CatcallsofFreiburg

#Chalkback: Mit Straßenkreide gegen sexuelle Belästigung

Nicole Kauer

CatcallsofFreiburg ist der Name eines neu gegründeten Instagram-Kanals. Dabei geht es aber nicht um Insta-Katzen, sondern um Straßenbelästigung. Doch wer steckt hinter dem Freiburger Account und was hat es mit der Straßenkreide auf sich?

Sandra Emrich, 19 Jahre alt und in einer Ausbildung zur Pflegefachfrau, ist die Frau hinter dem Instagram-Account Catcallsoffreiburg und sagt: "Catcalling ist für mich ganz klar sexuelle Straßenbelästigung. Das kann Frauen betreffen, aber es können genauso gut Männer belästigt werden." Der Begriff Catcalling bezeichnet in Anspielung auf das Rufen von Katzen verbale sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit. Es sind unangenehmen Kommentare, die einem auf offener Straße hinterhergerufen werden und den Betroffenen oft ein ungutes Gefühl geben.


Der Begriff wurde in den USA geprägt. In New York wurde der erste Account gegründet. Doch nicht nur im Big Apple werden Frauen auf der Straße belästigt, sondern weltweit. Und so ist es nicht verwunderlich, dass es Catcalls-Accounts von Kairo über Montreal bis nach Freiburg gibt.

Kompliment oder sexuelle Belästigung?

Doch was ist genau das Problem beim Catcalling? Wo fängt es an und wo hören Komplimente auf? Problematisch ist, dass beim Catcalling Menschen auf ihr Äußeres reduziert werden. Für Sandra kommt es auch immer auf den Ton und die Art und Weise an, wie etwas gesagt wird. "Auch wenn es nur ein ’oh, du bist aber hübsch’ ist, das ein 60-jähriger Mann zu einem 12-jährigen Mädchen sagt, ist seine Intention nicht, nett sein zu wollen", sagt die Initiatorin des Projekts. Sie stört, dass Catcalling oft mit der Argumentation "stell’ dich nicht so an, das war nur ein Kompliment" abgetan wird. Catcalling ist in Deutschland bislang nicht unter Strafe gestellt. Die Petition "Catcalling strafbar machen", initiiert von der Studentin Antonio Quell aus Fulda, soll das ändern.

Im Augenblick liegt die Petition mit knapp 70.000 Unterstützenden dem Petitionsausschuss des Bundestags vor. Nicht weit von Freiburg, auf der anderen Seite des Rheins in Frankreich, ist Catcalling schon mit bis zu 750 Euro Bußgeld strafbar.

Catcallsof Freiburg

Den Catcallsoffreiburg-Account hat Sandra vergangenen Herbst bei ihrem Umzug von München nach Freiburg gegründet. In München war sie schon im Team von catcallsofmuc. Als Sandra festgestellt hat, dass es das Projekt in Freiburg noch nicht gibt, hat sie sich entschlossen, es fortzusetzen. Noch bevor sie in Freiburg angekommen ist, hat sich schon jemand auf dem Account gemeldet. Silja studiert an der Universität Freiburg und war sofort begeistert von dem Projekt.



Ihren ersten Post haben die beiden bereits abgesetzt. Das Projekt steht also in den Startlöchern, aber was nun? In den nächsten Posts wollen die beiden zeigen, was Catcalling ist, woher es kommt und wie es sich bis heute entwickelt hat. Um das Projekt zum Laufen zu bringen, braucht es die Interaktion der Followerinnen und Follower. Wer auf der Straße sexuell belästigt wird, schreibt Catcallsoffreiburg eine Direktnachricht und schildert, was genau, an welchem Ort passiert ist. "Für uns ist ganz wichtig, dass die Person, die sowas erlebt hat, merkt, dass wir einen Safespace bieten", sagt Sandra. So kann sich auch mal ein längeres Gespräch über mehrere Tage ergeben. Ein Safespace bezeichnet einen Schutzraum für Menschen, die ähnliche Erfahrungen teilen. "Wir möchten, dass die Menschen spüren, dass wir da sind und sie mit ihrer Erfahrung nicht alleine sind", sagt Sandra.

Doch neben der Möglichkeit eines vertrauensvollen Austauschs, geht es auch darum, die Erfahrung anonymisiert sichtbar zu machen und diese mitten in die Gesellschaft zu tragen. Mit Straßenkreide wird ein markanter Satz an den Ort geschrieben, wo der Catcall passiert ist, das sogenannte Ankreiden. Damit wird ein Teil des öffentlichen Raums zurückerobert. Anschließend machen sie ein Foto und teilen es auf Instagram. So bleibt der Catcall nicht allein stehen, sondern wird kommentiert und eingeordnet.

Welche Reaktionen bekommt man beim Ankreiden?

"Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt sehr positive Rückmeldungen. Manche Leute wollten uns schon Geld geben, um das Projekt zu unterstützen. Aber natürlich gibt es auch blöde Reaktionen und oft endet es in einer Diskussion". Es ist auch schon vorgekommen, dass sie während des Ankreidens selbst "gecatcalled" wurde. Einmal wurde Sandra von Zivilpolizisten überrascht, die ihre Personalien aufgenommen haben, wenngleich das Aufschreiben von Catcalls mit Straßenkreide keine Ordnungswidrigkeit oder Straftat darstellt. Ein blöder Beigeschmack bleibe dennoch zurück, sagt Sandra. Doch warum gehen Sandra und andere trotzdem immer wieder auf die Straße?

Sandra möchte erreichen, dass Catcalling entnormalisiert wird und die Menschen ein Gespür dafür bekommen. Sie will eine Community für Betroffene gründen: "Früher dachte ich immer, ich bin alleine und nur ich habe dieses Problem. Das stimmt nicht. Deswegen ist es ganz wichtig, einen Austausch zu finden." Für die Zukunft wünscht sie sich, "dass niemand so ein ekelhaftes Gefühl haben muss, wenn er durch die Stadt läuft".