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10 Buchtipps, die dich durch die Quarantäne bringen

Christina Braun

Die Nachrichten deprimieren und Netflix kennst du auswendig? Dann solltest du deine häusliche Quarantäne mit gutem Lesestoff aufwerten. Der Literaturblogger Yannick Dreßen empfiehlt zehn zeitgenössische Romane, die vor dem Lagerkoller bewahren.

Seit knapp drei Jahren bloggt der Wahl-Freiburger und Deutschlehrer Yannick Dreßen über Literatur. Der studierte Literaturwissenschaftler verfasst in Form eines virtuellen Lesetagebuchs Rezensionen zu zeitgenössischer Gegenwartsliteratur, klassischen Werken, aktuellen Neuerscheinungen und Lesungen, die er besucht hat. Seine Liebe zum Buch kommt nicht von ungefähr: Seit er ein kleiner Junge ist, liest er, um in neue Welten abzutauchen und andere Lebenskonzepte, Kulturen und Wirklichkeiten kennenzulernen. Besonders interessieren ihn zeitgenössische Werke, die er nicht nur online, sondern auch in seinem Buchclub in Freiburg mit anderen Literaturbegeisterten diskutiert.


Für fudder hat der Literaturblogger eine bunte Auswahl von gegenwärtiger Romanen zusammengestellt, die ihn in den vergangenen Monaten sowohl sprachlich als auch thematisch besonders inspiriert und begeistert haben.

Karen Köhler: Miroloi

Eine abgelegene Insel im Meer, fernab vom Rest der Welt. Ein archaisches Dorf, das an festen Traditionen und Ritualen festhält. Eine patriarchalische Gemeinschaft, in der viel gearbeitet, getrunken und geschlagen wird. Und ein junges Mädchen, das nicht dazugehört – doch eines Tages aufbegehrt.
Karen Köhlers Debütroman ist eine Coming-of-Age-Story, eine Geschichte über Emanzipation und Selbstbestimmung, eine Erzählung über den menschlichsten aller Triebe, die Neugier, über den Tellerrand zu blicken und starre Gegebenheiten zu hinterfragen, ein Manifest über den Drang nach Freiheit, erzählt in einer poetischen Sprache, die an Märchen erinnert.

Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

Ruths Eltern sind verstorben. Ihr letzter Wille: Sie wollen in ihrer Heimat Groß-Einland begraben werden. Und so macht sich die habilitierende Physikerin auf, das abgelegene Dorf zu finden. Vor Ort lernt sie eine seltsame Gesellschaft kennen, in der unerklärliche Dinge geschehen. Zudem wuchert ein riesiges Loch unter den Häusern, ein Loch, das das Dorf immer weiter verschluckt. Was hat es damit nur auf sich?
Ein Debütroman wie eine Axt für das gefrorene Meer in uns. Ausgefeilte Sätze und eine abstruse Szenerie, irgendwo zwischen Alice im Wunderland und Der Prozess. Vielschichtig und tiefgründig erzählt, bietet die Geschichte einen großen Interpretationsspielraum, der auf vielerlei Wegen psychologisch begangen werden kann.

Angela Lehner: Vater unser

Eva ist redselig. Sie ist klug, intelligent, jung und forsch. Und vor allem ist sie eins: in der Psychiatrie. In den Sitzungen mit ihrem behandelnden Arzt nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Nach und nach werden so Bruchstücke ihrer Kindheit zutage gefördert, Traumata, über die sie jedoch so flapsig und emotionslos berichtet, dass Zweifel an ihrer Verlässlichkeit aufkeimen. Kann man ihr also trauen?
Angela Lehner hat ein freches, witziges und zugleich schockierendes Debüt abgeliefert, das Familiengeschichte und Krimi miteinander vereint. Zudem hat sie eine Protagonistin erschaffen, die man durch ihre rüpelhafte und dennoch liebenswürdige Art so schnell nicht vergisst.

Jackie Thomae: Brüder

Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine ein Hallodri, der in den Tag hineinlebt und das macht, was er für richtig hält, ohne Rücksicht auf die Menschen in seiner Umgebung. Der andere ein Stararchitekt, der den alltäglichen Anforderungen und Verpflichtungen bis zur Selbstaufgabe nachkommt. Sie kennen sich nicht, doch sie verbindet mehr als die Hautfarbe, die sie kennzeichnet.
Mit Scharfsinn, Witz und Feingefühl setzt Thomae eine Familiengeschichte in Szene und beschwört auf famose Weise das Lebensgefühl der 80er, 90er und 2000er herauf. Dazwischen, in leisen Tönen, surrt der alltägliche Rassismus mit, aber auch die Suche nach dem Sinn in einem Leben, in dem stets etwas fehlt, ein Leben, das nicht komplett erscheint.

Sibylle Berg: GRM:Brainfuck

Rochdale, England. Vier Kinder leben in dem Gebilde, das mal ein Sozialstaat war. Doch der Staat funktioniert nicht mehr. Es sind Straßenkinder, verarmt, abgehängt, verlassen und in der rauen Umgebung auf sich allein gestellt. Ihre einzige Unterhaltung ist Grime, jene Musikrichtung, die täglich neue Stars hervorbringt. Als sie vor der Gewalt und Ausweglosigkeit nach London flüchten und sich dem Überwachungsstaat beugen müssen, starten sie ihre ganz eigene Revolution.
Sibylle Berg hat die Fäden der Gegenwart fortgesponnen und liefert eine Abrechnung mit unserer heutigen Zeit und Sorglosigkeit im Angesicht autoritärer Staaten, des Sozialabbaus, der Digitalisierung, KI und diktatorischen Überwachung. Eine Dystopie, irre, verrückt und bewegend, die in einer gefährlich nahen Zukunft spielt, einer Zukunft, die schon längst begonnen hat.

Gunnar Kaiser: Unter der Haut

Diesen einen Moment zu halten, ihn ewig zu binden. Diesen einzigartigen Moment des höchsten Glücks an sich zu reißen, zu packen, um sich ewig an ihm zu erfreuen – das ist nicht nur, was sich Doktor Faustus, des Lebens überdrüssig und in Melancholie versunken, in seinem Studierzimmer erhofft, als er mit Blut den Pakt mit Mephisto unterschreibt. Das ist auch, wonach Joseph und Jonathan in ihrer Begierde nach Büchern und Frauen trachten, die Protagonisten dieses Romans.
Spannend und unterhaltsam verwebt Gunnar Kaiser in seinem Debütroman Literatur mit Philosophie, Erzählung mit Verführung, deutsche Geschichte mit Judentum, Buchkunst mit Liebe und Obsession, immer auf der Suche nach dem einzigartigen Moment – diesem einen Moment, den man dem wütenden Strom der Zeit entreißen will.

Andreas Moster: Wir leben hier seit wir geboren sind

Wie umgehen mit dem, was uns fremd ist? Soll man in Angst erstarren oder es einfach ignorieren? Soll man es verurteilen oder annehmen? Opponieren oder arrangieren? Bringt das Fremde etwas Neues oder zerstört es nur das Alte?
In seinem Debütroman beschwört Andreas Moster auf geradezu kafkaeske und poetische Weise ein abgelegenes Dorf, das äußerlich gesund und heil erscheint. Als ein Fremder auftaucht, um den nicht mehr rentablen Steinbruch zu schließen, die Lebensgrundlage des Dorfes, zeigt sich jedoch das, was unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit liegt. Die fragilen Strukturen zerbrechen und das Archaische tritt zutage.

Norbert Scheuer: Winterbienen

In den tagebuchähnlichen Aufzeichnungen beschreibt ein Imker die letzten Monate des Zweiten Weltkrieges, das Leben in der Eifel, in einem Dorf, in dem ihn alle wegen seiner epileptischen Anfälle argwöhnisch beäugen. Er schreibt über das Volk der Bienen als Gegenentwurf zum nationalistischen Volksgedanken. Und er schreibt über den Schmuggelpfad nach Belgien, den er errichtet hat, ein Pfad, auf dem er heiße Ware transportiert, gut getarnt unter tausenden Bienen, eine Ware, die ihn das Leben kosten könnte, wenn man sie fände.
Norbert Scheuers Roman spiegelt die große Welt in der Provinz wider. Dabei kommt seine unaufgeregte Erzählweise sehr leichtfüßig daher und bildet einen krassen Kontrast zu der Zeit höchster Aufregung und Chaos zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Chris Kraus: Das kalte Blut

Die Lebensgeschichte Kolja Solms, eine Geschichte, die so witzig und unterhaltsam, zugleich so abscheulich und schwer verdaulich ist, dass der Leser vom Glauben abfällt. Immer schrecklichere Begebenheiten und Situationen fördert der Ich-Erzähler aus den Ruinen seiner Vergangenheit zutage und legt damit eine Beichte ab, die unglaublich erscheint und doch fest mit der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts verbunden ist.
Chris Kraus erschafft eine Ménage-à-trois, die von Liebe, Verrat und Hass zersetzt wird. Dabei ist der sympathische Ton des Erzählers unvereinbar mit dem, was er erzählt, so dass dadurch die ganze 'Banalität des Bösen' zum Vorschein kommt. Ein Roman wie ein Film mit rasant geschnittenen Szenen, so verdichtet und detailliert zusammengesetzt, so packend und aufregend, dass man nicht zum Atemholen kommt.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

Andreas ist Waise. Zum Anfang des letzten Jahrhunderts wird er bei Verwandten in einem kleinen Dorf in den Alpen untergebracht. Es wird ein hartes Leben in diesem Tal, karg, ohne große Aufregung, mit viel Arbeit, aber auch ohne großes Murren oder Klagen. Nachdem er jahrelang im Krieg gekämpft hat, setzt Andreas bei seiner Rückkehr genau dort wieder an, wo er aufgehört hat. Er will einfach nur leben, nur sein.
Robert Seethaler Roman besticht durch die Einfachheit, Unaufgeregtheit und Gelassenheit eines Lebens, das wie ein Ruhepol in unserer aufgeregten Welt daherkommt. Der Roman stellt die Frage nach dem, was wirklich wichtig ist und Bedeutung trägt, und gibt zu verstehen, dass wir durch Modernisierung und Technologisierung immer mehr das verlieren, was das Leben ausmacht – Natürlichkeit.
  • Yannick Dreßen: Blog

Wer jetzt im Onlineshop von lokalen Buchhandlungen neuen Lesestoff bestellt, kann zugleich einen Beitrag leisten, um Freiburgs kleine Buchläden und Schmökerecken am Leben zu halten, die besonders stark unter den wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise zu leiden haben.

Info:

Yannick Dreßen wird in den kommenden Wochen weiterbloggen. Zusätzlich plant er einen Podcast, in dem er über die großen Klassiker der Weltliteratur sprechen möchte.