Zwischen den Fronten: Leben als Freiwilliger in Belfast

Marius Notter

Eigentlich wollte der 19-jährige Waldkircher Marius Notter in Belfast nur einen halbjährigen Freiwilligendienst absolvieren. Doch seit Dezember kommt es in der nordirischen Hauptstadt regelmäßig zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen pro-britischen "Loyalisten" und pro-irischen Nationalisten, und Marius gerät zunehmend zwischen die Fronten. Wie es ist, jetzt in Belfast zu leben:



Ich lebe im Norden der Stadt zusammen mit weiteren Freiwilligen und arbeite für eine Organisation, der aus ganz Großbritannien Werkzeuge und Nähmaschinen gespendet werden. Diese werden von uns repariert und überholt und anschließend nach Tansania und Ghana verschifft.


Das Stadtviertel in dem wir leben ist katholisch, deshalb gibt es hier keine Proteste. Die Werkstatt, in der wir arbeiten, liegt jedoch in einem protestantischen Viertel. Dort bin ich zum ersten Mal mit dem Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken in Berührung gekommen, als am 5. Dezember eine Gruppe von circa 70 Loyalisten die Straße vor unserer Werkstatt blockiert hat.

Plötzlich standen vermummte, Jogginghosen tragende Jugendliche und junge Männer vor mir. Sie hatten alle mindestens eine Union-Jack-Flagge dabei und sangen Parolen und Sprechgesänge. Die Polizisten, die aus Polizeiautos eine Linie gebildet hatten, um die protestierende Meute davon abzuhalten, weitere Straßen zu blockieren, hatten ihre Schlagstöcke im Anschlag. Ein Großteil trug Maschinenpistolen. Diese Szene war sehr gespenstisch und jagte mir und den anderen Freiwilligen ziemlich Angst ein.



Die größten und gewalttätigen Proteste finden im Osten von Belfast statt. Dort kommt es regelmäßig zu Ausschreitungen zwischen der Polizei und den protestantischen Demonstranten.

Der Grund: Am 3. Dezember 2012 trat die Order in Kraft, den Union Jack nur noch bei offiziellen Anlässen auf den Dächern des Rathauses in Belfast zu hissen. Der Protest geht von „Loyalisten“ aus, also den protestantischen und der Krone loyal gegenüberstehenden Nordiren. Die normalerweise friedlichen Demonstrationen und Protestaktionen eskalieren jedoch immer wieder, da ein kleiner Teil der Loyalisten Gewalt gegen die Polizei und seit kurzem auch gegen die Katholiken ausübt.

"Ich fand mich in einer kriegsähnlichen Situation wieder"

Am Samstag vor zehn Tagen war eine Großdemonstration der Loyalisten vor dem Rathaus angesetzt. Als Hobbyfotograf wollte ich einige Fotos dieser Demonstration schießen. Der Demonstrationszug setzte sich in Richtung Ost-Belfast in Bewegung, und ich ging gemeinsam mit anderen Fotografen und Reportern dem Zug voraus.

Keine 20 Minuten später fand ich mich in einer kriegsähnlichen Situation wieder. Eine Straßensperre der Polizei hatte ausgereicht, um die Lage eskalieren zu lassen. Ich versteckte mich mit einem Fotografen hinter einer Mauer, während Glasflaschen und Steine von der Größe eines Brotlaibs über unsere Köpfe flogen.



Als ich registrierte, was um mich herum geschah, entschied ich mich, wenigstens ein paar Fotos zu machen, wenn ich schon mitten in der Kampflinie bin. Ich rannte hinter die erste Linie der Polizei, die jetzt mit Hundertschaften, Wasserwerfern und Tränengaspistolen anrückte. Deckung suchend, den Kopf kurz herausheben, um die Lage zu überblicken, Kamera einstellen, aus der Deckung und den Auslöser so lange wie möglich drücken, zurück in die Deckung.

"Dieses Bild hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt"

Als die Straßenschlacht schon eine Stunde andauerte, wurde eine Polizistin direkt vor meinen Augen von einem faustgroßen Stein am Kopf getroffen. Sie sackte in sich zusammen und wurde kurz darauf von einem Krankenwagen abtransportiert. Dieses Bild und das des brennenden Autos, das wenig später auf die Polizisten zugerollt kam, haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt, und ich muss ständig daran denken.

An diesem Tag wurden 16 Polizisten verletzt. Die Straßen, auf denen sich Polizei und Demonstranten bekämpften, glichen danach eher einem Schlachtfeld denn einer Straße. Und das war nur ein Tag von sechs Wochen, in denen es immer wieder zu Gewalt kam.



In meinem Viertel in Nord-Belfast war bisher von diesen Protesten wenig zu spüren. Erst bei den jüngsten Ereignissen wurden Katholiken von loyalistischen Protestanten attackiert, Häuser wurden mit Molotowcocktails beworfen und Polizeiautos in Brand gesetzt. Sollte sich das öfters wiederholen, weiß man nicht, wie die katholischen Gemeinden und Organisationen darauf reagieren.

Die Menschen, mit denen ich hier jeden Tag zu tun habe, sind jedoch zuversichtlich, dass die Gewalt abebbt. Dem kann ich mich nur anschließen.

Zur Person

Marius Notter, 19, hat letztes Jahr am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Waldkirch sein Abitur absolviert. Seit September lebt er in Belfast, um dort einen halbjährigen Freiwilligendienst bei "Tools for Solidarity" zu leisten.

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[Fotos: Marius Notter]