Meine Meinung

1,4-Abschluss und arbeitslos: Wieso eine Freiburger Studentin von Noten angekotzt ist

Jacky Sturm

Jacky aus Freiburg hat immer getan, was von ihr verlangt wurde: Gute Noten schreiben. Einen Job fand die 26-Jährige damit nicht – trotz Abschlussnote 1,4 in Umweltnaturwissenschaften. Nun wartet sie auf Hartz IV. Auf fudder erzählt sie ihre Geschichte.

Mein ganzes Leben wurde mir von meinen Lehrern und Professoren gesagt, ich bräuchte gute Noten. Mit guten Noten bekommt man Anerkennung, Wertschätzung und die Aussicht auf einen guten Job – kurzum ein gutes Leben. Ich habe mich in zwölf Jahren Schule und sechs Jahren Studium in Freiburg immer angestrengt, gute Noten zu bekommen. Das hat meistens geklappt. Mein Abitur habe ich in Bayern mit der Note 1,4 abgeschlossen, meinen Bachelor und Master mit derselben Note.


Dafür bekam ich von Lehrern, Eltern, Mitschülern, Kommilitonen und Freunden Anerkennung. Das hat gut getan. Durch Noten wurde man bewertet, durch Noten bekam man Lob, durch Noten wurde man definiert. Klar, ich wusste schon, dass Noten nicht alles sind. Es wurde mir aber erst nach meinem Studienabschluss im Sommer 2019 in vollem Ausmaß bewusst, wie wenig Noten aussagen.



Nämlich als ich meinen Lebenslauf mit den guten Noten an alle Arbeitgeber, die ich finden konnte, schickte. Zunächst noch mit großen Hoffnungen und nur in Freiburgs Umgebung. Schließlich wurde mein Radius immer größer – auf ganz Deutschland, die Schweiz und Österreich – und mein Optimismus immer kleiner. Ich bewarb mich auf alle möglichen Stellen mit einem Bezug zu Umweltnaturwissenschaften. Beim Nabu, Greenpeace, auf Stellen für Kartierung, in der Verwaltung oder als Landschaftsplanerin. Im Laufe der deprimierenden Suche wurde ich immer anspruchsloser und hoffnungsloser.

Die bisher rund 60 Absagen auf meine Bewerbungen und Vorstellungsgespräche begannen immer mehr, an meinem Ego zu kratzen. Klar, man soll Absagen nicht persönlich nehmen. Doch nach acht Monaten Suche bekomme ich von allen Seiten das Gefühl vermittelt, dass niemand mich haben will.

In der Uni-Blase fühlen wir uns alle wichtig

Vorher war ich es gewohnt, dass meine Anstrengungen in irgendeiner Weise geschätzt wurden. Jetzt aber habe ich das Gefühl, dass alles, was ich mache, völlig überflüssig ist und niemanden interessiert. In der Uni-Blase bekommt man schnell das Gefühl vermittelt, man sei etwas unglaublich Wichtiges. Dabei fragen wir uns alle zu selten: Was braucht unsere Gesellschaft eigentlich? Welche Rolle will ich selbst in der Gesellschaft spielen? Die Frage, was ich wirklich mit meinem Leben anfangen will, habe ich immer aufgeschoben. Etappenweise habe ich immer nur jede Klausur und Hausarbeit auf mich genommen.

Mir wurde gesagt, mit einem guten Abschluss eines umweltnaturwissenschaftlichen Studiums würden sich die Arbeitgeber um mich reißen. Dass ich seit acht Monaten arbeitslos und pleite bin, keine Wohnung finde und auf die Bewilligung meines Hartz-IV-Antrages warte, obwohl ich mich anstrenge meinen Lebenslauf attraktiver, meine Bewerbungen effizienter und mein Auftreten ansprechender zu machen, passt nicht so ganz in das Bild.

Die Nicht-Antworten sind das Schlimmste

Es sind nicht die Absagen, die mich stören. Was mich oft wütend macht, ist die Behandlung, die ich erfahre. Manche Arbeitgeber antworteten überhaupt nicht. Andere erst nach vier Monaten. Manchmal fuhr ich durch halb Deutschland und in den meisten Fällen wurde mir die Anreise nicht bezahlt. War diese Mühe nicht einmal eine Antwort wert?

Wenn es Absagen gibt, dann meistens Standardfloskeln. Als Grund wurde fast immer das Gleiche genannt: Ich hätte keine Berufserfahrung. Schon die Stellenausschreibungen sagten deutlich, was Arbeitgeber wollen: Die eierlegende Wollmilchsau. Ich solle so jung wie möglich sein, ein perfekt abgeschlossenes Studium haben, zehn Jahre Berufserfahrung vorweisen können und Kompetenzen in so ziemlich allem besitzen. Um Berufserfahrung zu bekommen, braucht man zuerst die Chance etwas zu lernen und um diese Chance zu bekommen braucht man – ja, was denn? Super Noten sind anscheinend ein verschwindend geringer Faktor.

Die guten Abschlüsse sind nicht mehr als Papierfetzen

Als ich damals mein Abitur in der Hand hielt, hatte ich das Gefühl, dass mir die ganze Welt offen steht und ich alles machen könnte, auf was ich Lust habe. Im Studium war ich realistischer, aber immer noch optimistisch. Meine tollen Abschlüsse, in die ich so viel investiert habe, sind nicht mehr als Papierstücke. Aus mir sprechen nun Frustration und Enttäuschung.

Nicht nur mir, sondern vielen jungen Menschen aus meinem Umfeld geht das nach Studienabschluss so. Es macht mich wütend und enttäuscht mich, wie wenig unser Bildungssystem uns auf das Leben vorbereitet. Wie wenig Chancen jungen Menschen gegeben werden. Man erwartet von uns unendliche Flexibilität, und dass wir nicht zerbrechen – trotz des ganzen Drucks von allen Seiten, den unrealistischen Ansprüchen, den Bewertungen und Anforderungen.


Sollten wir nicht mehr Zeit unserer kostbaren Jugend damit verbringen, darüber nachzudenken, was wir eigentlich wollen und nicht Noten hinterherjagen? Den Rahmen um darüber nachzudenken gibt uns unser Bildungssystem jedenfalls momentan nicht.

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