Uni Freiburg

900 statt 9.000 Plätze: So läuft das Arbeiten in der UB und den Fachbibliotheken

Eyüp Ertan

Wohin zum Lernen oder Hausarbeit schreiben? Das ist eine Frage, die sich während der Coronazeit viele Studierende stellen müssen. Denn die UB und die Fachbibliotheken haben ihre Kapazität massiv zurückgefahren.

9.000 Studierende verzeichnet die Universitätsbibliothek normalerweise – pro Tag. Während der Coronazeit können wegen der eingeschränkten Kapazitäten täglich nur 750 Studierende zum Arbeiten in die Bibliothek – ein massiver Einschnitt für diejenigen, die entweder in der Bibliothek lernen, oder ihre Hausarbeiten schreiben. Wir haben bei Studierenden und der Uni nachgefragt, was die aktuelle Situation für sie bedeutet.

Online für Zeitfenster eintragen

"Ich kann überhaupt nicht zuhause lernen, bin eigentlich voll die Bib-Lernerin – das war für mich schon sehr dramatisch, weil nicht klar war, was ich jetzt machen soll." Für Lili Berman ist die aktuelle Situation eine äußerst schwierige: Lange Zeit war die Universitätsbibliothek zu, nach der Wiedereröffnung schaffte sie es immer wieder nicht in die UB, weil die Plätze stets ausgebucht waren. Seit der Wiedereröffnung im Mai muss man sich online in die zur Auswahl stehenden Zeitslots eintragen, inzwischen stehen drei pro Tag zur Verfügung, die Kapazitäten wurden sukzessive von anfangs 50 auf nun 250 erhöht. Über das Vorlesungsverzeichnis müssen sich die Studierenden in die gewünschten Slots eintragen – oft genug sind diese aber ausgebucht. "Am Anfang habe ich es nur in der UB probiert, das hatte nie funktioniert, auch wenn ich mir für 13 Uhr einen Wecker gestellt habe", berichtet Berman.

"Wenn man sieht, wie alle Leute Schlag 13 Uhr vor ihrem Laptop sitzen und sich über eine erfolgreiche Belegung freuen, hat das schon etwas Komisches." Jan-Philip Seitz
Vom Wecker-Erlebnis berichtet auch Jan-Philip Seitz. Der Politikstudent, der seit zwei Monaten seine Bachelorarbeit schreibt, erzählt, wie immer wieder Studierende pünktlich um 13 Uhr an ihren mobilen Endgeräten versuchen würden, einen der begehrten Plätze zu ergattern – der Humor ist ihm dabei nicht verloren gegangen. "Das hat manchmal zu lustigen Szenen im Innenhof geführt", erzählt er. "Wenn man sieht, wie alle Leute Schlag 13 Uhr vor ihrem Laptop sitzen und sich über eine erfolgreiche Belegung freuen, hat das schon etwas Komisches."

Fachbibliotheken haben Situation entzerrt

Weniger komisch fand er hingegen, dass in der Anfangszeit der Uniserver beim Belegen überlastet war. "Bei der Belegung gab es am Anfang sehr viele Fehlermeldungen. Ich habe mich auch per Mail ans Rechenzentrum gewandt, da wusste man von der Problematik", berichtet er. Die Wiedereröffnung der Fachbibliotheken hätte die Situation in der UB ein wenig entzerrt, sagt Seitz. "Man lebt nach dem Wecker und nach dem Klick – wenn man zu spät klickt, ist der Arbeitstag nicht möglich."

Doch wie geht die Universität damit um? Der Pressesprecher der Uni, Nicolas Scherger, antwortet auf schriftliche Anfrage wie folgt: "Normalerweise bietet die UB 1.250 Plätze im Lesesaal und 500 Plätze im Parlatorium an. Wir verzeichnen im Durchschnitt mehr als 9.000 Besuche pro Tag." Doch momentan sieht es anders aus: Von Montag bis Samstag sind es derzeit nur 250 pro Zeitslot, ab dem 9. August sollen es 300 werden, also "900 Arbeitsplätze in den Lesesälen nutzbar" sein, so Scherger.

Langfristige Aufstockung geplant

Auch in den Fachbibliotheken – 24 von 64 Fachbibliotheken haben wieder geöffnet – sieht es nicht anders aus; dort sind es derzeit 635 Sitzplätze, normalerweise steht knapp das Dreifache an Arbeitsplätzen zur Verfügung (1.800). Scherger hebt hervor, dass eine langfristige Aufstockung geplant sei – immer abhängig von den aktuellen Umständen. "Es ist beabsichtigt, die Lesesäle voraussichtlich ab dem 9. August auch an Sonntagen zugänglich zu machen. Eine weitere Ausweitung des Angebots ist geplant, muss aber mit Blick auf das Pandemie-Geschehen und die geltenden Hygienevorschriften schrittweise erfolgen", heißt es in der schriftlichen Antwort.

Nicht alle Studierende können zuhause lernen

Die meisten Studierenden haben das Onlinesemester mit synchronen und asynchronen Veranstaltungen von zuhause aus regeln können – doch nun stehen Prüfungen und Hausarbeiten an, bei denen oftmals Präsenzliteratur gebraucht wird. Bei vielen, wie beispielsweise bei Lili Berman, ist auch das Lernen in den eigenen vier Wänden nicht möglich.
Mein Zoom-Semester an der Uni Freiburg:"Habe es mir schlimmer vorgestellt"

Auch das antizipiert die Universität und möchte zeitnah weitere Lern- und Arbeitsplätze ermöglichen. Auch für Studierende, die daheim keine gute Infrastrukturen hätten und bei denen das Internet nicht wie gewünscht mitspiele, seien Arbeitsplätze in den sogenannten "Aquarien", im KG III vorgesehen. Und: "Als Reaktion auf die Schließung zu Beginn der Corona-Krise hat die UB ihr ohnehin bereits großes digitales Angebot nochmals deutlich erweitert. Hierbei sind uns einige Verlage sehr entgegengekommen, indem sie zusätzliche Medien zeitweise kostenfrei zur Verfügung gestellt haben", so der Uni-Pressesprecher. Scherger berichtet zudem davon, dass das Land Baden-Württemberg vier Millionen Euro für die knapp 60 Bibliotheken zur Verfügung gestellt habe, um die digitalen Bestände zu erweitern.

Kurzzeitiges Stornieren nicht möglich

Die Arbeitsbedingungen sind also nicht optimal – auf beiden Seiten gibt es Anerkennung ob der Bemühungen, aber auch subtile Kritik. Von Seiten der Uni heißt es: "Die Lesesaalplätze in der UB sind täglich ausgebucht. Leider erscheinen durchschnittlich 20 Prozent der Studierenden, die einen Platz gebucht haben, nicht." Lili Berman und Jan-Philip Seitz merken hingegen beide unabhängig voneinander an, dass das kurzfristige Stornieren nicht möglich sei, und dass das die Planung erschweren würde. "Ich hatte manchmal um 10 Uhr einen Termin oder eine Uni-Veranstaltung", sagt Berman, "dann fühle ich mich schlecht dabei, den Slot zu reservieren, weil ich ihn nicht voll ausnutzen würde."

Gerade in der Hausarbeitenphase brauche sie länger, um in einen Flow zu kommen, doch nach drei bis vier Stunden sei die Arbeitszeit in den Bibliotheken meist zu Ende. Keine optimalen Arbeitsbedingungen also – aber immerhin ein erkennbares Bemühen, aus den bestehenden Strukturen das Beste zu machen.

Mehr zum Thema: