Zwischen Bunker und Bügeleisen: Sehnsucht nach Schlaf

Marc Röhlig

fudder-Mitarbeiter Marc Röhlig startet ein Experiment: Effizienter Lernen und Arbeiten durch polyphasischen Schlaf. Klappt das? Das Protokoll des zweiten Tages. Marc: "Sorge total berechtigt" ...



Dienstag I, 9.45 Uhr

Zugegeben: Der Weg zur Uni war schon mal leichter. Aber auch schon schwieriger. Meine Beine fühlen sich leicht übersäuert an, mein Kopf wünscht sich in den 7-Uhr-Nap zurück. Ich sitze nicht in der Straßenbahn - ich klebe in ihr. Gleich habe ich Persisch, bis 12 Uhr; dann eine Viertelstunde später ein Hauptseminar. Die Lücke dazwischen mit wohltuendem Schlaf in einem Seminarraum zu füllen, bereitet mir jetzt schon Sorge.

Dienstag I, 15.42 Uhr

Sorge total berechtigt.

Dienstag I, 18.04 Uhr

Puh. So langsam fühle ich mich richtig knülle. Der Nachmittags-Nap war der erste richtig effektive - und nun will mein Körper zurück ins Bett. Meine Freundin Julia hat mir eine (gepunktete) Schlafbrille und Ohrstöpsel geschenkt. Traumhaft. Ich war sofort weg.

Heute Mittag an der Uni dachte ich noch, das wird ein Spaziergang. Trotz Schlafmangel bin ich den Kursen nicht weggenickt. Beim Schokoeis-Bummel mit Julia habe ich mich dann sogar richtig großartig gefühlt. Nun aber bekomme ich Angst vor der Nacht. Klar, so eine Umstellung klappt nicht von heute auf morgen. In Netz-Artikeln geht man von einer bis zu drei Wochen aus. Aber ich bin ja eher so ein Lieber-heute-als-Morgen-Typ. Wenn ein Projekt ansteht, schiebe ich das nicht gerne vor mir her. Und Schlaf habe ich sowieso schon immer wenig gebraucht. Ich will, will, will also hier raschen Erfolg. Sowieso.

Dienstag I, 23.45 Uhr

Übernachte bei Julia. Wobei sich "Übernachten" schon sehr ironisch liest. Wir sind zusammen eingeschlafen - und nun bin ich wieder aufgestanden. Sie, auch ausgestattet mit Schlafbrille, schläft nun. Ganz leise kann ich ihren Atem hören. Aber ich darf nicht neben ihr liegen. Ich muss mich am Schreibtisch wachhalten. Mein Dozent hat mir ein Buch auf Suaheli und Englisch mitgegeben; die Reise des Tippu Tip durch Tansania. Darauf freue ich mich diese Nacht. Und ein Buch über Arnold Schwarzenegger - für eine Presserecherche.

Heute Abend war übrigens Fachschaftssitzung. Skurrilster Moment so far. "Und, hat's Spaß gemacht", feixten meine Kommilitonen, als ich vom Napping zurückkam. Zehn Minuten hatte ich an der Sitzung teilgenommen, dann meinen 20.15-Uhr-Termin abgearbeitet, dann versuchte ich irgendwie, in die Tagesordnungspunkte der FS-Sitzung zurückzufinden. Der Nap hatte natürlich keinen Spaß gemacht. Ich musste mich auf einen Tisch in einem Seminarraum legen, den wir "den Bunker" nennen. Er sieht nicht nur so aus. Er fühlt sich auch so an.

Mittwoch I, 6.42 Uhr

"Wenn du willst, kannst du die Wäsche da bügeln, falls dir nachts langweilig wird", hat Julia noch gesagt, bevor sie einschlief. Okay. Nachts IST es langweilig. Das ist jetzt meine zweite Nacht und ich bin natürlich noch nicht im Rhythmus angekommen. Mein Kopf hat sich mittlerweile dem Gefühl des Körpers angeschlossen: Matsch. Schlaf wäre jetzt überragend. Ich merke richtig, wie ich beim Schreibtischsitzen in die Tiefe sacke. Als sei mein Körper ein Sack Murmeln: Bei jeder Bewegung blubbere ich herum wie eine träge Masse. Als ich mich 3 Uhr hingelegt habe, hat es mich in die Tiefe des Bettes gedrückt. Der erste plumpe Schlaf; den Wecker kaum gehört.

Dennoch. Muss ja weitergehen, bis es toll wird. Werden soll. Ich habe jetzt im Fernsehraum einen Haufen Wäsche aufgebügelt. Hoffentlich alles richtig gemacht. Nebenbei lief eine Talkshow-Wiederholung in der ein Mann seiner Cousine, die er inzestuös befleckt hat, gesteht, dass er parallel noch eine Affaire mit einer schwarzen Transsexuellen hat. Ich habe selbst keinen Fernseher. Drücke dafür meinen inneren Like-Button.

Mittwoch I, 7.33 Uhr

Der schönste Moment der letzten beiden Tage: Zu Julia ins Bett gekuschelt, geschlafen (etwas länger als erlaubt) und mit ihr aufgewacht. Dann gemerkt, dass es nur flüchtig war. Jetzt ist mir schlecht, ich habe Kopfschmerzen, friere, niese und bin erschlagen. Das Experiment ist nicht mehr doof, sondern scheiße. Ich will doch mehr Zeit haben - und nicht paradoxerweise weniger.

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