Ben Beckers Best of Bibel

Christoph Müller-Stoffels

Sonntagabend, Messe mit Pfarrer Ben Becker. Der Schauspieler machte gestern auf seiner Bibel-Tour Station in Freiburg. "Eine gesprochene Symphonie", hieß es vollmundig im Untertitel. Ob dem so war? Christoph hat sich für fudder den Segen geholt.



Und es erging aber der Ruf, dass sich alle aufmachten am Abend des siebten Tages in die Rothaus Arena zu Freiburg, auf dass sie dort könnten hören und sehen den, äh, Schauspieler und Musiker Ben Becker, der derzeit mit einer Bibellesung durch die Republik tourt. Und gekommen waren sie, um dem Spektakel beizuwohnen, denn eben das versprach es zu werden. Orchester, Band, Gospelchor, Videoleinwand. Und Ben Becker, der Mann, der als kleines Kind in das Whiskey-Fass gefallen war und seitdem mit Rothändle-Zigaretten anstelle von Sauerstoff seine Lungenflügel zum Beben bringt.

Zumindest klingt seine Stimme so. Und sie klingt auch so, als die ersten Worte aus Mose 1 durch die Rothaus Arena klingen. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Becker steht an einem Kanzel-ähnlichen Vortragspult, das mit blauem Samt verkleidet und mit einem goldenen Kreuz dekoriert ist. Und Becker liest vor. Aus der Bibel. Das klingt gut. Allerdings würde es auch gut klingen, würde der Mann aus dem Telefonbuch vorlesen. „Müller, Annemarie, 56374.“

Während es im Text, unterlegt von fast sphärischen Orchesterklängen, um Adam und Eva geht, werden Früchte an die einem Tryptichon nachempfundene Videoleinwand projiziert, die in faule Früchte übergehen, nachdem vom berühmten Apfel genascht wurde. Becker ist dabei, bebt vor Ergriffenheit ob mancher Absätze, hält sich am Pult fest, greift in die Luft, schließt die Faust. Seine Gestik unterstreicht die Dramatik, die er in den Text legt.

Zwischendurch singt er auch. Zum Beispiel „In the Ghetto“, nachdem er Abel von dessen Bruder Kain ermorden ließ. Elvis war der Meister des Schmalzliedes, Meister des Pathos. Doch vor Ben Becker muss sich auch dieser verneigen. Noch mehr Pathos, noch mehr sonore Hingabe legt der Sänger Becker in seine Interpretation. Allerdings klingt das auch nicht anders, als die Version, die auf der 2008 erschienen CD zum Projekt erschienen ist.

Überhaupt klingt alles recht ähnlich. Vergebens wartet man auf etwas Unvorhersehbares. Becker liest, Becker singt, Becker liest, Becker scheint ergriffen. Hinten- oder nebendran plätschern das Orchester und die Zero Tolerance Band vor sich hin. Obwohl es immer wieder zu Szenenapplaus kommt, sind die Pausengefühle gemischt. Man wartet die ganze Zeit auf die komische Komponente, auf den Monty Python-Effekt, ein Lebenszeichen im monotonen Einerlei, eine Provokation. Aber die kommt nicht.

Stattdessen entlässt Becker sein Publikum zur Pause mit den Worten „Ihr sollt herausgehen und springen wie die Mastkälber.“ (Mal 3,20), was dieses auch tat und zu den Biertrögen drängte.

Das Neue Testament, mit dem Becker den zweiten Teil des Abends bestreitet, beginnt mit einem auf den Altar projizierten Sonnenaufgang. Weiter geht es, wie es vor der Pause aufgehört hat.

Becker liest natürlich nicht die gesamte Bibel. Das ist ohne Zweifel im Interesse aller Beteiligten. Aber er liest eben bierernst, ohne ein Augenzwinkern, das dieser Text verdient hätte. Die komische Komponente bedient einzig ein Gitarrist, der in violetter Robe an den Bühnenrand tänzelt. Die Musiker durften sich aussuchen, ob sie ein Kostüm tragen wollen, und der junge Mann hat sich dabei eindeutig vergriffen. Dafür flackert auf seinem Verstärker ein Grablicht.



Und dann kommt es doch, der eine Moment, auf den alle gewartet haben. Becker wird zum Gospelpfarrer, löst sich von der Kanzel. Während der Chor „Jesus hears every prayer“ am Bühnenrand intoniert, wandert Becker mit großer Geste über die Bühne, segnet den tänzelnden Gitarristen und küsst den Bassisten auf den Mund.

Es ist der einzige Moment, wo Becker tatsächlich aus sich herausgeht, wo sein verschmitztes Grinsen aufblitzt. Doch der Augenblick vergeht und Jesus kommt dem Verrat durch Judas näher. Dann die Kreuzigung, die Auferstehung. Und dann kommt das große Finale und das Lied, das dieses Projekt überhaupt ins Rollen brachte, Dolly Partons „He's alive“.

Becker hörte, so die Legende, vor fünf Jahren den Song und wollte darum das Bibelprojekt aufziehen. Zusammen mit einem befreundeten Theologen nahm er sich das Buch vor, wählte aus, kürzte – und holte sich das Einverständnis der Deutschen Bibelgesellschaft.

Zwar ist das Lied ein gelungener Abschluss und verführt das Publikum zu Standing Ovations, aber trotzdem bleibt der geneigte Zuschauer angefüllt mit Fragen zurück.

Zuvorderst steht dabei die nach dem Warum? Was will Becker mit dieser Show? Geld verdienen? Das ist legitim. Missionieren? Wohl kaum, eher ist das Thema schlicht en vogue. Hat er einen Bildungsauftrag? Wenn ja, so kommt er ihm recht zeitgemäß nach und bedient das Quizshow- und Kreuzworträtsel-Halbwissen unserer Zeit. Will er im Rampenlicht stehen? Ohne Frage, denn der Selbstdarsteller Ben scheint eine Botschaft auf jedem Fall im Gepäck zu haben: Du sollst keinen anderen Becker neben mir haben.

Und das hat natürlich auch niemand, denn schließlich kann man von Glück sagen, dass eben dieser Ben Becker mit seiner Reibeisenstimme das Projekt in Angriff genommen hat.

Es hätte schlimmer kommen können.



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