Tanz

Beim "Queer Pop"-Symposium konnte man "Voguing" ausprobieren

Rahel Schneider

Körper und Geschlecht von Stereotypen befreien – darum ging’s beim "Queer Pop"-Symposium an der Uni Freiburg. Und auch Tanzen kann man jenseits der Geschlechterrollen: Beim "Voguing".

Drei Tage lang beschäftigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Einfluss queeren Lebens in der Popkultur. Zum Abschluss des Symposiums gibt es einen Voguing-Workshop unter der Leitung der preisgekrönten Tänzerin und Choreographin Georgina Leo St. Laurent. Dieser an Model-Bewegungen angelehnte Tanzstil entstand in den 1980er Jahren in der marginalisierten homosexuellen Subkultur im New Yorker Stadtteil Harlem.


Rund 50 überwiegend junge Interessierte drängen an diesem Nachmittag in das Lehrzimmer der Freiburger Uni. Jogginghose und Turnschuhe geben den Modetrend vor – lediglich einige pink, blau und grün gefärbte Haarschopfe lassen die bunte Vielfalt der Truppe erahnen. In schwarzem Sportlook führt die "Queen of Vogue", Georgina Leo St. Laurent, die erste Komponente des Tanzes vor: Armbewegungen.
Voguing

Voguing ist ein Tanzstil, der sich Anfang der 1980er Jahre in New York etablierte. Durch den Song "Vogue" von Madonna wurde er 1990 einem breiteren Publikum bekannt. Die Tanzenden ahmen das Schreiten von Models auf einem Laufsteg nach und ergänzen dies durch Posen aus der Modefotografie. Die rechtwinkligen Arm- und Beinbewegungen folgen einer klaren, linearen Struktur. Namensgeber des Tanzes ist die Modezeitschrift "Vogue". Begründet wurde die moderne Tanzart von queeren Menschen dunkler Hautfarbe, die sich aus der weißen Trans- und Homosexuellen-Szene des bunten New York ausgeschlossen sahen.

Die Hände an den Hüften oder ausgestreckt über dem Kopf, stehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Raum, immer darauf bedacht, dem Nachbarn nicht zu nahe zu treten. Nach jedem elektronischen Beat wird die Pose gewechselt. Anfangs fühlen sich die Bewegungen an wie die einer Stewardess, die auf die Notausgänge zeigt – aufrecht, aber steif.



Nach wenigen Takten, so zeigt der Selbstversuch, verselbständigen sich die Arme zu neuen Kombinationen. Der Beat stoppt. Nächster Schritt: die Gangart. Eine Mischung aus Militärmarsch und elegantem Laufstegschreiten. Fasziniert beobachtet die Gruppe, wie sich St. Laurent geschmeidig und präzise durch den Raum bewegt.

Vor knapp zehn Jahren hat sie das Voguing nach Deutschland gebracht. "Die größte Schwierigkeit ist es, über die eigene Scham hinwegzutreten", meint die gebürtige Düsseldorferin. Und sie kennt einen Trick: "Du bist der Star. Tanze, als hättest du gerade dein Grand Finale". Jubel brandet auf und kurz darauf tanzt ein jeder, wie es ihm passt. Männliche Körper formen feminine Posen, die so mancher zierlichen Frau Konkurrenz machen. Im Tanz verschmelzen die Geschlechtsidentitäten miteinander. Diversität ist in diesem Raum nicht an das biologische oder soziale Geschlecht einer Person gebunden.



"Für mich war es interessant, unterschiedliche Posen auszuprobieren und zu merken, ob ich mich darin wohlfühle", resümiert die 25-jährige Heilpädagogin Alisa Kehret aus Freiburg. Für Swetlana Müller ist es bereits der zweite Voguing-Kurs. Die 32-jährige arbeitet in einem Freiburger Lebensmittel-Start-Up. Ihr geht es vor allem darum, "Berührungsängste abzubauen und die Nachteile einer heteronormativen Gesellschaft aufzuzeigen". Die Uni Berlin biete das Voguing bereits als uni-internen Sport an, ein solches Angebot würde sie auch in Freiburg begrüßen. Das große Interesse zeigt Wirkung und spontan sammelt das "Regenbogen-Referat" Kontaktdaten ein. Die studentische Interessenvertretung der LGBTQ-Community (nach den englischen Begriffen für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender- und queere Menschen) organisierte den Voguing-Workshop innerhalb der "Queer Pop"-Tagung. "Solange man die Kultur respektiert und sie auch außerhalb der Szene vertritt, kann jeder teilhaben", meint St. Laurent zum Schluss. Voguing habe für viele Menschen, die zu Hause aufgrund ihrer Genderrolle nicht akzeptiert würden, die Funktion einer Ersatzfamilie.