Zwei von 111 Gründen, den SC Freiburg zu lieben

Clemens Geißler

Es gibt viele Gründe, den SC Freiburg zu lieben - laut fudder-Autor Clemens Geißler genau 111. Diese hat er jetzt aufgeschrieben und in einem Buch veröffentlicht - zwei davon könnt ihr jetzt schon bei uns lesen. Und: Wir verlosen drei Buch-Exemplare!



Weil wir vor 2.000 mürrischen Senioren gespielt haben

(...) Auch in Freiburg waren wir lange Zeit weit weg von großen Fußballfesten: Ein typisches Spiel aus grauen Freiburger Zweitligazeiten muss man sich in etwa so vorstellen: Ältere Herren im Allwetter-Trenchcoat setzen am späten Samstagvormittag ihre Gattin zum Einkaufen in der Innenstadt ab. Besuchen noch auf ein, zwei Schorleweißsauer den Stammtisch und steuern eine halbe Stunde vor Spielbeginn unter provozierendem Einhalten der Richtgeschwindigkeit im fellbezogenen Benz Richtung Littenweiler. Diesen lässt man routiniert unmittelbar vor der Geschäftsstelle ausrollen, nötigenfalls unter Beiseitehupen weiterer älterer Herren.

Man schnauzt den Kartenabreißer an, warum schon wieder alles teurer geworden ist, zumal in letzter Zeit nur Scheißdreck gekickt worden sei, droht, sich persönlich beim Präsidenten zu beschweren, welchen man immer dienstags zum Cäsarspielen im Kleinen Meyerhof sehe, und bezieht unter weiteren Missfallensäußerungen einen Platz auf der spärlich besetzten Tortribüne. Zwei Reihen weiter unten hockt der Erwin samt Kindeskind: “Meinsch, sie gwinne heut?” – “Nai, de Sahne isch verletzt!”.

Ein Blick ins Stadionheftle verdeutlicht die Konstellation: Der Sportclub (Elfter) hat es heute mit Union Solingen (Dreizehnter) zu tun. Durch einen Sieg könnte man die Saison noch als Zehnter beenden, vorausgesetzt, Viktoria Aschaffenburg verliert das Parallelspiel in Darmstadt mit mindestens 16 Toren Differenz.

Früh stellen die Mannen im Pöpperl-Trikot die Weichen auf Sieg: Souleyman Sané – doch nicht gehandicapt – staubt gewohnt cool ab. Dann zwei Tore der gelbblauen Gäste aus dem Rheinland, das zweite mit tatkräftiger Unterstützung des einheimischen Torwächters. “Haas, geh heim!”, ruft ein schirmbemützter Rentner aus dem Mittelrang und da sonst keiner etwas sagt, ist es auch für den Angesprochenen nicht zu überhören. Auf den Stehplätzen wird die Regenkleidung ausgepackt.

Zeit, der Tristesse ein Ende zu bereiten: Der Enkel wird mit einem 5-Mark-Stück zum Wurststand geschickt, zwei Lange Rote mit Senf, aber zwei Mark retour! Auf dem fast quadratischen Geläuf grätschen Charly Schulz und Rolf Meier – die Eisenstollen voran – einen Gegner nach dem anderen über den Haufen. Dieser nimmermüde Einsatz für die Vereinssache findet auf den Rängen allseitigen Gefallen. Vereinzelt vernimmt man nun gar unterstützende Ausrufe.

Erstes Highlight in Hälfte zwei: Ein missglückter Befreiungsschlag landet auf der Schwarzwaldstraße, man hört ein Auto in die Bremsen steigen. Ein Weckruf für die Heimelf? Jedenfalls erzwingen die Rotweißen den Ausgleich in der Schlussviertelstunde: Eigentor! 2-2 heißt es zum Schluss. Handgezählte 2.518 Zuschauer spenden kraftlos Beifall für das vierzehnte Heimremis der laufenden Spielzeit. (...)

[Grund Nr. 12, Kapitel 1: Sonnenaufgang 1904: Von Amateuren und grauen Zweitligamäusen]

Weil wir ohne Heimspiel im Pokalhalbfinale standen

Zittersiege, Derbys, Highlights, Enttäuschungen: Die Pokalsaison 2012/13 bot die gesamte emotionale Achterbahn des Fußballs. Dass der Sportclub dabei jedes Mal auswärts antreten musste, ist ein Kuriosum, das hinter das ohnehin schon starke Abschneiden noch ein weiteres Ausrufezeichen setzt.

Den ersten Auftritt legte die Streich-Elf bei Victoria Hamburg hin. Die rund 500 Gästefans sahen in ungewohnter Hamburger Gluthitze einen mühevollen Gurkenkick, in welchem die Amateure relativ häufig relativ ungestört durch den Freiburger Sechzehner wirbelten. Besonders originelle Zuschauer vertrieben sich die Zeit, indem sie Böller auf den Rasen warfen, was angesichts fehlender Fangzäune kein logistisches Wunderwerk war. Erst die Drohung, das Spiel abzubrechen (womit die Pokalreise des Sportclubs mit ziemlicher Sicherheit beendet gewesen wäre), sorgte für Ruhe. Mit etwas mehr Glück als Geschick stolperten sich die Badner zu einem 2-1. Aufbruchsstimmung für eine schwierige Runde sieht anders aus.

Schon deutlich besser lief es beim nächsten Pokalspiel. Bei der Braunschweiger Eintracht, dem bis dato ungeschlagenen Zweitliga-Tabellenführer und späteren Aufsteiger, siegte der Sportclub mit 2-0. Möglicherweise noch restbegossen vom berühmten Magenbitter war man damit für das Achtelfinale qualifiziert, in welchem es zur Mutter aller badischen Derbys kam. KSC gegen SCF, wenige Tage vor Weihnachten.

Das Tor des Tages gelang Jonathan Schmid und das so früh, dass etliche Fans noch draußen standen, weil die Karlsruher Einlasser mit dem ausverkauften Haus nicht wirklich fertig wurden. Dass dabei auch das damals durch alle Stadien geisternde zwölfminütige Schweigegelübde eine jähe Unterbrechung erfuhr, kümmerte jedenfalls bei den rotweißen Badnern niemanden. Bei frischem Lüftchen und weitgehend ohne Stadiondach reichte der minimalste aller Siege, um nach langer Zeit einmal wieder das Ticket für das Viertelfinale zu lösen. Eine gute Vorrunde wurde zu einer herausragenden.

Die Fortsetzung des Pokalmärchens gelang in Rheinhessen. Ein denkwürdiges Spiel: Die Mainzer überrannten Freiburg anfangs regelrecht und bereits nach 202 Sekunden stand es 0-2. Zu diesem Zeitpunkt überlegten etliche Daheimgebliebene, ob sie den mühsam erkämpften Kneipensitzplatz nicht doch lieber verlassen und stattdessen zum Beispiel zuhause Steuerunterlagen sortieren sollten. Alles schien vorbei.

Doch das Spiel nahm eine irrsinnige Wendung: Besonders in der zweiten Hälfte drehten die Breisgauer richtig auf. In einer der heißesten Schlussphasen mit Freiburger Beteiligung gab es alles. Am Ende wies die Bilanz aus: 30-12 Torschüsse, ein Platzverweis, vier Mal Aluminium, Elfmeter in der Nachspielzeit, Verlängerung und schließlich das frenetisch gefeierte 3-2 durch Daniel Caligiuri. Ein Boulevardmagazin überschlug sich: “Der geilste Klub Deutschlands.” Freiburg im Pokalhabfinale – das gab es noch nie. (...)

[Grund Nr. 40, Kapitel 2: Erfolge: Von Meisterschalen und Rekorden für die Ewigkeit]

Die anderen Kapitel, auf die sich die restlichen 109 Gründe aufteilen:

Kapitel 3: Trainer: Von Schleudersitzen, Strandkörben und Pattexstühlen
Kapitel 4: Spieler: Von One-Hit-Wundern und unsterblichen Helden
Kapitel 5: Paradiesvögel: Von Exoten und anderen Andersartigen
Kapitel 6: Typisch Freiburg: Von Eigenheiten und Machern des etwas anderen Bundesligavereins
Kapitel 7: Und wir werden immer mehr: Von Besuchern, Fans und Schlachtgesängen

Das Buch

Clemens Geißler
111 Gründe, den SC Freiburg zu lieben: Eine Liebeserklärung an den großartigsten Fußballverein der Welt
Schwarzkopf & Schwarzkopf
ISBN: 978-3862652723
232 Seiten
9,95 Euro  

Der Autor

Clemens Geißler, Jahrgang 1980, geboren in Freiburg, verfolgte sein erstes Spiel in der Saison 1986/87 auf dem Schoß seines Opas gegen Union Solingen. Er erlebte graue Zweitligazeiten vor 2.000 mürrischen Senioren und jubelte beim ersten Aufstieg 1993 im ARD-Sportschau-Festzelt in der vordersten Reihe. Als Amateurfußballer gibt er den Part des lauffaulen Spielgestalters ohne Deckungsaufgaben. Seine Urlaube verbringt der Fußball-Nostalgiker ausschließlich auf verwitterten Sportanlagen ehemaliger niedergegangener Profivereine. Für einen Bezirksligakick im Novemberregen hat er schon manche mühsame Tagesreise auf sich genommen. Für fudder.de schreibt er seit 2007 über Fußball. Zuletzt erschien seine Typologie des SC-Freiburg-Fans.

Verlosung

fudder verlost drei Exemplare von Clemens Geißlers Buch "111 Gründe, den SC Freiburg zu lieben". Wer gewinnen möchte, schickt eine E-Mail mit seinem Namen, seiner Anschrift und dem Betreff "Superclub Freiburg" an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist Montag, 16. Dezember 2013, 12 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden am selben Tag per E-Mail benachrichtigt.

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