Zwitscher.tv: Wie man Jugendliche für Politik gewinnt

Kathrin Aldenhoff

16 Volontäre von der Electronic Media School in Potsdam haben mit zwitscher.tv versucht, junge Leute für Politik zu begeistern. Mitinitiatorin Doris Anselm erzählt uns, wie die Zwitscherer zu diesem Zweck unter anderem einen Bürgermeister coachten, "um cooler rüberzukommen".



Doris, welche Idee steckt hinter zwitscher.tv?

Wir wollten im Superwahljahr ein Politikmagazin für Jugendliche machen. Das Problem ist nicht, dass Jugendliche Politik nicht verstehen können, sondern dass viele keinen Grund sehen, sich überhaupt einzuarbeiten. Sie fühlen sich nicht betroffen. Wir wollten Themen aufzeigen, bei denen die Jugendlichen sich angesprochen fühlen. Die Beiträge sollen emotional sein und immer von Menschen handeln.

Ihr seid 16 Volontäre bei zwitscher.tv. Wielange habt ihr für die Umsetzung gebraucht?

Drei Wochen, in denen wir alle in Vollzeit gearbeitet haben. In der ersten Woche haben wir Themen gesammelt, unsere Zielrichtung immer wieder verfeinert und auch schon erste Termine mit Gesprächspartnern für die Beiträge ausgemacht. In der zweiten Woche haben wir dann gedreht, geschrieben, fotografiert, Interviews geführt. Und danach geschnitten, Bildergalerien zusammengebaut und so weiter.

Wie regelmäßig wird die Seite aktualisiert?

Zwitscher.tv ist als Prototyp für ein politisches Jugendmagazin gedacht. Das heißt, es ging darum, einmal durchzuspielen, wie das aussehen müsste, wie das laufen könnte. Deswegen geht es jetzt leider erstmal nicht weiter mit der Seite. Wir pflegen natürlich die Kommentare und haben auch schon Informationen ergänzt, aber ganz neue Beiträge kommen nicht dazu. In dem Wort Abschlussprojekt ist ja leider schon das absehbare Ende enthalten.



Was wollt ihr mit zwitscher.tv vermitteln?

Wir wollen sagen, dass Politik nichts Abstraktes ist. Oft wird Politik so verkauft, als ob man das erst einmal studieren muss, um mitreden zu dürfen. Das muss man aber nicht. Klar, unsere Welt ist hochkompliziert geworden. Aber ein politisches Gefühl oder bestimmte Grundsätze kann jeder entwickeln, auch wenn er die Gentechnik nicht erklären kann.

Sind die Beiträge auf der Seite ernst gemeint?

Wir arbeiten schon mit Satire, so wie im Bürgermeister-Beitrag, über den viel berichtet wurde. Da lässt sich ein Bürgermeister coachen, um cooler rüberzukommen bei den Jugendlichen in seinem Ort. Er eröffnet einen Facebook-Account und wird umgestylt. Wir werfen mit dem Beitrag die Frage auf: Was sollen Politiker denn tun für euch? Sollen sie sich zum Affen machen? Was erwartet ihr von Politikern? Und der ganze Casting-Wahn im Fernsehen kriegt natürlich auch sein Fett weg. Unsere Meinung dabei ist einfach, dass Politik weniger heilig behandelt werden muss.

Was haltet ihr vom Onlinewahlkampf der deutschen Parteien?

Der ist sicher wichtig. Aber es gibt da auch viel Hype. Mir ist es egal, ob dieser oder jener Politiker auf irgendeiner Netzwerk-Plattform vertreten ist oder nicht. Mir würde eine gut gemachte Website reichen, auf der er verständlich erzählt, was er poliltisch vorhat.



Wie gravierend schätzt ihr die Politikverdrossenheit junger Leute ein?

Ich glaube, viele Leute, nicht nur Jugendliche, sind eher von den politischen Strukturen genervt als von den Themen. Denn die gehen uns ja etwas an. Aber zum Beispiel dieses ewige Koalitions-Gerede, das es jetzt wieder gibt - das hat mit Themen nichts mehr zu tun, nur mit Macht. Befragungen zeigen auch, dass Jugendliche sich durchaus engagieren – aber nicht mehr so gern in Parteien, sondern zum Beispiel im Tierschutz oder bei Menschenrechtsorganisationen. Wer so was macht, weiß aber wahrscheinlich eher, wen er wählen könnte, als total desinteressierte Leute.

Gehst du am 27. September zur Wahl?

Ich habe Briefwahlunterlagen angefordert, weil ich unterwegs sein werde. Entschieden habe ich mich auch schon.

Für wen?

Sage ich nicht. Ich habe mir überlegt, dass für mich viele gesellschaftliche Probleme auf Bildungsfragen zurückgehen. Also habe ich die Programme der Parteien in erster Linie darin verglichen, was die Leute in Sachen Uni, Berufsausbildung, Kinderbetreuung und so weiter vorhaben. Danach war die Entscheidung für mich ziemlich einfach.

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Website: Zwitscher.tv