Fernsehen

5 Ausreden, um ohne schlechtes Gewissen Trash-TV zu schauen

Fabian Blaznik

Love Island, Bachelor, Promis unter Palmen – in Zeiten von Corona sind das Quotengaranten im Fernsehen. Auch fudder-Autor Fabian Blaznik schaut sich diese Sendungen an und kommt dabei häufig in Erklärungsnot.

Ich sollte kein Trash-TV gucken. Ich als aufgeklärter, sogenannter "woker" junger Mann, der sich im Studium wie privat mit feministischen, queeren und postkolonialistischen Theorien auseinandergesetzt hat, weiß, dass diese Sendungen Brutstellen für Problematisches sind. Bestes Beispiel: In einer Folge der diesjährigen Staffel "Love Island" stößt der schwarze Amadu zum Cast dazu – und wird daraufhin so selbstverständlich gefragt, ob er aus Afrika stamme, als habe es nicht erst im letzten Jahr die großen #BlackLivesMatter-Proteste gegeben. Allein solche Beispiele sollten uns dazu bewegen, sofort den Fernseher auszuschalten (in meinem Fall: den Laptop zuzuklappen) oder sich schnellstmöglich einer unproblematischen, positiven Serie wie beispielsweise "Brooklyn 99" hinzugeben.

Und doch können ich und viele nicht aufhören, uns diesen buchstäblichen Schmutz reinzuziehen. Sendungen wie "Promis unter Palmen" oder auch die "Dschungelshow", die Ersatzsendung für das ausgefallene Dschungelcamp, haben (nicht nur) während der Corona-Pandemie Traumquoten erhalten und füllen auf Twitter immer wieder die Trends. Und mittlerweile möchte ich mich nicht länger vor mir selbst oder in meinem Freundeskreis dafür rechtfertigen, dass ich mir regelmäßig solche Sendungen anschaue. Daher an dieser Stelle meine fünf Gründe oder, besser gesagt, Ausreden, warum ich Trash-TV gucke. Fühlt euch frei, sie zu klauen und für die Situationen zu verwenden, wenn euch wieder vorgeworfen wird, dass ihr die letzte Bachelorette-Staffel gebinget habt.

1. Trash ist nicht gleich Trash

Es gibt Sendungen wie "The Biggest Loser", die ich einfach nicht angucken kann, weil ich es nicht ertrage, wie die Leben dieser Menschen als Drama ausgeschlachtet werden. Reality-TV wie "Berlin Tag oder Nacht" hat schon lange seinen Zenit überwunden und konnte mich noch nie wirklich durch seine inszenierte Realität locken. Was mich in seinen Bann zieht, das sind die Influencer*innen-Fabriken, Sendungen wie "Love Island" oder "Temptation Island." Obwohl die Teilnehmenden dieser Formate angeblich auf der Suche nach dem richtigen oder der richtigen Partnerin sind oder für ihre Beziehung kämpfen wollen, sind sie nicht in der Lage, diese Gründe überzeugend vorspielen zu können. So wird mehr als deutlich, dass sie es für Reichtum, Fame und eine wachsende Followerinnen-Schar tun. Das schafft für mich eine gesunde Distanz zu ihnen und hilft mir, das Gesehene besser einzuschätzen und abstrahieren zu können.

2. Die perfekte Ablenkung während der Pandemie

Der Lockdown ist hart. Natürlich kann ich die neue Staffel "Handmaid’s Tale" suchten, aber wenn ich mir dystopische Zustände angucken will, muss ich neuerdings einfach nur die Nachrichten anschalten. Und wenn die Infektionszahlen wieder in die Höhe schnellen und der nächste harte Lockdown hinter der nächsten Ecke lauert, dann verschafft mir ein Aufenthalt auf "Love Island" oder "Temptation Island" den Eskapismus, den ich gerade bitter nötig habe. Es ist leichte, verdauliche Kost. Sie stillt meine Sensationsgier, ich muss dabei aber nichts denken oder fühlen. Nichts, was dort auf dem Bildschirm geschieht, steht in irgendeiner Relation zu mir. Identifizierung ist zwar möglich, geht jedoch nur bis zu einem bestimmten Grad. Wenn der Bachelor sich völlig daneben verhält und drei Frauen gleichzeitig das "Herz bricht", dann kann ich zwar etwas Mitleid empfinden, aber ich kann mich vor allem so richtig schön über diesen, mir völlig unbekannten, Mann aufregen und dabei sämtliche angestauten Emotionen rauslassen. Ob das mit einer Folge "Haus des Geldes" genau so leicht ist? Ich bezweifle es.

3. "Normalität" im Fernsehen

Die Clubs und Bars sind zu, die Uni findet auf Zoom statt, Freunde und Freundinnen kann man zwar treffen, geht aber auch nur eingeschränkt. Die Trash-TV-Teilnehmenden dagegen können gleichzeitig Partys feiern, sich in den Arm nehmen oder einfach mal richtig abknutschen. Da könnte man glatt neidisch werden. Im Prinzip hat sich noch nie eine Teilnahme an einer RTL-Sendung so sehr gelohnt wie in diesem Jahr: Auch wenn überall sonst alles geschlossen ist, das öffentliche Leben stillsteht und Daten fast unmöglich scheint – in den Villen des Bachelors oder der Bachelorette herrscht eine Art von Normalität. Es ist wie der Einblick in eine Parallelwelt, zu der ich keinen Zutritt habe, geschweige denn es wirklich möchte, mir aber zeigt, dass das "normale" Leben nicht so weit weg ist.

4. Nährstoff für Diskussionen und Debatten

Die Sendungen sind problematisch, auf jeden Fall. Das Konzept von "Love Island" lässt die unterschwellige Botschaft zu, dass man als Single im Leben nichts wert ist – nur als Teil eines Paares, verenglischt Couple genannt, darfst du auf der Insel bleiben und kannst am Ende 50.000 Euro gewinnen. Gleichzeitig werden, wie oben erwähnt, schmerzhafte Klischees ausgepackt und neu interpretiert: Frauen sollen bitteschön von den Männern erobert werden und würden nie den ersten Schritt machen, Männer stellen Besitzansprüche an Frauen. BiPoc werden oft auf ihr exotisches Aussehen reduziert und ein bisschen Homophobie schadet auch nie. Und das ist natürlich frustrierend, enttäuschend, macht wütend – und zeigt, wie viel noch getan werden muss. In gewisser Weise beweisen diese Sendungen, wie viel unterschwelliger Rassismus, Sexismus und LGBTQ+-Feindlichkeit in unserer Gesellschaft noch vorliegt. Somit geben diese Sendungen Nährstoffe für viele wichtige Diskussionen und Debatten, die man in Zukunft noch führen muss.

5. Parodien statt Originale

Ein Problem jedoch bleibt: Wenn ich jetzt über den Fernseher oder die Mediatheken diese Sendungen anschaue, unterstütze ich die Sender damit in ihrer Reichweite und dadurch auch finanziell. Das ist ein moralisches Dilemma, das leicht umschifft werden kann, indem man die betonte ironische Distanz, mit deren man sowieso diese Formate konsumieren sollte, verdoppelt. Man schaut also Parodien, einschlägige finden sich auf YouTube oder auf Spotify. In diesen werden die Sendungen besprochen, kritisch hinterleuchtet und ordentlich durch den Kakao gezogen. Manche Youtuberinnen und Youtuber gehen dabei auch explizit auf die problematischen Thematiken dieser Sendungen ein und sorgen somit für spannende Diskussionen. Dazu wird das ganze mit einer gewaltigen Prise Humor und Witz gemischt und voilá: die perfekte Corona-Ablenkung ist geschaffen.

Und nun entschuldigt mich bitte – ich glaube, die neue Staffel von "Temptation Island" hat angefangen.

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