Billy Talent in Freiburg: Pausenhoftaugliche Brülltherapie

David Weigend & Markus Berger

Schon gegen 16.30 Uhr drängten sich viele Schüler vor den Absperrgittern der Rothausarena, um ein blaues Armband für den Innenraum der Halle zu bekommen. Vier Stunden später sind knapp 8000 Zuschauer anwesend, um den ersten balladenfreien Abend an der Neuen Messe zu erleben. Vom Aufruhr des netten, kanadischen Dreschflegels Billy Talent.



Es ist immer ganz hilfreich, wenn eine Band in ihren Texten einen quasi-autobiographischen Hintergrund liefert. Im Fall von Billy Talent sieht dieser ziemlich düster aus. Einige übersetzte Zitate: "Vom ersten Tag an abgewiesen, der Nikolaus scheint meinen Schornstein verfehlt zu haben." "Es ist schwer, mit all diesen gebrochenen Fingern Halt zu finden." "Es gibt nichts zu verlieren, wenn niemand deinen Namen kennt." "Dein Mitgefühl bringt mich noch um."

Billy Talent, salopp gesagt der Oskar Matzerath des zeitgenössischen Rocks, ist ein geschlagener Hund, ein Losertyp. Aber jetzt kommt der Bruch. Sänger Benjamin Kowalewicz trägt seine Pro-Depressiva nicht vor wie ein Jammerlappen, sondern so, als schlüge ihm alle zehn Sekunden der Deibel persönlich einen Hammer auf den großen Zeh. Schreie, Zorn, die Haltung, sich mit seinem Schicksal nicht abfinden zu wollen. Eine Brülltherapie, welche die fast 8000 jungen Zuschauer nach dem Konzert aussehen lässt wie gestrandete Bootsflüchtlinge, die glücklich und erschöpft einen Hafen erreicht haben.



Das Quartett aus Streetsville, Ontario, Kanada, hat sich im September 2003 mit einem extatischen Cholerikerdebüt aus der heimischen White-Trash-Satellitenstadt emporgemuckt. Vogelwilde Frischlinge, die im Grunde High School-Rocksongs spielen, diese aber durch einen Schuss Angriffslust ihrer Unschuld berauben. Gitarrist Ian D'Sa pickt nach der Formel "Punk minus Contenanceverlust", Benjamin Kowalewicz macht unter Zuhilfenahme seiner abartigen Stimmbänder dem gekränkten Stolz recht verbindlich Luft. Dass er auf den Bühnen dieser Welt seit drei geschlagenen Jahren wortwörtlich den gleichen Small Talk-Stuss abdrückt, geschenkt.



Höhepunkt des Gigs ist vielleicht wieder einmal die Suizidhymne "Nothing to lose" im Zugabeteil. Ein Song mit der Grandezza einer angeritzten Pulsader. Ein Aufgeber, der sich endgültig aufgibt und ein letztes Mal seine Verzweiflung in die dunkle Welt hinausschreit. Künstlerisch perfekt umgesetzt, intensiv, mutig, endgültig. Die Band macht vorneweg klar, dass dieses Lied ein Appell sein soll gegen die Einsamkeit, gegen die Isolation, die in solch eine biographische Sackgasse führen kann.

Unter Umständen kommen jetzt wieder die absehbaren Nörgler, die sagen, hach, jetzt wo die Band in diesen Riesenhallen spielt, kannste die doch vergessen. Und diese textlichen wie musikalischen Anbiederungen der zweiten Scheibe an die ganzen Teenies, von wegen Schlußmachschmerz ("Pins and Needles" etc) und vorpubertäres Aufbegehren, total abgestumpft und zielgruppengerecht kalkuliert.

Der Gig von Billy Talent in Freiburg zeigt trotz jener Einwände, dass diese Jungs zurecht zur derzeitigen Spitze des Emorocks gehört. Die Band war von Anfang an stilprägend, Nachahmer gibt es zuhauf, exemplarisch seien hier die M-TV-Günstlinge "Fall Out Boy" genannt. Der pausenhoftaugliche Punkrock 2007 klingt nun mal wie Billy Talent und das ist nicht das Schlechteste.

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Fotos: Markus Berger

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