Zwei Stufen härter als Punk: Drei Freiburger erinnern sich ihr erstes Mal im Berliner Club Tresor

Bernhard Amelung

Der Berliner Club Tresor gilt als Wiege des Techno und ist vielleicht der bekannteste Technoclub überhaupt. An diesem Wochenende feiert er seinen 25. Geburtstag. Was war das für ein Ort und wie war die Stimmung auf der Tanzfläche? Drei Freiburger erinnern sich an ihr erstes Mal.


(Flyer des Clubs Tresor)

Der Tresor hat Berlins Ruf als Techno-Stadt mitbegründet. Ihr habt den Club kurz nach der Eröffnung besucht. Da bin ich schon ein wenig neidisch.

Ludger Kreilos-Erichsen: Ich bin ja eher durch Edeldiskos sozialisiert worden, mit Glitzer, Schnickschnack, und alles war teuer. Im Mai oder Juni war ich dann zum ersten Mal im Tresor. Die Jungs von Underground Resistance haben da gespielt.

Rudi Raschke: Ich war auch 1991 zum ersten Mal im Tresor. Das war meine zweite urbane Berlin-Erfahrung mit Techno. Meine ersten Schritte hatten mich ins besetzte "Tacheles" geführt, über Gerüstbrücken hinweg in eine Kellergruft.

Ludger Kreilos-Erichsen: So Abbruch wie der Tresor war damals nichts, und ist auch heute nichts mehr. Der Raum, der ehemalige Banksafe des Kaufhauses Wertheim, war ja vierzig, fünfzig Jahre zu. Alles war rostig, alles war feucht, das Wasser lief die Wände runter. Schon früh ging das Gerücht um, dass da viele Schimmelsporen durch die Feuchtigkeit wieder lebendig wurden.

 

Was war euer erster Eindruck?

 
Rudi Raschke: Ich erinnere mich an massiven Nebel und schlichten Lichteinsatz. Aus der Wand starrten die aufgebrochenen Schließfächer des Kaufhauses. Dazu kamen Gitter von der Decke bis zum Boden in der Nähe des DJ-Pults.

Ludger Kreilos-Erichsen: Es gab da unten wirklich nur Nebel und Strobo. Der Raum war mit Nebel so ausgefüllt, dass man kaum etwas gesehen hat. Man musste sich langsam vortasten. Man verlor schnell die Orientierung. Das war die Endzeit. Future Disco nach dem Krieg. Sehr, sehr absurd.

 

Was hat diese Dunkelheit bei euch ausgelöst?

 
Ludger Kreilos-Erichsen: Das kam postapokalyptisch rüber. Mad Max-mäßig. Wir dachten, dass die Zukunft tatsächlich einmal so aussehen könnte.

Rudi Raschke: Der Club war ja in einer Ost-Brache gelegen, wie man sie sich heute nicht mehr vorstellen kann. Der benachbarte Potsdamer Platz mit seinen Kinos und Konzernzentralen wurde erst Jahre nach der Tresor-Eröffnung bebaut. Es herrschte auch 1991 noch immer die Mauerfall-Atmosphäre.

Erst Jahre später habe ich gelesen, dass es sich beim Tresor um den Schließfachraum des Kaufhauses Wertheim handelte. Ich bin damals einfach davon ausgegangen, dass es der Tresor der ehemaligen DDR-Staatsbank war. Das hätte durchaus gepasst. Sowieso: Es war spannend, mit zu erleben, wie in dieser Zeit in den wenigen Straßen mit Bars im Prenzlauer Berg nach und nach mehr Lichter angingen, wie es sich anfühlte, als nach und nach die zugemauerten U-Bahn-Stationen im Osten wieder geöffnet wurden. Das alles gehörte für mich zum Tresor-Gefühl dieser Tage.


(Der vergitterte Eingang zur Stahlkammer des Clubs Tresor / 2005)  

Sebastian, du hast diesen Club ja erst Mitte der Neunzigerjahre besucht, als Discjockey. Wie war das für dich?

 
Sebastian Stang: Ich habe 1996 im Tresor aufgelegt. Da bekommt man diesen Ort schon auch noch einmal aus einer anderen Perspektive mit. Alles dort unten war anders und extrem. Vor allem die Musikanlage. So etwas hatte ich bis dahin nicht erlebt, auch wenn ich schon auf vielen Partys aufgelegt habe. Die Anlage war laut, verdammt laut. Der Sound hat mich total weggeblasen.

 

Wie bist du an deine Gigs im Tresor gekommen?


Sebastian Stang:
Ich habe zu dieser Zeit zusammen mit Clé im damaligen Suicide Circus aufgelegt. Auf einmal stand die Bookerin des Tresors vor mir und hat mir ihre Visitenkarte gegeben. Sie meinte, ich solle mich bei ihr melden. Das habe ich getan, sie hat mir ein Date gegeben. Das lief alles sehr spontan und unkompliziert.

 

Wie habt ihr die Musik wahrgenommen?

 
Ludger Kreilos-Erichsen: Der Techno, der dort gespielt wurde, war in seiner Radikalität noch einmal zwei Stufen härter als Punk. Es ging um Ekstase, um das Erlebnis, alles los zu lassen. Es wurden keine Songs gespielt, nur Tracks. Ich glaube, da war kaum eine Stimme zu hören. Der Sound war ballerhart. Ich komme ja ursprünglich aus Bochum und habe damals so Superedeldiscos wie das Theatre De Tao besucht. Dort ging es darum, dass man gut, verschieden gut aussah. Im Tresor hat sich das alles aufgelöst. Das war in jeder Richtung ein Kulturschock.

Rudi Raschke: Musikalisch ist eher wenig in Erinnerung geblieben. Ich denke, es wurde einfach reduzierter Maschinensound mit Beats um die 135 bis 140 Beats pro Minute gespielt. Es war ja die Zeit noch vor den knackigen und doch soulful klingenden Minimal-Experimente der Kölner aus dem Umfeld des Labels Kompakt.

Es war aber auch die Zeit, in der noch das Loblied der regionalen Szenen gesungen wurde. Aufgelegt hat, wenn ich mich recht erinnere, DJ Rok vom Plattenladen Hardwax. Es kann aber auch sein, dass Tanith aufgelegt hat und Rok daneben stand.


(Tresor-Gründer Dimitri Hegemann)  

Und später dann der Freiburger DJ Shaddy mittendrin.

 
Sebastian Stang: Laut, lauter Tresor. So hieß es damals. Die Anlagen waren ja nicht so feingranular, wie sie es heute sind. Im Tresor und im Globus, dem House-Floor, war die Anlage krass ausgesteuert. Aber in den Neunzigern musste es auch laut sein und der Sound musste extrem schieben.

 

Gibt es heute etwas Vergleichbares?

 
Sebastian Stang: Nein.

Ludger Kreilos-Erichsen: Ich denke, der Tresor war in seiner Hörte und Gnadenlosigkeit einzigartig. Man kam dort an und fragte sich, ob man zu dieser Musik überhaupt tanzen konnte. Man konnte sich an keinen Songs oder Vocal-Strukturen festhalten. Man musste wirklich loslassen und verstehen, dass es nur um den Bass und den Beat geht.

Was sich bis heute eingeprägt hat: Im Mai oder Juni 1991 haben die Jungs von Underground Resistance aufgelegt. Die haben Platten gespielt und jede Platte nach dem Spielen nach hinten geworfen. Die wurden auch nicht aufgesammelt. Dieses Auftreten war auch Punk hoch zwei. Wir haben ja alle selber auch Platten gesammelt. Maxis waren teuer, man brauchte Jahre, um sich einen vernünftigen Stamm von Vinyl zu besorgen. Und dann kamen diese Jungs und warfen das Zeug weg. Das hatte eine Dimension, die mich komplett überzeugt hat. Wie "The Who", als die ihre Gitarren kaputt gehauen haben.

 

War so auch die Stimmung auf der Tanzfläche?

 
Sebastian Stang: Klar. Das ging von Anfang an wild los. Die Leute haben getanzt, sind ausgerastet. Rave eben. Hands Up und Alarm. Ende Gelände.

Ludger Kreilos-Erichsen: Der Laden war immer voll. Es gab keine Anlaufzeit. Man hat nicht gesagt, dass man dort erstmal schauen werde, wer da sei, was gespielt werde. Erst als der zweite Floor, der Globus, so ein halbes Jahr später aufgemacht hat, haben sich manche Besucher dort ein wenig aufgewärmt. Im Globus lief ja House. Das hat auch die Verbindung zu Disco hergestellt. Nach dem Aufwärmen ging man dann runter in die Hölle.

Sebastian Stang: Ich habe im Globus einmal das Closing gespielt. Da war dann natürlich schon weniger los.

 

Tanith - Live at Tresor (1991)

  Quelle: YouTube


 

Tresor

Wiege des Techno und ein Endpunkt der Musikachse Detroit – Berlin: Der Club Tresor in Berlin, eröffnet am 13. März 1991, ist vielleicht der bekannteste und legendärste deutsche Technoclub. Er gehört zu den Keimzellen dieses Genres, war gewissermaßen zweite Heimat für Detroiter Techno-DJs wie Jeff Mills und Juan Atkins und war bis 2005 im Schließfachraum des einstigen Kaufhauses Wertheim an der Leipziger Straße untergebracht. 2007 eröffnete der von Gründer Dimitri Hegemann betriebene Club neu im alten Heizkraftwerk Mitte an der Köpenicker Straße. An diesem Samstag feiert er seinen 25. Geburtstag.

 

Zu den Personen



Ludger Kreilos-Erichsen
(links), gebürtiger Bochumer, lebte von 1993 bis 2007 in Freiburg und führte unter anderem die Galerie Malakoff in Freiburg-St. Georgen. Sebastian Stang (mitte), 40, arbeitet in Basel in einem Software-Unternehmen und betreibt mit Foul & Sunk ein Liebhaberlabel für elektronische Clubmusik. Rudi Raschke (rechts), 47, war siebeneinhalb Jahre und 289 Spiele Pressesprecher des SC Freiburg.

Mehr dazu:

    [Fotos: dpa/Flyer: Tresor/DJ Shaddy]