Das kotzt mich an

9 Dinge, die eine Erzieherin in den Wahnsinn treiben

fudder-Redaktion

Vollgestopfte Kita-Gruppen, Helikopter-Eltern und maßlos unterschätzte pädagogische Arbeit: Erzieherinnen und Erzieher haben es nicht immer leicht. Eine junge Erzieherin aus Freiburg erzählt uns, welche Dinge sie an ihrem Job oft viele Nerven kosten.

1. Zu viele Kinder und zu wenig Fachkräfte

Eigentlich müsste ich mich mindestens vierteilen, um allen Kindern in meiner Gruppe die benötigte Aufmerksamkeit schenken zu können. Die Kitas sind fast überall total überfüllt und es gibt einfach zu wenige Fachkräfte in den Gruppen, um das abzufangen. Durch die langen Betreuungszeiten häufen sich dann auch die Überstunden schnell an. Sogar jetzt im Lockdown, wo eigentlich nur Notbetreuung stattfinden soll, herrscht fast Normalbetrieb mit 50 Kindern. Normalerweise sind es knapp 70, ich kümmere mich dann in meiner Gruppe um 15 Kinder gleichzeitig.
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2. Pädagogik aus dem letzten Jahrhundert

Unter den älteren Erzieherinnen gibt es leider oft Kandidatinnen, die noch mit Pädagogik aus den 60ern ihre Entscheidungen treffen. Die wollen sich partout nicht weiterbilden und sind verschlossen gegenüber neuen Erkenntnissen aus dem Bereich. Als junge Erzieherin hat man es dann echt schwer, einer älteren Kollegin klarzumachen, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, ein freches Kind für eine halbe Ewigkeit mit dem Gesicht zur Wand stehen zu lassen. Auch generell wäre eine gelegentliche Qualitätskontrolle der Fachkräfte sinnvoll – das gibt es bei Lehrern doch auch!

3. Helikopter-Eltern im Anflug

Meist sind es nicht die Kinder, die einem auf die Nerven gehen, sondern die Eltern. Einige würden am liebsten jeden Schritt, den wir mit ihren Sprösslingen tun, mitverfolgen und kontrollieren. Wann war mein Kind auf dem Klo? Hat es auch die letzte Nudel aufgegessen? Warum ist mein Kind beim Spielen hingefallen und wieso kam nicht direkt der Krankenwagen? Oft wurden Fachkräfte aus unserem Team sogar schon verbal angegriffen, in ganz harten Fällen mussten wir Eltern dann kündigen.

4. Kranke Kinder

Immer wieder bringen die Eltern kranke Kinder in die Kita. Teilweise versuchen sie, das zu verschweigen, aber Kinder plaudern eben gerne aus dem Nähkästchen und erzählen dann beispielsweise, dass sie die ganze Nacht brechen mussten oder Fieber hatten. Wenn wir die Eltern anrufen wollen, damit sie das Kind wieder abholen, gehen manche einfach nicht ans Telefon und wir müssen den ganzen Tag das kranke Kind versorgen. Gerade jetzt in Coronazeiten ist das einfach rücksichtslos und unverantwortlich von den Eltern.

5. Zu wenig Gehalt und Urlaubstage für gebrachte Leistung

Viele Leute denken, dass Kindergärten dieselben Ferien hätten wie Schulen auch. Das ist Quatsch. Meine Kita hat gar keine Schließtage und als Erzieherin hat man nicht so viel Freizeit, wie man eigentlich bräuchte. In welchem anderen Job hat man denn mit so vielen kreischenden und tobenden Kleinkindern und Eltern zu tun? Es ist kein Geheimnis, dass unsere Berufsgruppe oft an Burnout erkrankt – ein bisschen mehr Anerkennung, ein besseres Gehalt und ausreichend Urlaubstage wären da ein guter Anfang zur Besserung des Problems.

6. Eltern geben nicht nur Kinder ab, sondern auch die Erziehung

Zu den Helikopter-Eltern gibt es natürlich auch das komplette Gegenstück. Viele Eltern sind mit ihren Kindern überfordert und möchten uns am liebsten die komplette Erziehung übergeben. Wenn die Kinder aber von morgens bis abends bei uns in der Kita hocken und zuhause direkt ins Bett gehen, wird es schwierig, dass sie eine gute Beziehung zur eigenen Familie aufbauen. Wir sind schließlich kein Eltern-Ersatz, aber wir bieten solchen Familien dann Unterstützung und Beratung an. Ein anderes Problem ist, dass die Eltern in ihrem Nachwuchs oft nur noch die erbrachte Leistung sehen und gar nicht mehr das eigentliche Kind. Das alles ist aber ein generelles Problem in unserer Gesellschaft.

7. Es braucht mehr Männer!

Um die Erziehung kümmern sich die Frauen – das ist leider noch in vielen Köpfen verankert. Aber Männer können das genauso gut und die Kinder freuen sich sichtlich, wenn mal ein Erzieher in die Gruppe kommt. Außerdem brauchen die Kinder auch männliche Vorbilder. Also los geht’s Männer, wir freuen uns auf euch!

8. Telefonterror zu Coronazeiten

Sollen die Kitas öffnen oder geschlossen bleiben? Was bedeutet eine schrittweise Wiederöffnung? Wann geht es wieder normal weiter? Liebe Eltern, wir wissen es auch nicht! Wir sind keine Politiker und können nicht hellsehen, daher können Sie sich den wöchentlichen Telefonterror mit den immergleichen Fragen sparen. In der Corona-Krise ist diese Unsicherheit für alle eine Belastung, aber wir wissen auch nicht mehr, als alle anderen und können daran auch nichts ändern. Es ist schon genug Aufwand, überhaupt die vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen richtig umsetzen zu können.

9. Den ganzen Tag nur basteln? Fehlanzeige!

Das meistverbreitete Vorurteil ist wohl, dass Erzieherinnen und Erzieher den ganzen Tag nichts anderes tun als gemütlich zu basteln, spielen und zu singen. Wer das denkt, den würde ich gern mal eine Woche bei der Arbeit mitnehmen. Zu unseren Aufgaben gehört nämlich so viel mehr: Wir bereiten Elterngespräche vor, dokumentieren den Entwicklungsprozess aller Kinder in Portfolios, arbeiten pädagogische Angebote aus und versuchen, jedes einzelne Kind auf seinem Weg vom Kleinkind zum Schulanfänger zu unterstützen. Die Wertschätzung, die man von den Kindern dafür zurückbekommt und zu sehen, wie sie aufblühen – das ist der Grund, warum ich diesen Job liebe. Doch von den Eltern würde ich mir eigentlich dieselbe Wertschätzung wünschen.

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