Auslandsaufenthalt

6 Gründe für ein Erasmus-Semester in Albanien

Paula Meister

Albanien ist seit 2019 Teil des Erasmusaustauschprogramms. Bisher entscheiden sich aber nur wenige Studierende für einen Auslandsaufenthalt in diesem Balkanland an der Adria. fudder-Autorin Paula hat es dennoch gewagt.

Erst vor wenigen Tagen hat die EU die Beitrittsverhandlungen mit Albanien aufgenommen. Es ist ein historischer Moment für dieses noch ziemlich unbekannte Balkanland. Ich hatte das große Glück, dass ich mein letztes Semester in Albaniens Hauptstadt Tirana verbringen konnte - Erasmus macht’s möglich.

"Warum Albanien?" Diese Frage bekommen Erasmusstudierende, die sich für Albanien entschieden haben, oft gestellt (von Menschen der Heimat und Albaner*innen gleichermaßen). Menschen reagieren oft mit Erstaunen, teils auch mit Unverständnis. Das Bild, das wir in Westeuropa von Albanien haben, ist voll von Stereotypen und Vorurteilen. Zu Unrecht, denn eigentlich wissen wir kaum etwas über dieses Land, das gerade mal zwei Flugstunden von Deutschland entfernt ist.

Warum also Albanien? 6 Gründe:

1. Die albanische Gastfreundschaft

Die Gastfreundschaft ist fest verankert in der albanischen Kultur. Fremde werden mit offenen Armen empfangen. Ob beim nach dem Weg fragen, trampen oder in der Bar, überall lernt man nette Menschen kennen und wird oft auf einen Kaffee eingeladen. Albaner*innen gehen sehr gerne und viel Kaffee trinken. Es wird nicht nur Kaffee getrunken, sondern auch stundenlang über die Familie, Freunde, die Gesundheit, die Liebe erzählt und über die politisch angespannte Situation diskutiert. Noch gibt es jährlich gerade mal ein Dutzend Erasmusstudierender. So lernt man sich in der Erasmuswelt sehr schnell kennen und findet Freund*innen, wird aber auch nicht komplett von der Erasmusparallelwelt eingesogen, dazu ist sie einfach zu klein. Es kann schnell vorkommen, dass es an der Fakultät keine anderen Austauschstudierenden gibt. Besonders an der Universität sprechen die jungen Albaner*innen oft sehr gutes Englisch und es fällt leicht Freundschaften zu schließen.

2. Weil Albaniens Hauptstadt Tirana jung und bunt ist

Fast ein Drittel der Albaner*innen lebt in oder um Tirana. In der jungen Hauptstadt befinden sich auch die meisten staatlichen und privaten Universitäten. Tirana besteht fast ausschließlich aus Plattenbauten. Trotzdem oder gerade deswegen ist Tirana eine schöne Stadt. Die Platten sind wie im Baukastenprinzip angeordnet und in vielen verschiedenen Farben bunt oder mit großen Wandgemälden angemalt. Da es viele große Ketten wie McDonalds oder auch Amazon in Albanien (noch) nicht gibt, finden sich in fast jeder Straße viele kleine Geschäfte, Obst- und Gemüsestände, Restaurants und Kaffees. In Tirana gibt es besonders im Sommer eine Vielzahl an kostenlosen Konzerten, Aufführungen und ein buntes Nachtleben.

Tirana bietet Möglichkeiten für all die Dinge, die Freiburger Studis gerne mögen: Wandern, beispielsweise auf den 1600 Meter hohen Dajti mitten in der Stadt, Klettern (es gibt viele Klettermöglichkeiten in den umliegenden Bergen und auch eine Boulderhalle), Mountainbiken (auch auf dem Dajti und den umliegenden Hügeln möglich) und Raves. Die Technoszene ist in den letzten Jahren in Albanien sehr stark gewachsen. Im Sommer gibt es viele verschiedene Raves, mitten in der Stadt, in den Bergen oder am Meer.

3. Leckeres (vegetarisches) Essen

Das albanische Essen ist auch für Vegetarier*innen super geeignet, auch wenn in Albanien nur wenige Menschen vegetarisch leben. In der traditionellen Küche wird viel mit Fleisch gekocht, insbesondere Lamm, es gibt aber auch viele traditionelle vegetarische Gerichte. Obst und Gemüse sind oft frisch und direkt aus Albanien und besonders das Gemüse ist – wenn man deutsches Supermarktgemüse gewöhnt ist – echt eine Offenbarung. Möhren, Gurken, Paprika, Tomaten können tatsächlich nach ganz viel schmecken. Außerdem gibt es viele Bäckereien und Pâtisserien, die Baklava mit Walnüssen, kleine Törtchen und Nachtische oder Croissants mit Schoko- oder Pistazienfüllung verkaufen. Bei der süßen Versuchung in den Schaufenstern fällt das "Nein sagen" oft schwer.

4. Die Berge und das Meer

Albanien ist gerade mal so groß wie Brandenburg und trotzdem vielfältig. Im Süden Albaniens gibt es Strände mit kristallklarem Wasser, die an die Malediven oder Thailand erinnern. In den albanischen Alpen im Norden kann man super wandern gehen. Ob Schluchten, Wasserfälle, riesige Seen und die größten Wildblumenwiesen Europas – die Natur ist sehr vielfältig und an vielen Orten komplett unberührt. Wildcampen ist überall erlaubt. Ein Problem sind allerdings die öffentlichen Transportmittel. Schienenverkehr gibt es fast gar nicht, Reisen geht also nur mit Bussen oder dem Auto. Besonders beim Reisen mit dem Bus sollte man viel Zeit einplanen und die Dinge spontan auf sich zukommen lassen. Das ist sowieso eine Sache, die man in Albanien schnell lernt: Spontan sein und sich nicht stressen lassen.

5. Eine spannende Geschichte und friedliche Koexistenz verschiedener Religionen

Obwohl Albanien mitten in Europa liegt, wissen wir nur wenig über die Geschichte dieses Landes. Die Besetzung durch das Osmanische Reich, Mussolini, die Nazis und die Diktatur der Sozialistischen Volksrepublik Albanien unter Enver Hoxha haben sich in das historische Gedächtnis tief eingebrannt. 1991 begann der Transformationsprozess zur Demokratie. Obwohl Albanien im Juli 2022 die Beitrittsgespräche mit der EU aufgenommen hat, gibt es noch viele Probleme wie die Korruption, Inflation und extreme Abwanderung junger Fachkräfte. Trotzdem ist Albanien ein Land im Aufbruch, das sich sehr schnell und stark verändert und immer mehr öffnet. Insbesondere in Tirana gibt es viele verschiedene politische Initiativen von jungen Menschen, die sich für politische Alternativen, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und auch queeres Leben einsetzen.

Besonders ist auch, dass in Albanien Religionen schon seit vielen Jahrzehnten in friedlicher koexistieren. Das sieht man auch im Stadtbild. Oft sind verschiedene religiöse Häuser nur wenige Meter nebeneinander zu finden. Albanien ist auch eines der wenigen Länder Europas, in dem nach dem Zweiten Weltkrieg mehr Juden und Jüdinnen lebten als davor. Der Austausch mit den Menschen in Albanien über die Geschichte und Religion ist sehr spannend und lohnt sich, insbesondere wenn man Europas Geschichte besser verstehen will.

6. Weil das Erasmusstipendium großzügig ausfällt

Ein Auslandsaufenthalt wie Erasmus ist trotz Stipendium (leider) auch eine Frage von Privileg und vorhandener finanzieller Ressourcen. Das Erasmusstipendium für Albanien fällt sehr großzügig aus und liegt zwischen 700-800 Euro. Mit diesem monatlichen Geld lässt sich der gesamte Aufenthalt finanzieren. Noch bieten sehr wenige Universitäten und Fachhochschulen Austauschprogramme mit Albanien an. Jedoch sind meistens auch erasmusgeförderte Praktika möglich, über Programme wie den DAAD oder in Absprache mit den Universitäten lassen sich solche Auslandsaufenthalte auch selbst organisieren. Dabei ist es sehr wichtig sich vorher zu informieren, in welcher Sprache die Kurse angeboten werden. Sonst kann es passieren, dass alles auf Albanisch ist. Das war bei mir der Fall, war aber sehr gut, um die Sprache schneller zu lernen. Für alle, die nach einem kleinen Erasmusabenteuer abseits von Spanien und Co suchen, kann ich Albanien empfehlen. Ein Auslandsaufenthalt ist oft herausfordernd, öffnet aber neue Türen und Perspektiven. Am Ende ist es deswegen oft kein Abschied, sondern ein "Auf Wiedersehen". Auf albanisch: "Mirupafshim!".