Kultur

Auf Probenbesuch beim ersten, jungen Opernprojekt des Landes

Sarah Rondot

Am Donnerstag zeigt die Junge Oper Baden Württemberg im Konzerthaus eine neuinterpretierte Version von "Don Giovanni". fudder hat das nur von jungen Menschen organisierte Projekt im Schwarzwald bei den Proben besucht. Warum opfern sie ihre Semesterferien für eine Oper?

Mehr als 70 junge Studierende verbringen drei Wochen in einem abgelegen Haus bei Bernau im Schwarzwald. Was nach Ferienfreizeit klingt, ist in Wirklichkeit ein riesiges Projekt. Die jungen Menschen sind die talentiertesten Musikerinnen und Musiker der Hochschulen Baden-Württembergs. Sie haben sich gewagt, eine uralte Geschichte neu und aus ihrer Perspektive zu erzählen: Die Oper "Don Giovanni", von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte. Keiner der Mitwirkenden ist älter als 30, alle studieren und alle wollen die Oper entstauben und aus ihren Augen neu erzählen.

Gustav Kollmann sitzt mit einer Tasse Café im Speisesaal, Geschirr klappert, hinter ihm ein atemberaubendes Schwarzwald Panorama. Gustav ist 26 Jahre alt, der Freiburger studiert Dirigieren in Mannheim und hat das Projekt "Junge Oper Baden-Württemberg" ins Leben gerufen und den gleichnamigen Verein gegründet. Im Mai 2020 hatte er die Idee, im Juni 2020 gründete er den Verein.

Gustav: "Dass ich dieses Projekt ins Leben gerufen habe, hat drei Gründe. Erstens: In jedem Bundesland gibt es ein Landesjugendorchester, einen Landesjugendjazzchor und so weiter, aber keine junge Oper. Da habe ich einfach eine Lücke erkannt. Zweitens möchte ich junge Menschen erreichen. Es reicht nicht, die Oper zu entstauben, man muss sie kernsanieren! Um junge Menschen zu faszinieren, brauchen wir kein 20-minütiges Sterben, kein ewiges Herumsingen. Ich glaube wir können sie nur erreichen, wenn wir selbst, die auch in dem Alter sind, die Oper gestalten. Der dritte Grund ist ein egoistischer: Ich erfülle mir mit 26 Jahren meinen Lebenstraum, eine Oper mit jungen Menschen aufzuführen. Denn seit dem ich mit sechs Jahren im Theater Freiburg im Kinderchor war, liebe ich die Oper. Sie ist eine eigene Welt, die von null auf erschaffen wird. Das Besondere ist: eine Oper funktioniert nur in diesem Moment, sie kommt im besten Fall in die Herzen der Menschen. Mal Klartext gesprochen: wenn sehr konservative Menschen oder vielleicht auch jemand Homophobes in die Oper kommt und dann durch eine Geschichte in Form von Musik, Leiden und Probleme einer Figur sieht, zu der er in der echten Welt keinen Zugang findet, dann kann man viel erreichen. Außerdem kann man Oper nur im Moment erleben, Oper auf Spotify oder Netflix, das funktioniert nicht."

Gustavs Smartphone klingelt. "Ja, du spielst dann heute einfach die zweite Stimme in Ordnung?", sagt er. Gustav muss los, um 10 Uhr beginnt die Probe in einem Saal der Gemeinde Bernau. Dort macht sich das Orchester bereit, Geigen werden gestimmt und ein Cellist umkringelt mit Bleistift eine schwierige Stelle in den Noten. Gustav sitzt mit geradem Rücken auf der Bühne, die Füße auf einen Hocker gestützt und hebt den Dirigentenstab.

Gustav: "Durch die Oper bin ich auch zum Dirigieren gekommen. Ich will neue Geheimnisse in Partituren finden. Ich liebe Partituren, wie andere Leute Gemälde lieben. Außerdem möchte ich die Arschloch-Quote in diesem Beruf ein bisschen senken. Im Theater gibt es oft steile Hierarchien, die schwer zu durchbrechen sind. Hinter den Kulissen gibt es manchmal mehr Theater als auf der Bühne. Ich will bei diesem Projekt flachere Hierarchien haben, dass die Leute sich trauen, ihre eigenen Ideen zu nennen. Klar, als Dirigent brauche ich schon Autorität, aber das soll nicht Gespräche auf Augenhöhe verhindern."

Gustav hat sich reingehängt, um das Projekt zu finanzieren. Stadt, Land und Bund wollten ihn zunächst nicht fördern, er motivierte Leute in seinem Umfeld, telefonierte mit den Reichen der Reichen, schrieb unzählige E-Mails. Ab einem Grundstock von 60.000 Euro kam der Stein dann ins Rollen. Jetzt sind Lotto Baden-Württemberg und die Sparkasse BW Sponsor. Das Projekt "Junge Oper Baden-Württemberg" hat ein Budget von etwa 200.000 Euro, was nach viel klingt, muss genau eingesetzt werden, für die Miete des Schwarzwaldhauses, Kostüme und Konzertsäle. Die Teilnehmenden arbeiten ehrenamtlich.

Die sind mit Ernst bei der Sache. "Mehr Bogen! Das ist kein Crescendo", dann treten Zerlina, Masetto und Don Giovanni auf die improvisierte Bühne. Erotik in jedem Ton, während Don Giovanni versucht Zerlina zu verführen. Obwohl Kostüme und Bühnenbild weitgehend fehlen, fiebert man mit. In der Pause hüpft eine blonde Musikerin mit ihrer Geige auf die Bühne. Anika Spegg ist 22 Jahre alt und studiert in Freiburg Violine, ihren Master möchte sie in Dramaturgie machen.

Anika: "Ich wurde von meinem Dirigenten für das Projekt empfohlen und habe mich dann beworben. Oper ist für mich der Schnittpunkt meiner zwei größten Leidenschaften: Musik und Theater. Bei dem Projekt gefällt mir am meisten, dass die Hierarchien flach sind. Ich finde die Oper hat auf jeden Fall Reformen nötig. Die Leute haben zu großen Respekt in die Musik einzugreifen, man traut sich nicht so richtig an die Stücke ran. Dabei muss man das, wenn eine Oper von Mozart und Da Ponte heute für Leute in unserem Alter interessant sein soll. Wir trauen uns das. Das ist ein Klassenfahrtfeeling nur in cooler, weil wir an einer großen Sache arbeiten. Wir sind abends lange wach und jammen gemeinsam im Speisesaal, aber am nächsten Morgen sitzen wir trotzdem konzentriert bei der Probe."

Es geht weiter, die Darstellerin der Donna Elvira kauert schon in Netzstrumpfhose und rosafarbenen Top am Bühnenrand. Sie beginnt zu singen und überträgt ihre Wut und Verzweiflung. Ein junger Typ, rote Haare, runde Brille, lässiges Hemd kommt nach vorne und gibt eine leise Anweisung, dann setzt er sich neben seine Kollegin aus der Regie und beobachtet die Szene genau. Wo normalerweise alteingesessene Regisseure sitzen, haben hier Mats und Frieda die Fäden der Regie in der Hand. Matthias Piro, 23, und Frieda Lange, 25, studieren Regie in Hamburg, das Don-Giovanni-Projekt ist bis jetzt die größte Chance ihrer jungen Karriere.

Frieda: "Die Aufgaben der Regie sind es, sich die Szenen auszudenken, die auf der Bühne stattfinden. Und wir müssen uns das Bühnenbild überlegen. Wir haben aus Hamburg eine Bühnentechnikerin mitgebracht und über Ecken auch die Kostümbildnerin Meret. Unsere große Frage war: Wie wollen wir das Ganze inszenieren?"
Mats: "Wir haben uns entschieden, viele filmische Mittel einzusetzen, in der Optik von Serien und Filmen von heute."
Frieda: "Tatsächlich ist die Oper Don Giovanni ziemlich sexistisch. Don Giovanni ist ja der Inbegriff des Machos. Und was machen wir mit Szenen, die wir aus heutiger Sicht sehr sexistisch und eindimensional finden? Wir haben uns gewagt, Text rauszunehmen, die Geschichte etwas spannender zu machen und ewige Prügelszenen rauszunehmen. Außerdem fanden wir die Darstellung der Frauen, vor allem der Donna Elvira viel zu eindimensional. Sie rennt Don Giovanni hinterher, egal was er tut. Da haben wir versucht mehr Tiefe zu geben."
Mats: "Wir haben den Diener Leporello mehr in den Mittelpunkt gestellt. Wir wollten diese klassische Diener-Herr Abhängigkeit ein bisschen aufbrechen. Die Suche nach Männlichkeit zum Thema machen."
Frieda: "Unser Bühnenbild ist auch ein ganz anderes Setting. Das Originalstück spielt bei einer Bauernhochzeit im 18. Jahrhundert. Bei uns ist das Grundsetting eine Fotovernissage in den 2000er-Jahren. Don Giovanni ist ein berühmter Fotograf, der junge Frauen in verführerischen Posen fotografiert."
Mats: "Unser Anspruch dabei war, dass die Geschichte für die Menschen jetzt begreifbar und fühlbar ist. Man soll sich unterhalten fühlen, aber nicht wie von einer Sitcom, sondern schon existentiell. Das umzusetzen ist schon eine große Verantwortung für uns. Wir sind hier 24/7 zusammen, alle schieben Nachtschichten, normalerweise hat man für die Umsetzung der Inszenierung sechs Wochen, wir beschäftigen uns jetzt seit Februar mit dem Projekt und arbeiten hier insgesamt drei Wochen. Alle müssen extrem durchhalten, denn wir haben kein riesiges Team aus Handwerkern, Bühnenbauerinnen und Kostümschneidern. Ich habe noch nie ein so konzentriertes und gut zusammenarbeitendes Team erlebt."
Frieda: "Das ist schon eine enorme Verantwortung und ein enormer Druck. Unser Bühnenbild ist 15.000 bis 20.000 Euro wert und es hängt auch davon ab, ob die Inszenierung gut ankommt, dass das Projekt nächstes Jahr wieder stattfinden kann."

Um 13.30 Uhr endet die Probe, Cellokästen mit dem Aufkleber "JO-BW" werden zugeklappt, alle freuen sich auf das Mittagessen. Auf dem Rückweg kommt das jüngste Mitglied des Projektes zu Wort. Josephine Oess ist 18 Jahre alt und die Regieassistentin von Mats du Frieda.

Josephine: "Da ist so eine krasse Gemeinschaft, das liebe ich. Ich bin vor zwei Wochen angekommen und wurde so herzlich aufgenommen. Im Idealfall bin ich als Regieassistentin das Gehirn der Regie, ich muss mir alles merken und aufschreiben: Wer steht wo, wer guckt wann, wie? Aber Mats und Frieda sind es noch nicht gewohnt, eine Assistentin zu haben, sonst sind sie ja selbst oft die Assistenten. Da suche ich mir viele Aufgaben auch selber."

Die junge Oper Baden-Württemberg ist auch ein Familienprojekt. Denn Gustavs Mutter Constanze von Baußnern steht mit Tochter Antonia in der Küche und bereitet jeden Tag vier Mahlzeiten zu: Frühstück, Mittagessen, selbst gemachten Kuchen und Suppe oder Salat zum Abendessen. Die Lebensmittel haben zum Großteil Bauern aus der Region gespendet. Die zehn Kilo Pilze, die es heute zu den himmlischen Spinatknödeln gibt, stammen vom Freiburger Münstermarkt. Cosima, ebenfalls Gustavs Schwester, ist nicht nur für die Lebensmittelspenden verantwortlich. Sie organisiert die drei Wochen im Schwarzwaldhaus und ist die gute Seele des Projekts.

Cosima: "Immer wieder passiert etwas Unerwartetes, das Klopapier geht aus, die Waschmaschine funktioniert nicht. Das sind Sachen, um die ich mich dann kümmere. Aber meine größte Herausforderung ist es, dass es allen gut geht. Ich meine, es ist eine intensive, schöne, aber auch körperliche und psychische Herausforderung für alle Teilnehmenden. Meine Zimmertür ist für alle Sorgen offen und das finde ich eine schöne Aufgabe. Alle sollen sich gesehen und gehört fühlen, denn jede und jeder ist für das Projekt wichtig. Ich habe oft Gänsehaut, wenn ich bei den Proben zugucke."

Salome Niedecken ist 23 Jahre alt und studiert Chorleitung in Mannheim. Beim Mittagessen hat sie eine Ansage gemacht: "Teilt dieses Projekt auf Instagram, sendet E-Mails an die älteren Leute! Wenn jeder von euch zehn Leute mitbringt, sind das schon eine ganze Menge, da kommt es auf eure Werbung an." Jetzt steht sie am Geländer draußen vor dem Haus.

Salome: "Ich bin heute für die Tour-Leitung angereist. Generell bin ich Zweiter Vorstand des Vereins und somit auch Schatzmeisterin. Ich hatte davor nicht wirklich was mit Wirtschaft am Hut, da musste ich mich richtig reinarbeiten. Außerdem mache ich vieles gleichzeitig, Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und ich telefoniere mit den drei Häusern, in denen wir auftreten. Für mich ist der Unterschied bei diesem Projekt, dass alle freiwillig da sind, das ist kein Dienst, keine Arbeit, sondern kommt aus der eigenen Motivation heraus. Die Leute brennen dafür, die haben alle ein Commitment gemacht, können in dieser Zeit keine Ferienjobs machen oder in den Urlaub fahren. Die machen jetzt 4 Wochen zusammen Musik, weil sie das Projekt lieben – diese Energie merkt man."

Zeit, sich in das Innere des Schwarzwaldhauses vorzuwagen. Es riecht, wie es in Jugendhäusern riecht, als wäre die Zeit in den 80ern stehen geblieben. Doch im zweiten Stock in einem kleinen Zimmer ist die Zeit eher in den 2000ern stehen geblieben. Dort ist das Reich von Meret Zürcher. Die 25-Jährige studiert Kostümdesign in Hamburg und hat eine Ausbildung zur Schneiderin in der Tasche. Sie ist die Kostümbildnerin des Projektes. Während sie erzählt, schneidet sie gerade eine grün glänzende Hose für "Donna Elvira" zurecht.

Meret: "Ich hatte noch nicht viel Kontakt mit Oper. Aber das Projekt, das wir jetzt machen, das kommt bei jungen Menschen an. Wie wir die alten Strukturen der Oper aufbrechen, finde ich mega gut. Oft sind die Kostüme bei der Oper so altbacken, nichts darf sich verändern. Auch der Begriff ’Don Giovanni’, was das heißt, weiß doch eigentlich niemand mehr. In meinen Kostümen spiegelt sich die Mode der 2000er-Jahre, die hebt sich ab vor dem grauen Betonbühnenbild."

Die 28-jährige Joanna Jaworowska, die auf der Bühne die grüne Hose tragen wird, genießt die Nachmittagssonne. Joanna kam vor sechs Jahren aus Polen nach Freiburg, sie ist ausgebildete Kirchenmusikern in Polen und in Deutschland. An der Hochschule Freiburg hat sie klassischen Gesang studiert und macht nun den Master in Stuttgart. Die Donna Elvira ist ihre bisher größte Rolle.

Joanna: "Ich mag an der Rolle, dass sie so viele Facetten hat, das ist auch eine sehr große Herausforderung für mich. Aber ich bin jeden Tag glücklich über dieses Projekt. Das ist eine sehr sympathische Atmosphäre, in der ich mich ausprobieren darf. Mir bedeutet es viel, dass wir im Konzerthaus Freiburg auftreten werden, denn dort bin ich in meiner Anfangszeit in Freiburg immer hin gegangen, um gute Konzerte zu sehen. Vielleicht werden auch Leute zuschauen, die mich auf meinem Weg begleitet haben. Als ich in Deutschland angekommen bin, saß ich verschüchtert hinter der Orgel und konnte kein Wort Deutsch. Jetzt trete im Konzerthaus auf. Ich habe das Gefühl, die Menschen in Freiburg haben mich auf meinem Weg begleitet. Ich kenne viele Musikliebhaber in Freiburg. Deswegen habe ich einen besonderen Bezug zu Freiburg, das ist eine zweite Heimat für mich."

Malte Kebschull ist ein Kommilitone von Joanna, der 27-Jährige singt den Masetto.
Malte: "Ich versuche immer drei Stunden vor der ersten Probe aufzustehen, solange braucht die Stimme etwa, um wach zu werden. Und natürlich rauche ich nicht und passe mit dem Alkohol auf, der trocknet die Schleimhäute aus. Das kenne ich auch schon anders, von den Zeiten als ich im Orchester Trompete gespielt habe. Don Giovanni als Stück passt gut zu so einem jungen Projekt, eine Wagner-Oper könnten wir alle noch nicht singen, da braucht man erfahrenere Stimmen."

Den Tenor des Ensembles, Johannes Maas, findet man in der Küche. Johannes singt seit 2020 im Staatstheater Oldenburg. Cosima erzählt: "Einer der bewegendsten Momente war in der Küche. Beim Geschirr abtrocknen haben Johannes und Malte ihren Part aus der Oper gesungen. Da hatte ich Gänsehaut. Was in der Küche klappt, klappt hoffentlich bei der Premiere am 29. September in Aschaffenburg. Am 30 September tritt die Junge Oper dann im Freiburger Konzerthaus auf.
Info:

Junge Oper Baden-Württemberg ist das erste landesweite, ausschließlich von jungen Menschen organisierte Opern-Projekt. Einmal im Jahr sollen sich die vielversprechendsten Musizierenden der Deutschen Hochschulen treffen, um gemeinsam eine Opernproduktion zu stemmen. Schirmherren des Projektes sind MdB Dr. Wolfgang Schäuble, Präsident des Deutschen Bundestags, und Michael Grötsch, Bürgermeister der Stadt Mannheim.

Was:
Wann: Donnerstag, 30. September 2021, 19 Uhr
Wo: Konzerthaus Freiburg
Info: https://jo-bw.de