Rezension

Bei "Zuerst Schwarz" ging es um die Erfahrung Schwarzer Adoptivkinder weißer Eltern

Charlotte Wagner

In der Villaban geht es beim Erzählcafé "Zuerst Schwarz" um die Auseinandersetzung Schwarzer Adoptivkinder weißer Eltern, um (Alltags-)Rassismen und Diskriminierungsformen im Kontext Dating.

"Wir sind alle dezentriert. Willkommen am Rande!", sagte einst der jamaikanisch-britische Kulturwissenschaftler Stuart Hall und so geht es Menschen wie Mikah und Jean: Sie sind entwurzelt, denn sie wurden adoptiert. Und sie leben als Schwarze, queere Menschen in einer weißen Gesellschaft. Über die Herausforderungen sprechen sie an diesem Abend.


Das Erzählcafé "Zuerst Schwarz" findet im Seminarraum N.E.W. der Villaban statt, organisiert von der Veranstaltungsreihe "Here and Black". "Black Priority"-Schilder liegen auf den vorderen Sitzplätzen, vielmehr Auswahl gibt es nicht mehr.
Ein paar Stühle werden noch hinzugeholt. Für die Weißen unter uns ein kleiner Moment der Verwirrung, auch für mich. Schließlich sind wir es nicht gewöhnt, dass unsere Anwesenheit hinterfragt wird.

Aufmerksammachen und Zuhören

Und ein bisschen fühle ich mich an das Apartheid-Museum in Johannesburg erinnert, dort wird man per Zufallssystem über die Eintrittskarte als Schwarzer oder weißer Mensch eingestuft und benutzt den jeweils zugewiesenen Eingang. Im Laufe des Abends wird klar, dass es nicht darum geht, auszuschließen. Willkommen ist beim Erzählcafé am Freitagabend jeder und jede. Vielmehr geht es ums Aufmerksammachen, ums Zuhören, um die Bereitschaft, sich zu informieren. Und um so vieles mehr.

Mikah und Jean, die Hauptpersonen des Abends, machen zu Beginn klar: "Uns ist die Sicherheit in diesem Raum die oberste Priorität. Am Ende gibt es eine offene Runde, da nehmen wir gerne Fragen und Anmerkungen entgegen, allerdings nur von Personen, deren Eigendefinition die eines Schwarzen Menschen ist."

Um den Zusammenhang zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, wer die beiden sind: Mikah ist ein/e Schwarze Aktivist/in, Poet/in, Bildkünstler/in, und Autor/in aus Freiburg im Breisgau. Mikah identifiziert sich selbst als queer-liebend und nonbinär und nutzt die Pronomen "sie/ihr", oder auf Englisch "they/them".
**Bla*Sh – Black She
ist ein Netzwerk von Schwarzen Frauen in der Deutschschweiz. Wir leben straight oder queer, mit oder ohne Kinder, die einen sind ausschließlich in Europa aufgewachsen, andere haben auf anderen Kontinenten gelebt. Was uns verbindet ist die Erfahrung als "Schwarz" wahrgenommen zu werden und der Afro-Bindestrich, sprich wir sind "of African Descent" im weitesten Sinn des Wortes.

2017 hat Mikah die Online-Plattform "ZuerstSchwarz" gegründet und setzt sich seither für die mentale Gesundheit und spirituelle Heilung, das Empowerment und die Repräsentation von Schwarzen Menschen in Deutschland und Europa ein. Außerdem wirbt Mikah dafür, Sexualkunde für Heranwachsende aus der LGBTQIA-Community altersgerecht ab der Grundschule einzuführen.

Jean ist eine queere, Schwarze, adoptierte Femme und arbeitet als hilfswissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Basel, wo sie derzeit auch einen Bachelor in Soziologie und Ethnologie macht. Seit einigen Jahren ist Jean außerdem Mitglied von Bla*Sh** (Black She – Netzwerk Schwarzer Frauen in der Deutschschweiz) und Teil des Kollektivs Normal_Love, das Partys für queere Menschen veranstaltet.

Am Anfang war die Isolation

Der Abend hat es in sich. Mikah und Jean schildern von ihren Erfahrungen als Schwarze Adoptivkinder weißer Deutscher. "Bei den Treffen von weißen Eltern mit ihren Schwarzen Kindern – adoptiert oder nicht – fühlten wir uns fehl am Platz; wir passten nirgendwohin und in dem jungen Alter konnten wir auch noch nicht analysieren, was dieser Spalt bedeutete, der sich tagtäglich auftat. Wir waren ein Haufen verwirrter Kinder", so Jean. Erst seit ein paar Jahren wären beide an den Punkt gekommen, dass sie all das, was sie als junger Mensch noch nicht begreifen konnte, die Dissonanz, die sie spürten, nun verstehen und dafür auch Worte finden könnten – durch das Studium, durch die Auseinandersetzung mit Gleichgesinnten - privat, aber auch in Gruppen wie "Here and Black" - und auch im Alleingang, denn am Anfang ist da vor allem eins: Isolation.

Die sei leider unabdingbar, sie, die sie im Alltag einer weißen Mehrheitsgesellschaft stets auffallen, immer wieder angestarrt, immer wieder bewusstgemacht, dass man nicht dazugehört, ständig die Frage nach der Herkunft.

"Meine Eltern und ich – wir kommen einfach nicht auf den gleichen Nenner." Mikah
Die Familie, die der erste Bezugspunkt für einen jungen Menschen ist, gab ihnen Halt, war aber auch Grundsteinlegung für eine große Verunsicherung und schreibt sich auch noch bis in die Gegenwart fort: "Wie kann es sein, dass mein Adoptivvater sich nach 20 Jahren die Frage stellt, warum er das N-Wort nicht in meiner Gegenwart erwähnen kann oder darf?", fragt sich Mikah. Nun fährt Mikah immer seltener "nach Hause", weil darum gebeten wurde, keine politische Diskussion vom Zaun zu brechen. Aber sie kann sich nicht zurückhalten, wenn es um ihre Identität, um ihre Lebenserfahrung geht. "Meine Eltern und ich – wir kommen einfach nicht auf den gleichen Nenner."

Mikah auf Instagram: @zuerstschwarz

Mikah auf Twitter: @zuerstschwarz

Mikah im Web: Settled for Wonder productions

Schlimm und vor allem so wahnsinnig anstrengend sei die Tatsache, dass man sich ständig verantworten und Verständnis und Geduld aufbringen muss: Gegenüber den Eltern, die einem Undankbarkeit vorwerfen, weil man sich auf die Suche nach der leiblichen Familie beziehungsweise den eigenen Wurzeln macht. Gegenüber einem unwissenden Gegenüber, der sich mit der Situation Schwarzer Menschen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft bislang nicht auseinandergesetzt hat und ja auch selbst nichts mit den Gräueltaten zu tun hätte, die ihnen angetan wurden und werde. "Schon alleine die Tatsache, jeden Morgen aufs Neue die Kraft und die Motivation aufzubringen zu müssen, den Tag zu beginnen, sich auf die Straße begeben und mit den unzähligen Alltagsrassismen konfrontiert zu werden – das zehrt an meiner Energie", so Mikah. "Ich schlafe so viel, dieses generationsübergreifende Trauma sitzt verdammt tief."

Queerness und Schwarzsein

Das Trauma sitze auch deshalb so tief, weil es nicht konstruktiv gelöst wird. Mikah findet klare Worte: "Rassismus ist ein System und das System ist dazu gemacht worden, um uns zu töten." Der internalisierte Selbsthass der Schwarzen und die Streitereien untereinander seien ein Ziel des fortwährenden Kolonialismus.

Es sei auch ein imperialistisches System, was hinter transracionaler Adoptionen steckt und es gebe kaum Ressourcen in Form von Forschungen und Studien darüber, die helfen könnten, die gemachten Erfahrungen zu verarbeiten. Mikah reflektiert: "Mit vier Jahren wurde ich zum Kinderpsychologen geschleppt, mit 13 hatte ich meine erste tiefe Depression und mit 28 weiß ich nun: I’ve been fucking colonized."

Was die Liebe angeht: Mit 16 hatte Mikah ihr Coming-out, was zur Abwechslung mal eine ganz klare Angelegenheit war. Mit dem Eintritt in die queer-Welt eröffneten sich ihr ganz neue Welten, Denkansätze: "Es waren neue Begriffe, neue Erfahrungen. Und ich hatte nicht nur ein Coming-Out, sondern die hören gar nicht mehr auf. Ich bin ein fluides Wesen". Wobei Queerness und Schwarzsein sich insofern beeinflussen würden, als dass es nicht immer einfach und selbstverständlich ist, in queeren Communitys Schwarz zu sein und in Schwarzen Communitys queer zu sein. Und auch Jean bestätigt: "Es gibt auch Schwarze Communitys, die mich nicht akzeptieren als nonbinärer Mensch.".

Bei Dates mit weißen Personen werde man oft zu einem exotischen Objekt der Begierde, zum "Sexperiment"; die weiße Gegenüber brüstet sich damit, dass sie zum ersten Mal mit einer Schwarzen Sex hatte. Das ausbeuterische, koloniale Gefälle kommt einem immer wieder in die Quere. Als schwarze Freundin kommt es den Gastgebern der Party gelegen, dass man die Leute zum Tanzen animiert, "man ist eine gute Schwarze." "Aber wenn ich mich zu sehr mit meinem Schwarzsein beschäftige, sei ich zu besessen", erzählt Mikah. Auch bei (platonischen) Freundschaften: "Seitdem ich als Aktivistin unterwegs bin, zähle ich genau drei Weiße zu meinen Freunden."

Rufine Songué, die sich bei "Here and Black" engagiert und in der Our-Voice-Redaktion bei Radio Dreyeckland arbeitet, moderiert den Abend und stellt die entscheidende Schlüsselfrage: "Wie werdet ihr letztendlich damit fertig, was sind Lösungsansätze, den (Alltags-)Rassismen und Diskriminierungsformen zu begegnen?"

"Vergiss’ einfach, dass du Schwarz bist" – wurde ihr mal von einem Schwarzen Freund empfohlen. Eine lächerliche Aussage sei das und unverschämt dazu. Man solle in die Defensive gehen aus Selbstschutz und das Problem sei ja auch, dass die Auswirkung einem auf der Straße gleich wieder in Form von Kommentaren über Herkunft entgegenschwappt. "Als Schwarzer Mensch ist man immer im (negativen) Blickfeld, unser Körper hat immer eine politische Aussage", macht Jean klar.

Konstruktive Wege der Verarbeitung und Auseinandersetzung sind für Mikah und Jean das Schreiben. Manchmal aber auch einfach nur ruhen, liegen. Und natürlich mit Gleichgesinnten in Kontakt treten, sich austauschen, gemeinsame Aktionen wie dieses Erzählcafé etablieren. "Und im Zweifel auch Therapeutinnen of Colour aufsuchen, von denen es in der Schweiz eine sehr übersichtliche Anzahl gebe", so Jean.

Ich gehe an diesem Abend sehr nachdenklich nach Hause, nicht, dass ich mich mit den diskutierten Thematiken noch nie beschäftigt hätte, im Gegenteil. Aber das immer wieder Bewusstwerden über das scheinbar unmögliche Unterfangen, dass Menschen egal welcher Ethnie und Abstammung respektvoll miteinander umgehen, nagt an mir. Die Worte von Mikah und Jean hallen in mir nach: "Ein weißer Mensch kann es sich erlauben, ein Leben zu bestreiten und sich zu keinem Zeitpunkt mit dem Thema des Rassismus und der Diskriminierung gegenüber Schwarzen auseinanderzusetzen. Es ist nicht unsere Verantwortung, uns ständig in die Weißen hineinzufühlen, um gehört zu werden."

Deshalb ein Appell an die weiße Bevölkerung: Die Arbeit muss von beiden Seiten kommen.

Here and Black ist ein Projekt der Feministischen Geschichtswerkstatt Freiburg e.V. und wird in Einzelprojekten unterstützt vom Interkulturellen Verein FAIRburg e.V. und Radio Dreyeckland.