Kultur

Biennale für Freiburg startete mit Proben-Experiment

Martha Martin-Humpert

Die Biennale für Freiburg hat begonnen. Einen Einstieg zu Präsenzveranstaltungen lieferte am Wochenende Keren Cytters performative Lesung "Business Class" im Literaturhaus. Darin ging es um das Ausprobieren beim Proben.

Über dreißig Grad und Kulturveranstaltungen ganz ohne Stream, was für eine Wohltat nach diesem depressiv-düsterem Corona-Frühling. Bei der ersten Präsenzveranstaltung der Biennale für Freiburg sammeln sich am Freitag schöne Kulturmenschen vor dem Literaturhaus in der Innenstadt. Noch ist man ein wenig unsicher, wie begrüßt man denn nun die teilweise Fremden? Küsschen ausgeschlossen. Handschlag? Noch zu früh. Der Ellenbogen wirkt mittlerweile ein bisschen albern. Also bleibt es beim freundlichen Kopfnicken. Die Pandemie hat unsere sozialen Gewohnheiten verschoben. Doch merkt man den Besuchern des Abends an: Die Lust an kulturellem Austausch ist da, auch wenn die Masken aufbleiben müssen. Stühle auf Abstand – eh gut, weil bei dieser Hitze alle übermäßig schwitzen. Los geht’s.


Das Thema des Tages: A Day’s Work. Bereits am Nachmittag hatte es dazu einen Schreib-Workshop im Stadtgarten gegeben, nun folgt der zweite Teil. Die in Tel Aviv geborene Künstlerin Keren Cytter erklärt das Konzept des Abends: Zwei Schauspielerinnen spielen den Text eines Stückes nach, das vorher bereits mit anderen Schauspielern geprobt worden war. Diese vorangegangene Arbeit wird zwischendurch in kleinen Videosequenzen gezeigt. Der Zuschauer taucht so direkt und unmittelbar in den Prozess der Probenarbeit ein.

Proben ist ein ständiges Ausprobieren

Die Handlung wird nicht eindeutig klar, es scheint um die Begegnungen zwischen einem Mann und einer Frau zu gehen. In poetischen Fragmenten leiten die beiden Spielerinnen Inka Meißner und Laurie Mlodzik durch ein Verwirrspiel von Verwechslungen zwischen sich und der Zwillingsschwester, dem eigenen Spiegelbild und der Auseinandersetzung von Individuen innerhalb einer Theaterprobe. Immer wieder springt Keren Cytter als Regisseurin ein, gibt auf sympathisch verpeilte Art Anweisungen zu Bewegungen, zu Lautstärke oder Einsätzen. Denn das Proben als Prozess ist ein ständiges Ausprobieren innerhalb eines gesteckten Rahmens. Die Stimmen der Schauspielerinnen überlagern sich, driften auseinander und finden einen gemeinsamen Rhythmus in einzelnen Worten. So werden Ebenen von Bedeutung und Spielweisen aufeinandergeschichtet.

Besonders deutlich wird das durch die Einspielungen der bereits stattgefundenen Probenteile. Die Schauspieler auf der Leinwand wiederholen, was gerade live vor Ort passiert ist. Es scheint eine Nachahmung, und ist doch ein Zirkeln der Zeit. Wie bei einer russischen Matruschka entdeckt man beim Auseinandernehmen etwas scheinbar Gleiches, das doch ein anderes ist. Im Publikum folgt auf anfängliche Konzentration schnell Konfusion, was aber nicht weiter schlimm ist. Denn nach anderthalb Jahren ohne Durchblick ist es schön, sich mal wieder ganz freiwillige in die Verwirrung zu werfen. Und wie angenehm, endlich wieder sein Gehirn anstrengen zu müssen. In Bewegung gebrachte Poesie, die keiner klaren Linie folgt, sondern den Zuschauer zwingt, sich seinen eigenen Reim auf das Geschehen zu machen. Adaption und Anpassung, einen eigenen Sinn ziehen aus dem ganzen Chaos, das einen sonst vielleicht verrückt macht. Eigentlich eine schöne Allegorie für die letzten Monate.

Umstände haben die Regie übernommen

Die Regisseurin erklärt in der abschließenden Fragerunde, dass es ihr während den Proben manchmal vorgekommen sei, dass trotz klarem Plan und Strategie plötzlich die Umstände die Regie übernommen hätten. Also Szenen umsortiert, umgedeutet und umgeschrieben werden mussten, etwa weil sich die Schauspieler nicht mehr verstehen. Das Ungewisse, es ist eben immer Teil von Leben und Spielen. Ziemlich sicher ist jedoch, dass das fertige Stück im September in Basel aufgeführt werden wird. Wem das zu lang ist, kann schon diese Woche zur nächsten Biennale-Veranstaltung gehen. Der nächste Programmpunkt "Zwischen dem Pflaster liegt der Strand! – A slow walk for a green (Freiburg)" mit Andreas von Ow findet schon diesen Samstag statt.
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