Zwei Nordhorner im Schwarzwald

Philipp Aubreville

Zwischen Nord- und Süddeutschland gibt es einige Unterschiede, insbesondere Höhenunterschiede. Ein Nordhorner empfindet das Gefälle zwischen Martinstor und Holzmarkt bereits als Anstieg. Was passiert, wenn zwei Nordhorner versuchen, den Schauinsland zu besteigen? Ohne Karte? Ein orientierungsloser Selbstversuch in elf Kilometern.



Nordhorn, eine Kleinstadt im Nordwesten der Republik, ist dem einen oder anderen vielleicht durch den Handballclub bekannt; oder weil Nordhorn die größte deutsche Stadt ohne einen eigenen Bahnhof ist. Käme ein Freiburger dorthin, würde ihm allerdings zunächst die landschaftliche Struktur auffallen. Im niedersächsischen Nordhorn ist alles flach, die höchste Erdausstülpung ist der 68 m hohe Isterberg.


So wirkt schon die Freiburger Innenstadt für den einen oder anderen Menschen aus dieser Region wie der Himalaya; mancher Flachländler beschwerte sich schon über den „Aufstieg“ zum Martinstor und Wadenkrämpfe nach Schlossberg-Expeditionen.

Seit einem knappen Jahr wohne ich in Freiburg. Zeit, für einen Selbstversuch, also für einen Gipfelsturm. Von 0 auf 100: Die zwölf Kilometer lange Wanderstrecke zum Schauinsland.



Christina, eine Nordhorner Freundin, die mich momentan besucht und für das Experiment zwangsverpflichtet wurde, und ich starten unseren Spaziergang am Sternwaldeck.Ohne Karte, ohne Kompass, ja nicht einmal mit dem Abenteuer-Multiset aus der Mickey Maus; stattdessen mit vollstem Vertrauen auf die Ausschilderungen. Nicht unbedingt die cleverste Methode, wie sich später herausstellen wird.

Kilometer 1

Um nicht sofort dem Spott eines Durchschnittsbreisgauers ausgesetzt zu sein, verzichte ich darauf, die Strecke zwischen meiner Wohnung in der Wiehre und dem Sternwaldeck als Teil des Wegs zu bezeichnen und lege den ersten Wegweiser im Sternwaldeck als Ausgangspunkt fest.



Es ist zwölf Uhr und wir haben zwölf Kilometer vor uns. Bei soviel Zahlensymbolik, denke ich mir, kann dieser Ausflug nur gelingen. Tatsächlich sind wir keine zwei Minuten später mitten in der Natur angelangt – und sehen uns mit unseren norddeutschen Wurzeln konfrontiert: Was wir hier bewältigen, so scheint es uns zumindest, ist schon eine immense Steigung.

Schweißtreibend drängt sich die Frage auf: Wie lange geht das noch so weiter?

Kilometer 2

„Nur noch elf Kilometer!“ Vor lauter Freude, dass wir schon ein Zwölftel unseres ganz privaten Jakobsweges hinter uns gebracht haben, vergesse ich völlig, das für längere Zeit letzte Hinweisschild zu fotografieren.

Stattdessen gönnen wir uns einige Meter später das erste Mineralwasser.



Körperlich sind wir von der Steigung überwältigt, sinnlich von der Natur. Bäume, die in den Himmel ragen, Bergbächlein, Fingerhut am Wegesrand – der Forsthaus Falkenau-Touch ist nicht zu leugnen.



Und trotzdem scheint Kilometer zwei die Dehnbarkeit eines Kaugummis zu besitzen, denn weit und breit ist kein neuer Wegweiser in Sicht. Unsere Beruhigungspillen für diesen eher beunruhigenden Umstand heißen Theorie und Mutmaßung. „Wahrscheinlich sind diese Schilder nur an Weggabelungen aufgestellt“, stelle ich in den nicht näher definierten Raum.

Christina geht von „neun bis sieben Kilometern“ aus, die uns auf dem nächsten Richtungszeiger erwarten.

Dennoch sind wir allmählich genervt von der Schildlosigkeit. Schon bald soll sich ein noch triftigerer Grund hierfür ergeben.



Kilometer 3,5

Ein Hinweisschild, das nur aufgrund seines gelben Karos als solches zu erkennen ist und keinerlei Kilometerangabe besitzt, stellt das dar, was Germanisten als „retardierendes Moment“, Anglisten als „turning point“, wir hingegen als „Oh Gott! Nee, oder?“ bezeichnen.



Das Schild leitet uns auf einen verschlungenen Dschungelpfad, der in die Richtung führt, aus der wir gekommen sind. Blinden Gehorsams (übrigens nicht der einzige Blinde an dieser Stelle) folgen wir dem schmalen Weg und die anfängliche Skepsis weicht unserer Hoffnung.

„Zivilisation!“ rufe ich aus, als wir das Dach einer Gaststätte (Sankt Valentin?) sichten und der Anblick von Kühen das Feeling alpiner TV-Serien aufkommen lässt.

Kaum angekommen, begegnet uns ein Schild gewordener Hiob: Wir haben zwar schon dreieinhalb Kilometer absolviert, doch gerade eben vermutlich einen weiteren verschenkt.



Der Wegweiser schickt uns zurück auf den Pfad, von dem wir gekommen (oder besser: abgekommen) sind.

Das gelbe Karo, bisher das alleinige Indiz, auf dem richtigen Weg zu sein, befindet sich nun auf drei Schildern, die in drei verschiedene Richtungen zeigen.

Mangels anderer Möglichkeiten lassen wir die Irritation Irritation sein und laufen den Weg zurück. Wieder am bereits erwähnten „turning point“ angekommen, fällt es uns wie Schuppen von den Augen: Ein weiteres gelbes Karo, das wir zuvor nicht gesehen haben, hängt dort am Eingang eines Waldes.

Das Picknick, das wir vor der Fortsetzung unserer Etappe einlegen, ist nur von kurzer Dauer; zu sehr wollen wir nun die Gewissheit haben, auf dem richtigen Weg zu sein.



Kilometer 4,5

Dass das bisher gute Wetter nicht unbedingt konstant bleiben muss (trotz nur 16%er Regenwahrscheinlichkeit) wird uns schlagartig klar, als wir erste Donnergeräusche vernehmen. Umgestürzte Bäume versperren uns den Weg. Wir müssen klettern. Wir wären wohl nicht die ersten Lebewesen, die das Unwetter heimsucht.



Dennoch denke ich mir nichts dabei. Das Donnern ertönt in der Ferne und ich habe schon erlebt, dass zwischen Donner und einem richtigen Gewitter Stunden liegen. Außerdem geht mir der Werbeslogan eines Heimwerkermarktes durch den Kopf. "Das einzige was beim Projekt zählt: das Projekt."

Schon bald stehen zwei weitere Fragezeichen im Walde. An einer Weggabel haben wir die Option, nach Kappel oder nach Günterstal zu wandern. Inner conflict: Richtung Kappel geht’s nach oben. Oben befindet sich bekanntlich auch der Schauinsland. Aber muss man nicht mit dem Auto Richtung Günterstal fahren, wenn man dorthin will?

Meine mangelhaften Geographiekenntnisse zwingen uns zu einer Entscheidung, die nicht vernunftbegründet sein kann. Was nicht heißt, dass man mit Pseudoargumenten nicht doch eine vernunftbegründete Wahl treffen könnte: „Wenn wir Richtung Kappel hochlaufen und doch falsch liegen, ist wenigstens der Rückweg leichter“, entscheide ich.



Kilometer 6

Dieses Mal war die Entscheidung richtig. Dieses Mal. Kaum haben wir die Hälfte unseres Wegs hinter uns gelassen, zeigt der Wegweiser genau auf die Mitte einer Weggabelung. Während uns eine Tafel auffordert, „Rücksicht aufs Wild“ zu nehmen, hätten wir es lieber, dass man Rücksicht auf unseren Orientierungssinn nähme.



Angekommen am denkbar schlechtesten Ort für ein Unwetter (Entfernung zur Wiehre: sechs Kilometer; Entfernung zum Schauinsland: sechs Kilometer) sehen wir, wie sich der Himmel zu zieht und entscheiden uns diesmal den nach unten führenden Weg zu wählen.

Dieser Auswuchs der Unvernunft wird zum Glück noch rechtzeitig gebremst, als wir nach einiger Zeit auf ein Touristenpaar treffen, die uns mit Hilfe ihrer Karte darauf aufmerksam machen, dass wir wohl besser den anderen Pfad genommen hätten.



Während uns die ersten Regentropfen das Gefühl geben, von Gott ausgelacht zu werden, erreichen wir wieder die missverständliche Stelle und besteigen den zuvor noch verschmähten Weg.

Auf diesem gibt uns ein blaues Karo bald die Gewissheit, trotz der zahlreichen Bäume den sprichwörtlichen Holzweg verlassen zu haben. Doch wer, frage ich mich, als es zu blitzen anfängt, gibt uns die Gewissheit, dass Murphys Law von der Wahrscheinlichkeitsrechnung ausgestochen wird?

Ein befreundeter Physikstudent. Allerdings erst Stunden, nachdem wir wieder zu Hause sind.

Da die Strecke nun relativ gerade verläuft, ist von der anfänglichen Anstrengung nicht mehr allzu viel zu spüren. Stattdessen beginnt das Wetter, das uns aus der Heimat nicht unbekannt ist, zu nerven. Wir wollen möglichst schnell ans Ziel.

Kilometer 9

Als wir endlich wieder auf ein Schild treffen, entscheiden wir uns, das eigentliche Ziel zu vergessen und lieber erstmal zur Talstation zu laufen. Es besteht ein spontanes Desinteresse, den letzten Bus zu verpassen und per pedes den Rückweg antreten zu müssen.

Außerdem, so sage ich mir, können wir ja, wenn es zeitlich passt, immer noch mit der Schauinslandbahn den Gipfel (Projekt!) stürmen.

Ein weiteres Pro-Argument für die Planänderung ist einen halben Kilometer lang. Statt der drei Kilometer zum Schauinsland müssen wir nun nur noch zweieinhalb Kilometer laufen.

Denken wir, bis wir eine mittelschwere Schizophrenie beim Wegweiser diagnostizieren, der neben der zweieinhalb Kilometer langen Strecke auch einen Weg von vier Kilometern im Angebot hat. Dem kleinen Schock, der uns beim Anblick der vermutlich von Stephen King angebrachten 4 erfasst, weicht aber bald die Erkenntnis, dass hier wohl eine Option für hartgesottenere, sprich einheimische Wandersmänner geschaffen wurde.

Voll Enthusiasmus schlagen wir den kürzeren Weg ein und wähnen uns schon am Ziel, als wir plötzlich auf eine Straße treffen. Endlich, Zivilisation! Doch unser Weg führt wieder in den dunklen Tann.



Dieser Teil der Wanderung läuft unter dem Motto „Es kann ja nicht mehr so weit sein“ und tatsächlich, ich fühle mich wie in einem Gemälde von Caspar David Friedrich, als hinter den schier endlosen Baumreihen Licht aufleuchtet. Noch 400 Meter.

Kilometer 11

Von weitem erkennen wir eine Gondel. Wir sind so gut wie da. Die Befürchtung, dass dies die letzte Bahn des Tages sein könnte und sich somit vielleicht auch der letzte Bus nähert, lässt uns das Tempo etwas anziehen.17.05 Uhr, wir erreichen die Talstation. Die letzte Seilbahn haben wir knapp verpasst. Dafür kommt bereits in zehn Minuten der nächste Bus Richtung Freiburg. Der nächste wohlgemerkt, nicht der letzte. Dieser fährt erst gegen 23 Uhr. Zumindest ein Teil des Stresses war umsonst.



Wir ruhen uns auf einer Bank aus und bewundern unsere verdreckten Schuhe.

Christina hat Blasen an den Füßen.Ich bin einfach total im Eimer. Als der Bus eintrifft, wollen wir nur noch nach Hause.



Fünf Stunden Wanderung, das haut rein.

Auch wenn wir ziemlich am Ende sind – immerhin haben wir bewiesen, dass man auch als Norddeutscher in der Lage ist, Höhenunterschiede von über 68 Metern zu bewältigen.