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Stell dir vor, ein Internetvirus trifft die Gesellschaft und alle müssen wieder in die Schule gehen

fudder-Redaktion

Es wurde viel über Schule und Corona gesprochen – jetzt kommen die Schülerinnen und Schüler zu Wort. Bei einem Projekt des Kreisgymnasiums Hochschwarzwald haben sie ihre Gedanken aufgeschrieben. fudder veröffentlicht ihre Geschichten. Teil 1: #vorortschooling.

Was denken Schülerinnen und Schüler über das Coronavirus und dessen Auswirkungen? Für ein Projekt des Kreisgymnasiums Hochschwarzwald haben 100 Schülerinnen und Schüler der Klassen fünf, acht, neun und zehn ihre Gedanken und Gefühle zur Pandemie aufgeschrieben. Entstanden sind 163 Geschichten und Gedichte. Dirk Philippi ist Lehrer für Deutsch und Sport am Kreisgymnasium und hat den Anstoß zum Projekt gegeben. Er hat die Geschichten in einem E-Bookzusammengefasst. fudder veröffentlicht einige der so entstandenen Geschichten.

Thema 1: Gedankenexperiment #vorortschooling

"Wir schreiben das Jahr 2020. Es gibt keine Schulen. Schon immer wird von Zuhause aus mit digitalen Medien gelernt. Plötzlich legt ein Computervirus weltweit die Systeme lahm. Man muss von einem Tag auf den anderen zusammen vor Ort lernen."

Lucia, 8b

#vorortschooling der wohl am häufigsten benutzte Hashtag des Jahres… Aber am besten fange ich von vorne an. In letzter Zeit passieren die skurrilsten Dinge. Ich dachte mir, ich muss unbedingt davon erzählen. Dann kann die Nachwelt (wenn die Menschheit denn diese Katastrophe heil übersteht) sicher von meinem Bericht profitieren. Übrigens schreibe ich gerade mit Stift und Papier. Wahnsinn, oder?

Zur Erzählung was bisher geschah:
Ich bin Lucia, dreizehn Jahre alt und gehe in die achte Klasse. Bis vor ein paar Monaten war alles normal. Am Morgen bin ich irgendwann aufgestanden und nach dem Frühstück habe ich mit meinen Schulaufgaben begonnen.

Meine gesamte Schule lernte über eine Plattform, komplett digital, wie halt überall in dieser Welt. Wer meine Lehrer sind, wusste ich eigentlich nicht richtig, ich kannte nur ihre Namen. Ich bin, nein war, außerdem mit Schülern aus aller Welt vernetzt, mit denen ich regelmäßig Videochats führte. Dort, wo vor Ewigkeiten einmal sogenannte "Schulgebäude" standen, ist heutzutage ein Zentrum für Kinder und Jugendliche.

Da konnten wir uns live sehen und zusammen Spiele spielen, Sport machen (selbstverständlich alles Mithilfe des heiligen Internets) und abhängen. In meiner Klasse waren wir ungefähr 30 Kinder, ganz sicher bin ich mir nicht, wir hatten uns ja noch nie alle getroffen…

Aber genug von der schönen Vergangenheit, zurück in die Horror-Gegenwart. Seit Wochen spricht die Welt nur noch über ein Thema (seit neustem gibt es "Zeitung", bedrucktes Papier mit lauter Informationen über den Planeten Erde): Das Internet-Virus Corona.

Die Folgen sind drastisch und viele leiden sehr darunter. Seit über zwei Monaten schon verständigen sich Menschen nicht mehr über das Internet. Alles wurde lahm gelegt und Computer-Experten stehen vor einem großen Rätsel. Ich könnte noch über so viele Probleme reden, die das Virus verursacht: Job-Verlust, weniger Freizeitmöglichkeiten, langsamere Verständigung, usw. Aber was vor allem mich betrifft ist die Schule. Dass 2020 besonders wird, habe ich mir schon gedacht, aber dass es so extrem in die Geschichte eingeht ist unglaublich!!!

Große Bauwerke werden jetzt als Schulen verwendet und ich treffe mich fünf Tage in der Woche mit meiner Klasse und den Lehrern. Es ist so seltsam, dass man jetzt alles um die Schule herum planen muss und man viel unflexibler ist. Aber ein großer Vorteil ist definitiv, dass ich meine Freunde so oft treffe, wie sonst nie. Manchmal muss ich sogar in der Schule essen.

Komisch, wenn so viele Leute gleichzeitig dieselben Dinge tun. Während des Unterrichts darf man nicht auf die Toilette, man muss still in Reihen vor dem Lehrer sitzen und leise sein. Gut, die nicht erlaubte Handy-Nutzung hat sich sowieso erledigt, aber trotzdem sind das seltsame Regeln, die ich so nicht gekannt habe.

Es erfordert auf jeden Fall Selbstbeherrschung, wenn man immer auf seine Mitschüler achten muss, damit in unserer Ausnahmesituation das Weiterleben überhaupt funktionieren kann. Nur zwei große Pausen gibt es, wo man sich unterhält oder real Fußball spielt. Alle sind überfordert mit der Situation, aber es gibt nicht nur Nachteile. Zum Beispiel antworten Lehrer oder auch Schüler viel schneller als im Internet und man lernt kreativ zu werden. Außerdem wurde alles persönlicher.

Verkehrstechnisch ist aber alles gerade sehr chaotisch. Wie sollen 600 Schüler an einen Ort gelangen? Die Lösung der Politiker waren Busse, extra für Schüler, und es funktioniert wirklich! Jetzt muss ich jeden Tag mit Büchern, die die Regierung endlich organisiert hat, zur Schule fahren. Sie ist fünfzehn Minuten von mir entfernt. Die Zeitverschwendung hatte ich früher nicht.

Trotzdem, jetzt hat sich alles verändert und zwei Fragen bleiben mir noch:

Wann ist es vorbei?
Was wird sich in Zukunft verändern?
Fragen, deren Antworten ich nicht kenne. Corona 2020, davon werde ich noch meinen Enkeln erzählen….

Benni, 9a

Seit nun zwei Wochen ist das Netz überall zusammengebrochen. Heute Morgen kam dann die Nachricht, dass wir ab morgen, anstatt dem gewohnten Unterricht über das Internet, in einer "Schule", in großen Räumen mit vielen anderen Kindern unterrichtet werden sollen. Ausgebildete Menschen, die Lehrer genannt werden, sollen uns dann die verschiedensten Dinge lehren. Ich kann mir noch gar nicht vorstellen wie das ablaufen soll, denn sowas kennen wir ja alle nicht.

Normalerweise sitzt jeder vor seinem Computer und erarbeitet sich den Unterrichtsstoff, der uns vorgegeben wird. Eigentlich ist das ganz gut. Man kann sich die Zeit selber einteilen und kann auch Pausen machen, wann man will. Allerdings ist es manchmal auch sehr schwierig, sich zu motivieren und das Arbeitspensum richtig einzuteilen.

Jetzt stelle ich mir die Frage, wie das #vorortschooling funktionieren soll. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass 30 Jugendliche in einer Klasse sitzen und dabei etwas lernen sollen. Normalerweise ist es, wenn Jugendliche unter sich sind, doch eher laut und unruhig.

Und jetzt das – stillsitzen, konzentriert mitarbeiten und an festgelegte Regeln halten. Das geht doch gar nicht!!! Auf der anderen Seite ist es sicher auch cool. Man trifft alle Freunde gleichzeitig und kann in den Pausen zusammen abhängen, was schon ziemlich fresh ist. Ich denke, auch im Unterricht kann es von Vorteil sein, über bestimmte Themen zu diskutieren und die sogenannten Lehrer um Hilfe bei Fragen zu bitten. Letztendlich bin ich gespannt, wie es ablaufen wird und freue mich in gewisser Weise darauf.

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