Gedenken an Auschwitz

Als der Zionismus Juden in Freiburg Perspektiven bot

Anja Bochtler

Beim Gedenkabend an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in Freiburg ging es um zionistische Strömungen, die Chancen boten. Für Shaked Ashkenazi ist das Teil ihrer Familiengeschichte.

Was vor 75 Jahren geschah, ist nicht weit weg: Das zeigte sich beim städtischen Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz daran, dass der Saal im Historischen Kaufhaus – wie seit einigen Jahren – wieder so voll war, dass rund 50 Menschen stehen und 50 sogar wieder gehen mussten. Und dann gab’s durch einen besonderen Gast eine Verbindung zur Gegenwart: Shaked Ashkenazi (35) war da, die Urenkelin einer damals jungen Zionistin, die am Markenhof in Kirchzarten für die Kibbuz-Gründung in Palästina vorbereitet wurde.

"Ich bin so dankbar und berührt – hier geht es um meine Familiengeschichte." Shaked Ashkenazi
Sie tritt nicht auf die Bühne, sitzt aber in der ersten Reihe. Dort kann Shaked Ashkenazi, die als Biologin an der Uni in Oxford forscht, auch ohne Deutschkenntnisse an den Vorträgen von Julia Böcker und Ruben Frankenstein über zionistische Lebenswelten in Freiburg teilhaben, weil Oberbürgermeister Martin Horn neben ihr für sie alles ins Englische übersetzt. Doch auch davor, als sie den übervollen Saal sieht, ist Shaked Askenazi vom großen Interesse der Menschen überwältigt: "Ich bin so dankbar und berührt – hier geht es um meine Familiengeschichte."

Dass diese Geschichte möglich wurde und nicht – wie so viele andere – ein brutales Ende in Auschwitz fand, liegt an den Perspektiven, die zionistische Bewegungen boten, bevor mit dem Etablieren des Nationalsozialismus kein Entkommen mehr möglich war.

Dora Efrat, die Urgroßmutter von Shaked Ashkenazi, wurde im Januar 1905 in Frankfurt geboren und von ihrem Zionismus-begeisterten Vater nach dessen Gründer Theodor Herzl mit vollständigem Namen Theodora genannt, bilanziert Ruben Frankenstein in seinem Vortrag. Sie engagierte sich in der zionistischen Jugendbewegung, nach der Schule bereitete sie sich auf dem Markenhof und einem anderen landwirtschaftlichen Lehrbetrieb in Sachsenhausen auf die Auswanderung nach Palästina vor.

1925 verließ sie Deutschland und baute mit anderen den Kibbuz Beit Zera im Norden Israels auf. Unter ihnen war auch ihr zukünftiger Mann, der aus Krakau stammte. Unter anderem gründete Dora Efrat einen Kindergarten, den sie zehn Jahre leitete. Sie verbrachte ihr Leben im Kibbuz und starb 1998 mit 94 Jahren. Damals war Shaked Ashkenazi 14 Jahre alt. Genau wie ihre Mutter und ihre Großmutter wuchs sie im Kibbuz auf. Leider habe ihre Urgroßmutter kaum über die erste Zeit dort gesprochen, erzählt sie: "Dabei war das, was sie und die anderen damals erreichten, außerordentlich – auf den alten Fotos sieht man nur ödes Land."

Bis Shaked Askenazi 20 Jahre alt war, blieb der Kibbuz ihr Zuhause, dann studierte sie, später ging sie nach Oxford. Ihre Großmutter, ihre Eltern und einige Cousinen und Cousins – von denen einige Kinder haben – leben weiter im Kibbuz, manchmal kommt Shaked Ashkenazi zu Besuch vorbei. Ihre Mutter bat sie, die Familie bei der Gedenkveranstaltung in Freiburg zu vertreten – sie hatte den kürzesten Weg. Sie ist froh, dass sie sich dafür entschieden hat, sie fühlt sich wohl: "Ich werde wiederkommen", sagt sie.
Broschüre: "Auf! Hedad, Hedad! Unsre Bahn ist frei. Zionistische Lebenswelten in der Stadt Freiburg 1897–1933" von Julia Böcker, erschienen als Band 23 im Januar 2020 in der Neuen Reihe des Stadtarchivs. Sie kostet 5 Euro und ist erhältlich in den Freiburger Buchhandlungen oder beim Stadtarchiv, Grünwälderstraße 15, geöffnet montags, dienstags und donnerstags von 10 bis 16 Uhr und mittwochs von 10 bis 18 Uhr.