Meinung

Comfort-Binge: Wenn die Lieblingsserie Geborgenheit gibt

Christoph Giese

Wieder und wieder das Gleiche schauen ist langweilig? Mitnichten! Das Gewohnte kann ein Gefühl der Geborgenheit schaffen. Die Lieblingsserie wird Hintergrundrauschen und Wohlfühlzone in einem. Christoph Giese erklärt, wieso er immer wieder dieselbe Serie schaut.

Serien und Streaming gehören längst zu unserem Alltag. Spätestens seit Corona ist das vielfältige Angebot der Streamingdienste noch wichtiger geworden, wenn es um Zeitvertreib geht. Zählen Netflix, Amazon Prime und Sky eigentlich schon zur kritischen Infrastruktur? Die Dienste werden so intensiv genutzt, dass die Anbieter Mitte März die Videoqualität reduzierten, um die Netze nicht zu überlasten. Auch ich streame seit Beginn des Lockdowns wieder mehr, allerdings meist Altbekanntes.


Derzeit schaue ich die Sitcom "How I Met Your Mother", und das bereits zum x-ten Mal. Ich kenne die Serie schon in- und auswendig, all ihre 208 Folgen. Ich weiß wie Ted Mosby scheinbar endlos lange davon erzählt, wie er mit seinen Freunden Lily, Marshall, Robin und Barney in New York City lebt und die Mutter seiner Kinder kennenlernt. Die Dialoge, die Gags und natürlich das grässliche Ende – all das ist mir bekannt. Wenn ich nun also zum neunundzwanzigsten Mal sehe, wie Ted vergeblich auf der Suche nach "der Einen" ist, dann passiert nichts Neues oder Überraschendes mehr – und dennoch macht es mir unheimlich viel Spaß, das zu sehen.

Minimaler Aufwand für größtmögliches Vergnügen

Für das Phänomen, immer wieder die gleichen Serien zu schauen, gibt es einen Begriff: "Comfort-Binge". Er wurde von der amerikanischen Journalistin Alexis Nedd geprägt und lehnt sich an das sogenannte "Binge-watching" an, also das Folge-für-Folge-Schauen einer Serie. Nedd beschreibt es so: "Beim Comfort Binge geht es darum, mit minimalem Aufwand größtmögliches Vergnügen zu bekommen."

Es kann durchaus mit Aufwand verbunden sein, eine neue Serie anzufangen. Allein der Auswahlvorgang kann bei der schier unendlichen Zahl an Serien auf Netflix und anderen Streamingdiensten als abendfüllendes Programm durchgehen. Die erschlagende Flut der Optionen lässt mich regelmäßig ohnmächtig zurück. Ich könnte immer weiter scrollen. Wer weiß, vielleicht verbirgt sich drei Slides weiter ja etwas noch Besseres. Der amerikanische Psychologe Berry Schwartz nennt dies das "Paradoxon der Wahlmöglichkeiten". Je mehr Auswahlmöglichkeiten man hat, desto schwieriger ist es, eine Entscheidung zu treffen. Die Vielfalt lähmt, statt Freiheit zu bieten.

Das führt dazu, dass ich mir bei der kaum zu bewältigenden Menge an möglichen (guten) Serien manchmal die Frage stelle, bei welcher sich der Zeitaufwand des Ansehens lohnt. Serien haben meistens mehrere Staffeln mit vielen Folgen. Was, wenn die Serie die Zeit nicht wert ist? Ich muss mich auf neue Hauptpersonen in einem neuen Umfeld einlassen, das mir möglicherweise nicht gefällt. Was dann? Lohnt sich der Aufwand und die Verpflichtung, die ich damit eingehe? HIMYM hingegen ist die Safe-Bet. Ich weiß, was mich erwartet, und kann mir sicher sein, dass mir die Serie auch beim siebenunddreißigsten Mal noch Freude bereitet.

Die Charaktere wieder zu sehen, gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit

Eigentlich ist es müßig bei diesem Thema über Wert und Sinn nachzudenken, denn das wiederholte Anschauen von ein und derselben Serie kann man als sinnlos bezeichnen. Doch das ist es nicht, denn die Serie erfüllt genau den Zweck, den sie erfüllen soll: Sie unterhält mich. Das vertraute Setting, die vertrauten Personen. All das gibt mir – so cheesy es klingt – ein Gefühl von Geborgenheit.

Es macht nichts, wenn ich mal eine Szene verpasse – ich weiß ja ohnehin, was passiert. So übernimmt die Serie hin und wieder eine Funktion, die früher eher das Radio hatte: als Hintergrundrauschen bei alltäglichen Dingen, etwa beim Kochen oder beim Aufräumen. Das Format Sitcom ist ein weiterer Grund, warum die Wahl ein ums andere Mal auf HIMYM fällt, denn die Art und Weise, wie man sie konsumieren kann, ist ideal dafür. Zwar wird eine größere Geschichte erzählt, dennoch funktionieren die einzelnen Folgen auch losgelöst voneinander. Das ermöglicht es, eine Pause einzulegen oder eine Folge zu überspringen, ohne Wichtiges zu verpassen. Hinzu kommt, dass die nur 20-minütigen Folgen eine angenehme Länge haben.

Das wiederholte Erleben des bereits Bekannten hat etwas sehr Angenehmes. Wenn ich die gewohnten Stimmen und den vertrauten Jingle höre, zaubert es mir jedes Mal aufs Neue ein Lächeln ins Gesicht. Gerade in einsamen Corona-Zeiten ist das viel wert. Sicherlich ist das auch Bequemlichkeit, denn zum dreiundsiebzigsten Mal zu sehen, wie Ted von einer Ziege verprügelt wird, erfordert keine geistigen Kapazitäten mehr. Die Serie ist nicht anspruchsvoll. Kopf aus, berieseln lassen. Beruhigende Banalität. Willkommen in der ganz persönlichen Wohlfühlzone.

Aber natürlich hält es mich nicht davon ab, eine andere Serie anzufangen, wenn ich einmal Lust dazu habe. Dann stürze ich mich in die unendlichen Weiten von Netflix und gehe auf Entdeckungsreise. Es gibt ja viele starke Serien und nach einem neuerlichen HIMYM-Durchlauf kann ich auch mal etwas Neues gebrauchen. Barney wäre stolz auf mich, würde ich mich damit doch an eine seiner unzähligen Regeln halten: "New is always better."

Mehr zum Thema: