Last-Minute-Kulturtipp

Am Freitag lesen Schauspieler des Theater Freiburgs Ian McEwans "Die Kakerlake"

Viola Priss

Weltliteratur in Freiburg gibt es diesen Freitag: Das Theater Freiburg hat die Aufführungsrechte für den neuen Roman "Die Kakerlake" von Ian McEwan erhalten und feiert Premiere der szenischen Lesung im Kleinen Haus.

Über die kurzfristige Zusage an den Aufführungsrechten der aktuellen Politsatire von Bestsellerautor Ian McEwan freut sich das Theater Freiburg. Mit drei Schauspielern – Victor Calero, Marieke Kregel, Holger Kunkel – feiert die szenische Lesung Premiere.


Der Politiker als Ungeziefer

In "Die Kakerlake" rechnet Ian McEwan, ein entschiedener Gegner des Brexit, mit den politischen Irrwegen seines Landes ab. Für die dabei entstandene Satire bediente sich der Bookers-Awards-Preisträger des Kafkaesken. Im Gegensatz zu "Die Verwandlung" ist es in diesem Falle aber kein Mensch, der als Käfer erwacht, sondern eine Kakerlake im Körper des britischen Premierministers:

"Vor dieser Nacht war Jim Sams noch eine Kakerlake, die irgendwo im langsam verfallenden Gemäuer des britischen Parlaments, des Palace of Westminster, lebte. Jetzt ist er plötzlich Mensch geworden, wacht in Downing Street 10 auf und ist Premierminister." So nimmt die brandneue Geschichte, die McEwan selbst dem Genre der Fiktion zuordnet, seinen Lauf.

Absurd und tagesaktuell

Energisch macht Jim Sams sich nun in seiner neuen Rolle daran, das bestehende politische System aus den Angeln zu heben und den Reversalismus einzuführen. Die Welt steht hier, in gewohnt sarkastischer Manier McEwans, Kopf, denn es gilt, den gesamten Geldfluss des Landes umzukehren.

Der Arbeitende muss mit seinem Lohn seine Vorgesetzten finanzieren, wer einkauft, bekommt wiederum an der Kasse die Preissumme ausbezahlt. Die Idee: Alles Geld wird sofort wieder ausgegeben, es muss permanent eingekauft werden. Genau das stabilisiere die Wirtschaft und verteile den Reichtum. So die Logik des menschgewordenen Ungeziefers in der Downing Street. Von der Idee vollends angetan zeigt sich auch der US-amerikanische Präsident und die Geschichte nimmt ihren tragisch-komischen Lauf. Ohne auf den 133 Seiten der Novelle auch nur einmal das Wort "Brexit" zu erwähnen, persifliert Ian McEwan in zahlreichen Parallelen doch genau diesen und seine Folgen.

Freiburg als Bühne "kultureller Unzerstörbarkeit"

Das Freiburger Theater erhielt darüber hinaus ein exklusives Statement des britischen Autors, in der er sich von Freiburg als Ort der Erstaufführung besonders erfeut zeigt:

"Ein britischer Kritiker hat kürzlich gemutmaßt,’Die Kakerlake’ sei zu wütend um erfolgreich zu sein. Ob dieser kurze Roman ein Erfolg ist, überlasse ich anderen. Aber ich werde niemals den Zorn darin bereuen. Dank der Eigentümlichkeiten unseres Wahlsystems befinden wir uns jetzt außerhalb einer der erfolgreichsten politischen und wirtschaftlichen Zusammenschlüsse der Menschheitsgeschichte. Ich sage das im vollen Wissen um die verschiedenen Schwächen der EU. Die Sorge und Wärme, die in vielen Diskussionen über den Brexit mit meinem deutschen Publikum und meinen Freunden über diesen Scheideweg zum Ausdruck kam, hat mich tief berührt. Daher fühle ich mich geehrt und bin stolz, dass die allererste Bühnenadaption von"Die Kakerlake" in Deutschland präsentiert wird. Dass das angesehene Theater der schönen Stadt Freiburg meinen Roman auf die Bühne bringt, lässt mich sehr hoffen, dass – egal was auf politischer Ebene passiert ist – unsere kulturelle Verbundenheit unzerstörbar ist."
Was: Szenische Lesung "Die Kakerlake" von Ian McEwan

Wann: Premiere Freitag, 28.Februar, 20 Uhr

Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus

Eintritt: Tickets ermäßigt ab 8 Euro