Fundraising

Anna aus der Ukraine braucht 15.000 Euro, um in Freiburg zu studieren

Lisa Petrich

Anna kommt aus dem Kriegsgebiet in der Ostukraine und träumt davon, in Freiburg Informatik zu studieren. Doch die hohen Studiengebühren als Nicht-EU-Bürgerin und kostspielige Auflagen für das Visum bringen sie an ihre Grenzen. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Wenn Anna Piven ihren Freunden erzählt, dass in ihrem Heimatland im Osten der Ukraine seit 2014 Krieg herrscht, stößt sie immer wieder auf schockierte Gesichter. "Sie denken, dass nur die Krim von Russland besetzt wurde", sagt die 25-Jährige, "aber mein Zuhause wurde auch besetzt." Heimweh hatte sie nie, seit sie vor knapp zwei Jahren als Au-pair zu einer Gastfamilie nach Freiburg gekommen ist. Seit einem Jahr besucht Anna Sprachkurse, durch die sie das neue Visum bekommen hat.
"Ohne die Hilfe meiner Gastfamilie wäre ich heute schon nicht mehr hier." Anna Piven
Wie es in den nächsten Monaten für sie weitergeht, steht aber noch in den Sternen – denn Anna und ihre Freiburger Partnerin Emily spüren immer wieder, wie schwierig es ist, die hohen Auflagen für das Visum in Deutschland zu erfüllen und Anna den Traum vom Informatik-Studium in Freiburg zu ermöglichen. "Ohne die Hilfe meiner Gastfamilie wäre ich heute schon nicht mehr hier", erzählt Anna, "sie unterstützen mich wie eine eigene Tochter." Wie es andere Menschen, gerade aus Osteuropa, auf eigene Faust schaffen können, kann sie sich nicht erklären.



Große finanzielle Hürden für Nicht-EU-Bürger

Denn für das Visum muss Anna jährlich über 10.000 Euro auf ihrem Konto vorweisen können. Dabei darf sie momentan als Sprachkursbesucherin nicht einmal arbeiten gehen, wo auch schon die Sprachkurse mehrere hundert Euro kosten. Wenn sie sich als Studentin an einer deutschen Universität einschreibt, werden die Anforderungen an das Visum finanziell nicht geringer – allerdings dürfte sie dann wenigstens nebenher arbeiten. Doch mit den Studiengebühren kommt eine weitere Hürde auf Anna zu: Denn von Studierenden, die nicht aus der EU kommen, werden in Baden-Württemberg seit 2017 Studiengebühren in Höhe von 1.500 Euro pro Semester verlangt.

Das Land begründet die umstrittene Entscheidung so, dass immer mehr internationale Studierende an Universitäten in Baden-Württemberg studieren wollen und durch die Gebühren das Niveau des Studienangebots aufrechterhalten werden kann. Außerdem müssten Studierende aus China, Indien oder den USA in ihrem Herkunftsland ohnehin höhere Studiengebühren zahlen. Außer Baden-Württemberg verlangt kein weiteres Bundesland in Deutschland diese Studiengebühren für Nicht-EU-Bürger.

Fundraising-Aktion für den Traum vom Studium

"Ich finde es einfach unfair, pauschal so hohe Studiengebühren festzulegen und dabei die Menschen zu vergessen, die sich so etwas einfach nicht leisten können", meint Annas Freundin Emily Schlegel. Die 21-Jährige studiert in Freiburg Medienkulturwissenschaft und Ostslavistik und beschäftigt sich seit einer Weile mit den Studiengebühren für EU-Ausländer und Visa-Anforderungen. Auch Anna, die mittlerweile bei Emily wohnt, war erschrocken, als sie von den Gebühren erfahren hat. In einem Land wie Deutschland hätte sie erwartet, dass es für Menschen in prekären Verhältnissen eine Unterstützung gibt. "Bildung sollte einfach nicht an Geld gebunden sein", meint Anna.

Um sich den Traum vom Informatik-Studium in Freiburg ab dem Wintersemester dennoch erfüllen zu können, haben Emily und Anna eine Fundraising-Aktion gestartet. Darin erzählt Anna ihre Geschichte – angefangen bei ihrer Kindheit in der Ostukraine, über Korruption in Schule und Uni, einem Freiwilligendienst in Litauen bis hin zu ihrem Wunsch, in Deutschland Fuß zu fassen.

Von der Ostukraine nach Freiburg

Aufgewachsen ist Anna bei ihren Eltern und dem älteren Bruder in Luhansk. Ihre Familie hatte nie viel Geld und Anna hegte schon früh den Traum, aus der Stadt herauszukommen. "Ich wusste, dass ich das nur mit guten Noten schaffen würde", sagt Anna. Ihre Eltern schafften es dann 2013 mit Unterstützung von Kollegen, ihr ein Studium in Charkiv, im Nordosten der Ukraine, zu finanzieren. Eigentlich wollte Anna Polizistin werden, und dazu musste man Jura studieren. "Aber wie schon in der Schule war das System an der Universität sehr korrupt", erzählt Anna. Doch mit Fleiß hat sie auch den Abschluss an der Universität gemeistert, während andere für gute Noten bezahlten.
"Freiburg ist mein neues Zuhause geworden." Anna Piven
Die junge Ukrainerin war 2014 zum letzten Mal zu Besuch in ihrer alten Heimat. Ihre Eltern hatten die Wohnung in Luhansk wegen des Kriegsbeginns kurz später verlassen und sind nach Dubno, in den Westen der Ukraine, gezogen. Dort war Anna letztes Jahr im Herbst zuletzt zu Besuch, als ihr Vater verstorben ist.

Nach dem Jura-Studium entschied sich Anna 2017 für ein Auslandsjahr in Litauen. Dort half sie als Freiwillige bei einem Projekt im Altersheim, wo sie auch Emily kennenlernte, die beim selben Programm mitarbeitete. Emily machte ihr schnell bewusst, dass das Leben in Deutschland für sie deutlich besser wäre als in der Ukraine. Vor knapp zwei Jahren schaffte Anna es schließlich, als Au-pair nach Freiburg zu kommen.

Hoffnung auf ein besseres Leben

Das Leben in Freiburg genießt Anna seither in vollen Zügen – auch, weil sie dort nicht mehr schräg angeschaut wird, wenn sie mit ihrer Freundin Hand in Hand durch die Straßen schlendert. "Ich mag es, dass ich hier kein typisches Mädchen sein muss", sagt sie. Sie liebt ihre kurzen Haare und das Skateboard fahren, in Freiburg hat sie sich mittlerweile ein soziales Umfeld aufgebaut und spricht sehr gut Deutsch. Sie hofft, in einigen Jahren in Deutschland eingebürgert werden zu können.

Gerade ist Anna noch auf das Geld ihrer Gastfamilie und auf die frisch gestartete Spendenkampagne angewiesen. Sobald sie die Zusage für das Informatik-Studium hat, will sie sich aber auch für Stipendien bewerben und einen Nebenjob suchen. Sie hofft sehr, bei Emily und in Nähe zu ihrer Gastfamilie, die ihr sehr ans Herz gewachsen ist, bleiben zu dürfen. "Freiburg ist mein neues Zuhause geworden", sagt Anna im Video Fundraising-Aktion, "helft mir bitte, dass das auch so bleibt." Mehr zum Thema: