Corona-Zeiten

9 skurrile Momente aus dem digitalen Uni-Alltag

Sarah Rondot

Keine Sojabolo in der Mensa, kein Rangeln um den Platz in der Bib, keine Pause im Café Libresso, stattdessen: Viel Zeit vor dem Laptop. Was nüchtern klingt, hält Ungewohntes bereit: Von Professoren in Jogginghose, bis zu Tutoraten mit Rotwein und Dozentinnen am Meer.



1. Aus dem Bett ins Seminar gefallen

Noch nie war der Dresscode für die Uni so entspannt. Ein Seminar um 8.30 Uhr? Wer muss davor schon duschen, so scharf ist die Kamera nun auch wieder nicht. Nach und nach tröpfeln die Studierenden ins Zoom-Meeting, das Gesicht zur Hälfte von einer überdimensionalen Kaffeetasse verdeckt. "Ich würde mich freuen, wenn alle die Kamera anmachen", wünscht der Professor, so dass sich noch Vereinzelte einschalten, Kissenberge im Hintergrund. Für die Uni muss man im Moment nicht einmal das Bett verlassen. Stummgeschaltete, grinsende Gesichter flimmern über den Bildschirm, wenn der Professor kurz aufsteht, um seine Jogginghose zu demonstrieren.

2. Die Professorin sitzt am Meer

Daran gedacht, vor dem Zoom-Meeting die anzüglichen Postkarten am Regal abzuhängen? Der Hintergrund, vor dem die Teilnehmer sitzen, sagt manchmal mehr über sie aus, als es jeder Smalltalk vor dem Seminar könnte: Bücherstapel, Wäscheberge oder akkurate Sauberkeit. Die stets adrette Französisch-Lehrerin sitzt in einem geräumigen Zimmer mit einem Kronleuchter, goldgerahmte Gemälde zieren die Wand. Fortgeschrittene Nutzer der Meeting-Plattformen sitzen am Meer, sie haben die Hintergrundfunktion entdeckt! Allerdings regt das die Fantasie an: "Hat die Professorin etwa einen nackten Ehemann im Bett oder eine verrückte Puppensammlung, die sie den Studierenden vorenthalten will?

3. Der Raum des Schweigens

"So, jetzt werdet ihr ganz zufällig in einen Break-Out-Room eingeteilt, für ein bisschen Kommunikation", ruft der Professor begeistert. Die Studierenden werden aus der großen Gruppe ausgegliedert und in virtuelle Kleingruppen eingeteilt. Sekunden später sitzt man vier, teilweise fremden Gesichtern auf dem Bildschirm gegenüber und: schweigt. Was in Realität nie passieren würde, kann auf Zoom, BigBlueButton oder Skype zu einem "Wer schafft es länger kein Wort zu sagen?"- Wettbewerb ausarten. Selbst durch den Bildschirm ist die unangenehme Atmosphäre zu greifen. Bis die ersten aufgeben und den Break-Out-Room verlassen, schweigend selbstverständlich.

4. Eingefroren!

Larissa, was sagen Sie denn dazu? Doch Larissa ist eingefroren. Ein beliebter Trick bei unbeliebten Abfragen über Online-Portale. Immer diese Technik! Der Einfriertrick kann gar nicht auffliegen, schnell fragt die Dozentin eine andere Person und schon ist es überstanden. Ähnlich funktionieren auch knarzige Geräusche, "Hm, da hat wohl wieder jemand Probleme mit dem Mikro!" Allerdings kann es auch peinlich werden, wenn man das Mikrofon aus Versehen angeschaltet lässt, während man die Aussprache französischer Vokabeln wiederholt. "Wollten Sie etwas sagen?" Keine Antwort – technische Probleme.
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5. Ist das noch Vorlesung oder schon Rap?

Nicht nur Life-Seminare sind jetzt Alltag, die meisten Studierenden sitzen vor aufgenommenen Vorlesungen: Schwer im Trend sind Power-Point-Folien mit einer Tonspur. Es entsteht ein absurder Ehrgeiz: Wie schnell kann ich die Vorlesung stellen und trotzdem noch etwas verstehen? 1,75- fache Geschwindigkeit ist schon die Königsdisziplin, falls es ein Video dazu gibt, sehen die Lehrenden dann so aus, als würden sie mit den Händen zu Techno tanzen. Ein ungewohntes, mächtiges Gefühl entsteht, wenn man realisiert, dass man den Professor jetzt einfach anhalten kann, mit einem einzigen Klick! Was letztes Semester noch Wunschtraum war, ist jetzt möglich! So können langweile Vorlesungen wohldosiert angeschaut werden.

6. Märchenopa oder Professor?

Manche Professoren legen ungeahnte Talente an den Tag: Eine Stimme so warm und tragend, wie bei einem Märchenopa! Die Tonspuren über Platon und Aristoteles, in denen der Professor in Zitaten sogar die Stimme verstellt, können auch als Gute-Nacht Geschichten genutzt werden.

7. Lieber virtuelle Hunde als virtuelle Vorlesung

Wer denkt: "Alleine vor dem Bildschirm, Ablenkung gibt es da gar nicht!", liegt falsch. Gerade hat man die Vorlesung abgerufen, da geht die Tür auf: "Ey, wollen wir Gameboy spielen?" Die Corona-Krise kann eine Zeitreise in die Kindheit verursachen, von zu Hause wurde der Gameboy mitgebracht: Es können wieder virtuell Hunde ausgeführt, gestreichelt und gefüttert werden, viel spannender als Unternehmensrechnung! Andere haben schon 20 Minuten der Vorlesung geschafft, sehen dann aber die Yoga-Matte in der Ecke: "Hm, ich könnte mal wieder den Yogi-Kopfstand üben!" Hobbys, die während der Corona Pandemie (wieder)entdeckt wurden, sind verlockender als der Laptop. Obwohl der selbst natürlich auch mit Ablenkungen lauert. Zocken geht auch während einem Life-Seminar, man muss nur seine Mimik unter Kontrolle haben.

8. Hört man das jetzt alles?

"Hallo Schatz, ich freu mich auf dich heute Abend!" Die Studierenden auf dem Bildschirm grinsen. Der Professor hält inne: "Ups, haben Sie das etwa alle gehört? Naja, Sie wissen ja, dass ich meine Frau liebe." Solche sympathischen Situationen entstehen unter anderem, wenn Professoren ans Telefon gehen und vergessen, dass alle mithören, wenn das Mikrofon an ist. Die Distanz, die über Online-Seminare entsteht, schafft manchmal eine eigentümliche Nähe.

9. Wenn wir den Bildschirm vergessen

"Ich geh mal kurz eine rauchen", sagt ein bärtiger Student, während der Break-Out-Group und nimmt die kleine Gruppe mit auf den Balkon. Stolz hält er die Kräutertöpfe in die Kamera. Statt über politische Fragen entsteht ein entspanntes Gespräch über Küchenkräuter, die Wohnlage und was man sonst so macht. Zurück in der Tutoratsgruppe schlägt die Tutorin vor, man dürfte auch gerne während der Sitzung Wein trinken, wenn man dann besser philosophieren könne. Die Gesichter auf dem Bildschirm nicken begeistert. Heute Abend ein Zoom-Trunk? Es klirrt leicht, wenn die Gläser zum Anstoßen an den Bildschirm gehalten werden.