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"Bis Späti"-Mitglied Esther Hauth: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Maya Schulz

Wie verbringen die Menschen in Freiburg die Krise? Was macht es mit ihnen und wie lenken sie sich ab? fudder fragt bei Studierenden, Sportlern und Selbstständigen nach. Folge 8: Esther Hauth vom Bis Späti im Stühlinger.

Seit etwas mehr als einem Jahr gibt es ihn nun, Freiburgs ersten Späti im Stühlinger. Und leider ist auch schon ein Ende in Sicht, da der Mietvertrag für die Räume in der Egonstraße im Juni 2021 enden und das 11-köpfige Späti-Team dann den Platz räumen muss. Wie das Team die Covid-19-Pandemie und insbesondere den Lockdown erlebt hat, wie das Fazit nach einem Jahr Späti aussieht und ganz besonders, wie es jetzt weitergeht, hat Späti-Teilinhaberin Esther Hauth, 31, fudder erzählt.

Esther, wie geht es dir?

Aktuell sehr gut, ich genieße den Sommer und versuche in allem etwas Positives zu sehen, so gut es geht.

Wie hast du die letzten Monate verbracht?

Durch den Lockdown sind viel Struktur und Alltagsnormalität verloren gegangen, das war besonders am Anfang sehr deprimierend. Ich muss schon sagen, dass der Späti nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern auch ein bisschen Wohnzimmer für mich ist und ich normalerweise viel Zeit dort verbringe. Ich habe im März meine Abschlussarbeit abgegeben und mich auf eine angenehme Zeit eingestellt, stattdessen hieß es: Drinnen bleiben. Besonders die Einschränkung der sozialen Kontakte war sehr schwierig für mich, sodass ich froh war, in einer WG zu wohnen und Kontakt zu meinen Mitbewohner*innen haben zu können. Ansonsten bin ich sehr viel Fahrrad gefahren und habe Podcasts gehört, im Park gesessen und gelesen.

Wie hat sich die Krise auf den Späti ausgewirkt?

Insgesamt mussten wir den Späti für sechs Wochen schließen. Wir sind wie eine kleine Späti-Familie und haben in der Zeit des Lockdowns gezoomt, um die Zukunft des Spätis zu besprechen. Zum Glück haben wir die Soforthilfe erhalten, sodass die Situation finanziell etwas abgefedert wurde. Trotzdem mussten wir uns alle einschränken und haben natürlich gemeinsam die finanziellen Folgen zu tragen. Wir sind alle elf gleichermaßen Teilinhaber*innen des Spätis und zahlen uns keinen Lohn aus, sondern teilen nur den Gewinn, wenn wir welchen erzielen. Der Späti war aber nie dazu gedacht, Gewinn zu erwirtschaften, weshalb wir uns die studentenfreundlichen Preise überhaupt erlauben können. Die meisten von uns haben neben den Späti-Schichten auch noch einen anderen Job. Nach dem Lockdown haben wir erst mal mit Türverkauf weitergemacht, niemand durfte in den Laden rein. Natürlich hat das Umsatzeinbußen bedeutet, zum Glück sind wir aber insgesamt ganz gut aus dem Lockdown herausgekommen. Wir haben sogar einen kleinen Außenbereich genehmigt bekommen, sodass man wieder bei uns sitzen kann, auch wenn der Sitzbereich im Laden vorerst weiterhin geschlossen bleibt. Die Öffnungszeiten waren ein Stufenprozess, inzwischen nähern wir uns aber den normalen Späti-Zeiten wieder an. Es ist auf jeden Fall ein Riesenvorteil, so ein großes Team zu sein, keiner muss die Situation alleine schultern - wir teilen das Leid und die Freude!

Wie geht’s jetzt für den Späti weiter?

Der Umsatz stabilisiert sich zum Glück langsam wieder. Auch feste Termine finden wieder statt, wie zum Beispiel unser Nähcafé, das dienstags ab 18 Uhr in unserem neuen Außenbereich stattfindet. Seit etwa einer Woche bieten wir mittwochs um 14 Uhr auch wieder unseren Mittagstisch ("Besser späti als nie") an. Zu dieser Zeit gibt es bei uns warmes Essen auf Spendenbasis. Obwohl wir froh sind, dass alle Projekte langsam wieder anlaufen, leben wir aktuell mit der Perspektive, dass wir im Juni 2021 schließen müssen. Das hat aber nichts mit der Pandemie zu tun, wir konnten uns darauf einstellen, haben Sparmaßnahmen ergriffen, da hatten andere Geschäfte sicherlich schwerere Bedingungen als wir.

Seid ihr nach einem Jahr Kampf um den Späti froh über die Erfahrung? Was habt ihr über euch gelernt?

Der Späti gibt uns allen immer wieder die Möglichkeit, extrem viele Erfahrungen zu sammeln. 2019 war mit all seinen Schwierigkeiten durch die Lärmbeschwerden insgesamt eine sehr lehrreiche Zeit für uns. Wir haben uns sehr bemüht, den Menschen unser Konzept zu erklären und dass es nicht um einen Saufladen geht, zum Beispiel in dem wir Zettel aufgehangen haben, um den Leuten unsere Ziele näherzubringen. Unser großer Wunsch war, soziale Projekte zu unterstützen, Quartiersarbeit zu leisten und durch ständigen Dialog und Kooperationsbereitschaft Kompromisse zu finden. Wir sind nach wie vor der Meinung, dass es öffentliche Plätze geben muss, an denen man neue Menschen treffen und sich austauschen kann. Sich zuhause zu treffen ist nicht immer eine Alternative, weil man häufig auch dort leise sein muss und seine Kreise dort nicht erweitern kann. Letztendlich geht es um einen Spagat zwischen dem Verständnis für Menschen, die sich gestört fühlen und gleichzeitig dem Verständnis für diejenigen, die Raum zum Treffen brauchen und das Gefühl bekommen, überall unerwünscht zu sein und von einem Ort zum nächsten geschickt zu werden. Irgendwo muss man sich treffen – auch in Sachen Kompromiss.

Gibt es gute Nachrichten für alle Späti-Fans?

Ja! Wir haben uns entschieden, wieder auf Raumsuche zu gehen. Wir wollen einfach, dass Freiburg einen Späti hat und den Projekten, die wir unterstützen, weiterhin den Raum ermöglichen. Unsere Küche stellen wir zum Beispiel dem Verein "Zusammenleben e.V." zur Verfügung, der geflüchteten Menschen die Möglichkeit zu einer kleinen Grundausbildung im Gastronomiebereich gibt, sodass sie bessere Chancen auf Ausbildungsplätze haben. Wir sind alle hochmotiviert, strecken langsam unsere Fühler aus und besichtigen Ladenflächen. Den Stadtteil Stühlinger finden wir als Standort nach wie vor toll, wir sind aber für alles offen. Da wir ein Team sind und keiner Alleinentscheidungen trifft, setzen wir uns immer wieder zusammen und überlegen, wie wir unser Konzept beibehalten oder verändern können. Das ist ein sehr spannender Prozess, der immer wieder neuen Gestaltungsspielraum bietet. In Bezug auf die Raumsuche sind wir nicht naiv, aber optimistisch. Es ist in Süddeutschland eben kein verbreitetes Konzept, aber wir bleiben dran.
Info:

Auch fudder findet, dass es für den Späti unbedingt weitergehen soll. Wer also Tipps für neue Räume hat, kann sich auch unter info@fudder.de melden und wir geben die Info dem Späti-Team weiter.