Zwischen Professorenstelle und Prekariat

Jonas Nonnenmann

Osama Gharibeh (42) hat oft zu Ende studiert: Sportwissenschaft in Jordanien, Buddhismuskunde in Japan, Anthropologie in den USA und Archäologie in Mainz. Jetzt ist er in Freiburg, hält zwei Hauptseminare an der Uni und verdient so viel, dass er sich gerade mal über Wasser halten kann. Vom schweren Los eines Universalgelehrten.



Osama Gharibeh (42) steht in der Kochnische seines winzigen Zimmers und gießt dampfenden Kaffee in die Tassen – ein Luxus, den er sich nicht jeden Tag gönnt. Finanzielle Schwierigkeiten habe er seit seinem ersten Studium, sagt er, aber es sei schlimmer geworden. So schlimm, dass er sich daran gewöhnt hat, tagelang Pasta zu essen. Oder gar nichts. „Zwei oder drei Tage komme ich ohne Essen aus“, sagt der Jordanier monoton, „ich brauche nur ein paar Gläser Zuckerwasser, für die Konzentration.“


Osama Gharibehs Deutsch ist fast perfekt, aber er hat sich einen melodischen Akzent bewahrt. Klingt nach französischem Einschlag – vielleicht auch ein Mitbringsel aus dem Arabischen, seiner Muttersprache. So genau weiß man das nicht bei einem, der fünf Sprachen beherrscht, englische Bücher schreibt und Seminare am liebsten auf Französisch hält. Letzte Veröffentlichung: Anthropology in Jordan.

Osama Gharibeh ist einer der letzten seiner Art, eine Mischung aus Weltbürger und Universalgelehrter. Einer, der fünfmal zu Ende studiert hat: Sportwissenschaft in Jordanien, Buddhismuskunde in Japan, Anthropologie in den USA und Archäologie in Mainz. Nebenbei bastelte er am Max-Planck-Institut an einer aufsehenerregende Methode, mit der man das Alter von Toten anhand ihrer Zähne bestimmen kann.

Der Jordanier sagt, er sei Realist, aber es klingt nicht überzeugend. Wenn er über sein Fach spricht, dann gestikuliert er und spricht schneller als sonst. Ganz wie einer, der verliebt ist – verliebt in sein Fach, die Uni, das lebenslange Lernen. Um seinen Traum zu finanzieren, hat er abwechselnd von Stipendien gelebt und von Jobs: Anfangs als Taekwon-Do-Profi, später als  Türsteher, DJ, Übersetzer und Zeitarbeiter. „In den Semesterferien habe ich immer gearbeitet wie ein Esel“, sagt er.



Eine Zeit lang hat das ganz gut funktioniert, aber das Geldverdienen wird schwieriger. Für  Stipendien ist Osama zu alt, für viele Jobs überqualifiziert. „Wenn die Arbeitgeber merken, dass ich promoviert bin, schicken mich die meisten wieder nach Hause“, sagt er, obwohl er selbst keine hohen Ansprüche an die Arbeit stellt. Zeitarbeit für 6 Euro die Stunde? Kein Problem. „Das reicht schon für ein paar Schachteln Zigaretten“, sagt er und lacht.

Inwischen schreibt Dr. Gharibeh an seiner zweiten Doktorarbeit – ein brotloses Vergnügen.

Geld verdient er vor allem mit zwei Hauptseminaren an der Uni Freiburg. Für die bekomme er zusammen um die 400 Euro im Monat, erzählt er. Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben – Osama Gharibeh bewegt sich auf einem dünnen Seil zwischen Professorenstelle und Prekariat. In den USA bekomme man die ersehnte Stelle schneller, glaubt er, man müsse nur „eine Doktorarbeit schreiben und zwei, drei Bücher veröffentlichen.“ In Deutschland würden die Profs zu spät berufen, ein Missstand, unter dem auch die Wissenschaft leide.

Osama Gharibeh kennt einige, denen es so geht wie ihm: Junge Wissenschaftler, die bis zum Hals in Schulden stecken. Wenn er sein Leben noch einmal von vorn beginnen könnte, würde er etwas anderes studieren. Physik vielleicht, oder Medizin. Fächer, mit denen man Geld verdienen kann.

[Fotos: Henrik Iber]

Der Text ist dem neuen 14 Magazin entnommen. Man bekommt es ab sofort in folgenden Auslagestellen: Buchhandlung Schwanhäuser, Walthari und JosFritz, sowie in den Cafes Auszeit, Sedancafe, Cafe Moltke und am Biosk an der UB.

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