2raumwohnung in der Brauerei Ganter: Routiniert und cool

Florian Forsbach & Bernhard Amelung

Synthpop, New Wave und Techno: Das Berliner Duo 2raumwohnung überschreitet mit seiner Musik Genregrenzen. Bei den Ganter Kulturtagen in Freiburg hat es ein routiniertes Livekonzert gespielt.



Rim Shots krachen, Snare Drums rattern um die Wette. Satte, trockene Bässe erfüllen den Raum. Sie drücken, schieben, zerren und reißen am Publikum, versetzen es in Schwingung. Tommi Eckart steht an seinem Laptop und Controller. Er dreht, schraubt, zwirbelt an den Knöpfen. Er schiebt Klangspuren und Drumloops hin und her, verändert und verfremdet ihren Sound; wahrscheinlich mit Hilfe der Musiksoftware Ableton live.

Er schichtet Tonspur auf Tonspur, verdichtet den Bass, und auf einmal erklingt der vielleicht bekannteste Synthesizer-Bass der Welt, den der italienische Produzent Giorgio Moroder der Sängerin Donna Summer auf den Leib geschneidert hat. "I Feel Love", so der Titel von Summers Welthit aus dem Jahr 1977, wird von Tommi Eckart und Inga Humpe als "Sexy Girl" neu interpretiert.

Irgendwo dort, im Elektrofunk, Synthpop, Disco und New Wave der 1970er und 1980er Jahre nimmt die Musik von 2raumwohnung ihren Anfang. Doch über die Jahre ist das Duo glatter geworden, klingen die Songs eingängiger und gefälliger. Auch ein Schlagersternchen Helene Fischer macht heute so eine Musik.

Das Publikum könnte dort wie an diesem Abend dasselbe sein: Mittvierziger, die ihr Resthaar zu einer Irokesen-Frisur im Stile David Beckhams gekämmt haben, treffen auf Hemd-mit-Schal-Träger Anfang fünfzig. Frau trägt bevorzugt Jeans und T-Shirt, mal mit Strass-Herzen, dann wieder mit grün und rosa schillernden Pailletten geschmückt. Ein paar Sprachfetzen Baseldytsch flirren durch die Halle, vermengen sich mit Elztäler, Kaiserstühler und Markgräfler Mundart zu einem Dreiland-babylonischen Sprachgemisch.

Nur die jüngere Feiergeneration, Jungs und Mädels zwischen 18 und 30, hat lediglich ein paar wenige Beobachter in die Halle auf dem Gantergelände geschickt. Sie sollte ihren großen Auftritt ab Mitternacht haben, bei DJ-Sets von Digitalism und verschiedenen Plattendrehern aus der Region. Trotzdem: die Halle ist voll. Inga Humpe fragt: "Habt ihr noch Platz zum tanzen?"

Routiniert runtergespielte Bandgeschichte

Zurück zum Konzert. 2raumwohnung-Sängerin Inga Humpe, 58, und Produzent Tommi Eckart spielen 15 Songs. Mit Zugabe sind es am Ende 19. Jeder dauert mit einer kurzen Einleitung oder Überleitung fast auf die Sekunde vier Minuten. Das Duo nimmt sein Publikum mit auf eine Reise durch ihre größten Hits aus 14 Jahren Bandgeschichte, routiniert runtergespielt. Manchmal wirkt ihr Auftritt fast schon unterkühlt.

"Sexy Girl", "Ein neues Gefühl", "Wir werden sehen", "Bei dir bin ich schön", "Ich und Elaine", "Wirklich sein", "Ich mag’s genauso", "Wir trafen uns in einem Garten", "Mir geht’s gut", "Nimm mich mit","Ich dich auch","Wir waren fürchterlich", "Sie geht los", "36 Grad", "Sasha (Sex Secret)", und zum Abschluss noch eine zweite Version ihres ersten, im Jahr 2001 veröffentlichten Songs "Wir trafen uns in einem Garten". So liest sich am Ende die Setlist.

Nach einer Stunde ist das Konzert vorbei, die Songs der Zugabe nicht mit eingerechnet. Wenn das keine Bühnenroutine ist. Das tut der durchweg entspannten Stimmung jedoch keinen Abbruch. Die Fans kennen die Songs und singen die Refrains euphorisch mit. 2raumwohnung live ist ein bisschen wie ZDF-Fernsehgarten für den ZDF-Fernsehgarten-Nachwuchs.

Zu den heimlichen Stars des Abends avancieren deshalb Parissa Eskandari und Paul Brenning, besser bekannt als Pari San. Sie geben die Vorband zu 2raumwohnung. Sie arbeiten an den Schnittstellen britischer Bassmusik, zwischen verkifftem Trip Hop aus Bristol und verhangen treibendem Dubstep aus London. Mit ihren Songs wagen sie den Brückenschlag zur avantgardistischen Popmusik.

Synthesizerschleifen zwitschern, blubbern, brodeln. Klavierakkorde verhallen in einem Nebel aus Dub. Aus diesem lässt das Duo orientalisch anmutende Harmonien und persischen Gesang aufsteigen. Eskandaris Stimme schraubt sich in windender Melodik ins Gehirn. Sie hypnotisiert und verzaubert ihr Publikum. Man könnte ihr die ganze Nacht zuhören, der Freiburger Scheherazade der elektronischen Musik.

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Fotos: Florian Forsbach

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