Studierendenwerk

Auf diesem Blog können Betroffene über Rassismus berichten

Max Wolfsperger

Betroffenen von Rassismus eine Stimme geben – das will das Projekt "Stimmen gegen Rassismus und Populismus". Unter anderem das Freiburger Studierendenwerk steht hinter dem Blog, auf dem Betroffene von rassistischen Erfahrungen berichten.

"Ich habe mich früher vermehrt gefragt, wo ich hingehöre". Mit diesen Worten beschreibt die 19-jährige Lena Jüngel ihre Situation. Als Tochter einer weißen Deutschen und eines aus Guinea stammenden schwarzen Mannes teilt sie im Rahmen des Projekts "Stimmen gegen Rassismus und Populismus" ihre Erfahrungen mit. Ein Mann habe sie und ihre Schwester in einem Einkaufsgeschäft verbal angegangen. Sie seien "hier nicht zu Hause" und "hätten hier nichts verloren". Was Lena nachhaltig hängen geblieben ist, war aber insbesondere die Zivilcourage einer Frau, die eingriff und ihre Hilfe anbot. Jedoch sei ein solchen Eingreifen in der heutigen Gesellschaft eher die Ausnahme, sagt sie.


Dies ist der erste Beitrag im neu gestalteten Blog des bilateralen Projekts "Stimmen gegen Rassismus und Populismus", der seit dem 14. Dezember online ist. Dabei handelt es sich um eine Kooperation des Studierendenwerks Freiburg (SWFR), des Studierendenwerks Karlsruhe und der französischen Universitäten Straßburg, Lyon und Colmar/Mulhouse. Diese Initiative soll Studierenden die Möglichkeit geben ihre Erfahrungen mit Rassismus zu teilen und zum Austausch anregen. Gerade auch die Bewusstmachung und Reflektion von Populismus und Rassismus im Alltag, aber auch im Internet, stehe im Vordergrund. Letztendlich sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hilfreiche Kompetenzen vermittelt bekommen und den Umgang mit diesen gesellschaftlichen Themen erlernen.

Mit dem Erwachsenenwerden kamen die rassistischen Bemerkungen

Die 20-jährige Französin Marie-Ange beschreibt ihr Aufwachsen auch als langsames Erlernen, was Rassismus bedeutet. Als Kind habe sie gewusst, dass sie anders sei. "Als Opfer habe ich mich aber nie betrachtet." Doch mit zunehmendem Alter seien regelmäßige rassistische Äußerungen normal geworden. Man habe sie das "Mädchen mit den falschen Haaren" genannt, an denen oft gezogen wurde, um zu sehen, ob es weh tut. Und doch hält sie ihre Klassenkameradinnen und -kameraden nicht für fremdenfeindlich. "Es war unser Alltag", sagt sie. Aus Angst, als Opfer bezeichnet zu werden, habe Marie-Ange noch nie über diese Dinge gesprochen. Eine Angst vielmehr vor einem rassistischen System als vereinzelten Menschen. "Letztendlich ist man als schwarzes Mädchen, das in Frankreich aufwächst, dem unvermeidlichen Vergleich mit dem festgefahrenen Schönheitsmodell des Westens ausgesetzt: der dünnen, weißen, jungen Frau."


Bis zum 12. November konnten Betroffene wie Marie-Ange ihre Erfahrungsberichte einreichen. Letztlich wurden die Erwartungen sogar übertroffen. Laut Andreas Vögele, dem Leiter des internationalen Clubs des SWFR, wurden mehr Berichte eingesendet als bearbeitet werden können. Dabei mussten Prioritäten gesetzt werden. Die Bearbeitung der Texte übernimmt eine deutsch-französische Blogredaktion, die von Jugendpresse Deutschland professionell betreut wird. Neben dem Blog findet auch ein zweiteiliger Workshop statt, der sich zunächst inhaltlich mit Rassismus und Populismus beschäftigt. Im zweiten Teil geht es dann in eine Kurzfilmproduktion, die die Thematik mit Medientechnik verbinden möchte. Dafür haben sich 13 Teilnehmer angemeldet.

Teilnehmerinnen wollen eine Debatte anstoßen

Nicht nur aufgrund der Dezentralität, sondern auch pandemiebedingt setzt das Team auf Online-Tools. Eine Referentin wird beispielsweise den Workshop aus Südafrika leiten. Dabei macht sich der länderübergreifende Ansatz bezahlbar. Diese bilaterale Zusammenarbeit sei vom Eucor-Verbund und den Partnerhochschule gewollt und werde zunehmend kooperativ ausgebaut, so das SWFR.

Myriam Milli, 21, aus Frankreich ist Muslimin – und wird ständig daran erinnert. Ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen seien der Meinung, dass "Muslime nichts in Frankreich verloren hätten und dass ’ihr’ Land nicht sicher sein". Der Rat ihrer Eltern war, sich damit abfinden zu müssen. Durch das Blogprojekt hat Myriam nun die Möglichkeit genutzt, um eine Debatte anzustoßen. "Ich werde die Menschen aufklären, die denken, dass einige Personen weniger Wert sind als andere."

Das Studierendenwerk sieht das Projekt "Stimmen gegen Rassismus" als dynamisches Projekt und plant es auch nächstes Jahr weiter wachsen zu lassen. Dazu sollen stetig neue Text- und Filmbeiträge auf dem Blog veröffentlicht werden. Auch sei es nicht ausgeschlossen, den Workshop im kommenden Jahr zu wiederholen oder weitere Onlineprojekte ins Leben zu rufen.