Caribou im Atlantik: Schnellzug im Tunnel mit Vogelzwitschern

Christian Beller

Was erwartet einen wohl, wenn ein knapp 29-jähriger, aus Kanada stammender, promovierter Mathematiker und Multi-Instrumentalist, der alle seine Platten im Alleingang einspielt und einen Hang zum Trampolin-Springen hat, die Bühne betritt? Das dürften sich einige der anwesenden Besucher gestern im Atlantik gefragt haben. Christian hat die Antwort.



Bevor die zwei Drum-Sets, Keyboards, Gitarren, Bass und Glockenspiel von Caribou in Stellung gebracht wurden bestritt die französische Band Yules (Bild oben) das Vorprogramm des im Rahmen des Génériq-Festivals stattfindenden Konzerts.

Erst kürzlich haben die mit Leonard Cohen und Simon & Garfunkel aufgewachsenen Brüder ihr erstes Album The Realease auch in Deutschland veröffentlicht und darauf ist charmanter, wenn auch ein wenig belangloser Folk-Pop zu hören, der ganz in der Tradition der Vorbilder steht und für eine sonntägliche Spazierfahrt in die Vogesen bestens geeignet ist.

Für die Live-Umsetzung hatten sie noch einen Drummer mitgebracht und wussten zudem mit doch eher selten eingesetzten Instrumenten wie Maultrommel oder Mundharmonika zu unterhalten. Mit leicht verlegenen Ansagen, einem Song, bei dem alle im Rhythmus mitgeklatscht haben und Mitsing-Refrains hielten sie das Publikum eine knappe dreiviertel Stunde bei Laune. Alles nicht sonderlich spektakulär, aber ein netter Auftakt.

Danach wurde das Bühnenequipment komplett umgebaut und bis alle Kabel verlegt waren, verging locker eine halbe Stunde. Gegen 23 Uhr zog sich dann Daniel Victor Snaith aka Caribou die Schuhe aus um sich mit seinen roten Socken an eines der beiden Schlagzeuge zu setzen.



Schon während des Studiums und der Promotion nahm der, in der Nähe von Toronto aufgewachsene, Musiker seine Stücke komplett alleine in seiner Freizeit auf und veröffentlichte sie bis 2003 unter dem Pseudonym Manitoba. Spätestens sein zweites Werk „Up In Flames“ sorgte in der Musiklandschaft für weltweites Aufsehen. Das größtenteils gesampelte Werk schrie geradezu nach dem Vergleich mit anderen Sample-Weltmeistern wie DJ Shadow, allerdings war die Musik ausufernder, sowie folk- und elektroniklastiger, erinnerte zudem an psychedelische Musik der 60er.

Weil der amerikanische Punkveteran Richard Manitoba ein Gerichtsverfahren wegen Namensmissbrauch angedroht hatte, änderte Dan Snaith seinen Namen kurzerhand in Caribou, den er der Legende nach, während eines LSD-Trips in der kanadischen Wildnis wählte. Mit „The Milk Of Human Kindness“ festigte er seinen Ruf als genregrenzen-sprengender Indie-Elektronica-Künstler und verdichtete den ganz spezifischen Sound auf seiner aktuellen Platte Andorra noch einmal, angereichert mit Flötentönen, tollen Melodien und jeder Menge großartiger Ideen.



Für die Live-Umsetzung brachte Caribou drei weitere Musiker mit, einen Drummer, einen zweiten Bassisten, der auch mal für den Gesang zuständig war und einen Gitarristen, der auch Keyboard spielen konnte. Der Hauptakteur selbst wechselte auch während den Stücken munter die Instrumente, von der E-Gitarre zu den Keys, vom Glockenspiel zur Flöte oder zur Blasharmonika und immer wieder zum Schlagzeug, das sprichwörtlich ganz im Vordergrund stand und dem ganzen diesen ungeheuren Druck verlieh, der auf Platte nur ansatzweise zu spüren ist.

Das letzte mal als ich mehrere Drummer mit so einer Präzision minutenlang auf ihre Instrumente einhämmern sah, war bei den japanischen Boredoms. Auch da war es eine wahre Freude zuzusehen. Ansonsten erinnerte mich das Konzert sehr an die Krautrockparts lang vergangener Stereolab-Konzerte oder an Artverwandtes wie Animal Collective.

Die Stücke waren dynamisch und ausufernd, der Gesang bettete sich in den gesamten Sound wie bei Shoegazing-Bands und an allen Ecken und Enden gab es kleine feine Details zu hören und zu entdecken.

Irgendwo hab ich den gelesen, dass man sich ein Caribou-Konzert so vorstellen kann, dass unten der Schnellzug durch einen Tunnel rast und oben die Vögelchen zwitschern. Ein ganz guter Vergleich.



Dazu verliehen die psychedelischen Visuals im Hintergrund dem Ganzen die passende Untermalung und lieferten so ein kompaktes und beeindruckendes Gesamtbild, das auch fast komplett ohne Ansagen auskam.

Ein Konzert, wie man es sich hier in Freiburg öfters wünschen würde!

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Foto-Galerie: Carolin Buchheim

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