Interview

CCC Freiburg: "Wir sehen uns als Ideen- und Chancengeber"

Stefan Mertlik

Der Chaos Computer Club Freiburg wird 10 Jahre alt – und begleitet seither aktiv die technische Entwicklung in der Stadt, beispielsweise mit der Einführung eines freien WLAN-Netzes. fudder hat mit dem CCC über das Jahrzehnt gesprochen.

Am 6. März feierte der Chaos Computer Club Freiburg (CCCfr) seinen zehnten Geburtstag. Seit einer Dekade begleitet der Verein aktiv die technischen Entwicklungen in der Stadt. Unter anderem hat der CCCfr federführend an der Umsetzung eines freien WLAN-Netzes gearbeitet. Aber auch mit Veranstaltungen wie dem "Mausöffnertag" oder der "Langen Nacht der Retro-Games" trägt der Club zu einem bunteren Angebot in Freiburg bei.


2018 zog der Verein aus der Dunantstraße auf das Grether-Gelände. In der ehemaligen "Druckerei im Grün" hat der Club Werkstätten für Metal- und Holzarbeiten, Büroräume und das Hackcenter eingerichtet. Dort treffen sich über hundert Mitglieder, um in größeren und kleineren Projektgruppen zu arbeiten. fudder hat mit fuzzle (1. Vorstand), Malf (2. Vorstand), Wuschl (Schatzmeister) und smtw (ERFA-Beauftragter) über Hacker-Klischees, IT-Führerscheine und die Geschichte ihres Vereins gesprochen.

Anfangs habt ihr euch als Chaostreff in Kneipen getroffen. 2010 kam es zur Gründung des CCC Freiburg – kurz darauf der Aufstieg zum "Erfahrungs- und Austauschkreis" (ERFA). War der ERFA-Status ein wichtiger Schritt?

Wuschl: Als ERFA wird man eine offizielle Vertretung des CCC. Dadurch wird einem das Vertrauen ausgesprochen, dass sich die eigene Philosophie mit der des Bundes-CCC deckt. Der Bundes-CCC hilft auch finanziell. Wir haben vor ein paar Jahren zum Beispiel Mietzuschuss und Gelder für Einzelprojekte bekommen. Im Moment brauchen wir die nicht mehr, weil wir recht groß geworden sind.

Was war in zehn Jahren CCC Freiburg das spannendste Projekt?

fuzzle: Durch das Projekt "Freifunk" haben wir die Stadt mit einem freien WLAN-Netz versorgt. Damit haben wir Türen bei der Stadt eingerannt, die damals noch verriegelt waren. "Freifunk" hat uns über viele Jahre hinweg begleitet.

Woher kommen bei euch die Ideen für Projekte?

Malf: Die meisten Projektideen kommen von einzelnen Mitgliedern. Der Club gibt nichts vor, deshalb müssen auch nicht alle mitmachen. Hat jemand eine Idee und begeistert damit andere, bietet der Club eine Plattform, um diese umzusetzen.

Der CCC ist für spektakuläre Aktionen wie den NASA- oder KGB-Hack bekannt. Ist die Außenwahrnehmung des Clubs durch solch medienwirksame Aktionen zu sehr geprägt?

smtw: Natürlich überschatten solche Nachrichten lokale oder kleinere Arbeiten. Das formt auch das Bild, das die Öffentlichkeit vom CCC hat. Mittlerweile ist aber allen klar, dass der Club mehr macht. Durch die Hacks sind die Menschen aber auf uns aufmerksam geworden. Mitglieder des CCC sind mittlerweile beratend in der Politik tätig.
Malf: Wir nehmen uns keine Computersysteme zur Brust, um sie kaputtzumachen. Wir überlegen uns, wie Dinge funktionieren. Dabei findet man natürlich auch heraus, wie sie kaputtgehen. Dadurch lernt man aber, wie man sie besser machen und etwas Gutes für die Gesellschaft tun kann.
fuzzle: Nicht jedes unserer Mitglieder ist auf jedem Gebiet gleich begabt. Was aber die meisten haben, ist ein kritischer Blick. Sehr viele Firmen sind gewinnorientiert und arbeiten eher schlampig. Da ist es gut, wenn wir uns das genauer angucken und Verbesserungsvorschläge machen.

Nicht überall wird der Begriff "Hacken" positiv aufgenommen. Spürt ihr das?

Malf: Als "Hacken" bezeichnen wir das Beiseitelegen der Bedienungsanleitung und das Herumprobieren am Gerät.
fuzzle: Es herrscht oft der Glaube, dass wir Supermenschen sind, die ihre Finger nur auf ein Gerät legen müssen. Ich würde mir wünschen, dass klarer wäre, was "Hacken" eigentlich ist.

Sollte die Bevölkerung generell mehr über Computer wissen?

smtw: In der Schule haben wir den Fahrradführerschein gemacht. Ich habe den Eindruck, schon vor vielen Jahren hätte man das auch für den IT-Bereich einführen müssen.
fuzzle: Wir haben gesellschaftlich ein Problem mit Wissenshierarchien. Es herrscht die Angst, etwas nicht zu verstehen. Aber jeder weiß zu wenig von allen möglichen Themen. Das ist ganz normal.

Wie reagiert ihr auf Menschen, die mit kaputten Computern vorbeikommen und von euch Wunder erwarten?

smtw: Hilfe zur Selbsthilfe ist uns viel wichtiger. Wenn jemand vorbeikommt, drücken wir ihm einen Schraubenzieher in die Hand und setzen uns daneben.
Malf: Bei uns kann man sich Hilfe nicht mit Geld, sondern mit Interesse erkaufen.

Durch spektakuläre Hacks findet das Thema alle paar Jahre in den Medien statt. Wirken sich diese Hypes auch auf eure Mitgliederzahlen aus?

Malf: Leute, die sich so einfach treiben lassen, bleiben nicht lange hier. Wer den Edward-Snowden-Film gesehen hat und auf einmal die Welt retten will, wird hier trotzdem freundlich empfangen.
fuzzle: Durch das "Freifunk"-Projekt hatten wir einen ziemlich großen Zulauf. Seit dem Umzug in die Innenstadt haben wir zudem mehr Laufpublikum, das mal reinschauen will.

Und was für Menschen sind bei euch Mitglied?

smtw: Ein sehr großer Teil arbeitet in der IT-Branche.
fuzzle: Es gibt aber auch einige Mitglieder, die den Club und die Strukturen gut finden. Computerwissen ist nicht dringend notwendig, aber jeder sollte Freude daran haben, Dinge verstehen zu wollen.
Malf: Du musst Spaß am Gerät mitbringen. Das Gerät kann aber alles mögliche sein. Wir haben hier auch Nähmaschinen stehen.

Was würde der Stadt fehlen, wenn es den Chaos Computer Club Freiburg nie gegeben hätte?

smtw: Wahrscheinlich wäre die Stadt um ein paar Digitalthemen ärmer und um den einen oder anderen 5G-Gegner reicher. Wir stellen fest, dass wir gefragt und angehört werden. Wir verstehen uns aber vielmehr als Ideen- und Chancengeber. Es ist uns nicht wichtig, dass unser Name überall draufsteht.
Was ist der Chaos Computer Club?

Der Chaos Computer Club wurde 1981 in Berlin gegründet und gilt als größte Hacker-Vereinigung Europas. Organisiert ist der Club dezentral in regionale Gruppen. Kleinere Gruppen heißen Chaostreffs, während sich größere und aktivere zu "Erfahrungs- und Austauschkreisen" (ERFA) zusammenschließen. Der CCC vertritt die Grundsätze der Hacker-Ethik.

Adresse:

CCC Freiburg
Adlerstraße 12a
79098 Freiburg im Breisgau