelt es sich ja nicht um eine Veranstaltung im engeren Sinne, sondern um eine Versammlung und die steht unter dem besonderen Schutz des Versammlungsrechts. Trotzdem müssen wir genau hinschauen und auch in Abstimmung mit den Behörden überlegen, ob, beziehungsweise, was möglich sein wird im September. Wir müssen im Kontakt mit den Behörden wie immer alle Risiken abwägen und durch das Coronavirus ist in diesem Jahr ein extremer Faktor hinzugekommen. Das macht es uns noch schwerer. Zudem finanziert sich der CSD ja auch über die Partys und da gibt es momentan immer noch das Verbot von Tanzveranstaltungen in Baden Württemberg. Es gibt also noch einige Probleme zu lösen für den Septembertermin.

Steht der CSD 2020 im September auf der Kippe?

Ja. Da sich der Freiburger CSD vor allem aus Partys finanziert und es in Baden-Württemberg immer noch keine Tanzveranstaltungen geben darf, stellt uns das vor große Probleme. Bisher haben wir den CSD komplett unabhängig finanziert, was alleine aufgrund der Größe der Versammlung in den letzten Jahren immer schwieriger wurde. Eine Förderung durch die Stadt wäre für den Fortbestand des Freiburger CSD sehr wichtig. Die sogenannte Corona-Krise hat diese Situation nun noch zusätzlich verschärft.

"Eine Förderung durch die Stadt wäre für den Fortbestand des Freiburger CSD sehr wichtig. "

Was ist euer Motto 2020 und wie kam das zustande?

Mit dem Motto wollten wir gezielt auf die aktuelle Situation reagieren. "Abwehrkräfte stärken … gegen Nazis, Covid-19 und andere bedrohliche Seuchen!" Das ist vielleicht ein freches Motto, aber wir wollten damit zeigen, was uns – als Community und einzelne – derzeit bedroht. Die Corona-Pandemie trifft Menschen aus der LGBTQ-Szene hart, denn sie zwingt sie sich zum Beispiel in Kreisen zu bewegen, wo sie nicht sicher sind. Beispielsweise Menschen, die noch nicht geoutet sind, müssen sich im Familienkreis bewegen, der feindlich gegenüber der queeren Szene ist. Wir haben daher auch in der Community immer dafür geworben, sich gegenseitig in der Szene zu unterstützen. Aber es gibt nicht nur die Corona-Pandemie. Wir als LGBTQ-Community werden von rechts bedroht, nicht nur von Corona.

Wie waren die Reaktionen darauf?

Bei Facebook gab es erwartungsgemäß auch sehr kritische Reaktionen. Klar, das Motto ist schon provokant und es war uns klar, dass es aneckt. Es war aber auch unsere Absicht, die Leute zum Nachdenken zu bringen. Wir können die Corona-Krise nicht ignorieren und auch nicht das für unsere Community wichtige Event, den CSD. Denn der CSD ist ein wichtiges Event für die LGBTQ-Gemeinde. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen nicht nur aus Freiburg, sondern aus der Schweiz und Frankreich und ganz Deutschland.

Wie wurde euer virtueller CSD vor knapp zwei Wochen angenommen?

Eine Gruppe von Unterstützer*innen des Freiburger CSD hat mit dem Freiburg-Live-Pride am 13. Juni ein virtuelles Event gestartet. Das war sehr schön und vielfältig, da sich zahlreiche Künstler*innen, DJanes, Drag-Queens und Vereine, Initiativen und Einzelpersonen daran beteiligt haben und so der Community eine Plattform geboten haben.

"Die Gemeinschaft ist vor allem von den Kontaktbeschränkungen betroffen. "

Welche Forderungen habt ihr zum diesjährigen CSD?

In den letzten Jahren wurde wenig von dem umgesetzt, was wir fordern. Die Ehe für alle ist da eine Ausnahme. Es gibt Forderungen, die wir an die Community selbst richten, beispielsweise: Schaut über den Tellerrand hinaus. Schwule Gesetze sind auch Transrechte. Wir müssen solidarisch miteinander sein und uns im Kopf für verschiedene Interessen öffnen. Wichtig ist uns auch eine solidarischere Flüchtlingspolitik. Wir wünschen uns, dass keine Rüstungsgeschäfte mit Staaten gemacht werden, wo LGBTQ-Menschen mit dem Tode bestraft werden. Wir wünschen uns von der Politik weiterhin eine queer-freundliche, progressive Politik und eine Wachsamkeit vor einem rechten Roll-Back.

Wie ist die LGBTQ-Community vom Corona-Virus betroffen?

Die Gemeinschaft ist vor allem von den Kontaktbeschränkungen betroffen. Es gibt keine Partys mehr, es war lange schwierig, sich zu treffen. Wie gesagt, ist es für Menschen, die noch nicht geoutet sind, teils auch im engsten Familienkreis nicht einfach – vor allem, wenn ihnen der Kontakt zur Community fehlt. Wir organisieren den CSD ja auch im Verein und wir merken natürlich auch, wie uns der Kontakt fehlt. Normalerweise haben wir ein wöchentliches Plenum. Das fällt nun eben aus. Und wir merken, dass die Clubkultur fehlt, denn das war ein Ort, wo sich die Community auch getroffen hat. In der LGBTQ-Gemeinschaft spielt Einsamkeit schon eine gewisse Rolle, vor allem, wenn Menschen nicht geoutet sind oder das Gefühl haben, sich verstecken zu müssen.

  • Was: Parade mit anschließender Kundgebung zum Christopher Street Day
  • Wann: Samstag, 19. September 2020 (unter Vorbehalt)
  • Wo: Freiburg