Zwei Kinder, Job und zweites Leben

Christoph Müller-Stoffels

Man muss nicht Anshe Chung heißen, um in Second Life Geld zu verdienen. Bettina Brennecker kommt aus Teningen und arbeitet als Innenarchitektin im Metaversum. Christoph hat sie in ihrem SL-Büro getroffen und sich ein paar ihrer Projekte zeigen lassen. Dabei hat sie ihm erzählt, was sie an SL begeistert und dass die Unterschiede zum ersten Leben so groß gar nicht sind.



Wie sind Sie mit Second Life in Berührung gekommen? Was arbeiten Sie und wo kommen Sie her?

Ich bin seit Anfang Februar 2007 in SL. Gehört hatte ich schon vorher davon, aber zur Anmeldung bewegt hat mich schließlich ein Bericht in Spiegel TV. Noch am selben Abend habe ich meinen Account eröffnet und bin in mein zweites Leben gestartet. Im RL, meinem wirklichen Leben, arbeite ich als Büroangestellte in Teilzeit, weil ich "nebenher" noch zwei Kinder erziehe. Ich komme ursprünglich aus dem Dreisamtal und wohne jetzt schon über 10 Jahre in Teningen.


Was war Ihr erster Eindruck von SL? War es Liebe auf den ersten Blick? Nutzen Sie SL nur beruflich oder auch privat?

SL hatte auf mich erst mal abschreckende Wirkung. Im Gegensatz zu anderen Deutschen, die auf einer deutschen Insel "geboren" werden, hatte es mich auf eine englische Insel verschlagen. Durch diese erste Hürde durchzukommen hat mich Tage gekostet und ich habe mein Englischwörterbuch mehr genutzt als jemals in der gesamten Schulzeit. Aber endlich war es dann soweit und ich durfte auf Mainland. Ab da kann ich ein gewisses Suchtpotenzial nicht verleugnen, das sich aber auch wieder gegeben hat. Ich habe SL bis jetzt ausschließlich privat genutzt, mir allerdings in meinem zweiten Leben eine solide geschäftliche Existenz aufgebaut.

Bei was für Projekten in SL haben Sie mitgewirkt?

Ich bin im SL zuerst mal Innenarchitektin und Landschaftsgestalterin. In dem Bereich habe ich sowohl Privatleuten Häuser, Galerien und Büros eingerichtet oder Gärten gestaltet. Außerdem war ich beteiligt an der Erstellung einer SIM, also einer neuen Insel. Eine zweite SIM, an deren Erstellung ich auch beteiligt war, geht demnächst an den Start. Außerdem bin ich als Lektorin bei einer SL-Zeitung tätig und bin Rubrikenmanagerin bei den vielversprechenden "Gelben Seiten" von SL. Durch diese Arbeiten verdiene ich mein SL-Geld, das ich auch schon in Euro getauscht habe – ein nettes Taschengeld.

Linden Labs-Chef Philip Rosedale hat sich kürzlich selbst in die Reihen der Kritiker gestellt, die SL für ökonomisch vollkommen überwertet betrachten. Wo sehen Sie das Potenzial von SL und ähnlichen virtuellen Welten?

Ich denke eben, dass SL noch unheimlich viel Potential hat. Was einfach stagniert ist die imaginäre Wirtschaft. Das Angebot ist in fast allen Bereichen viel größer als die Nachfrage, da die Leute ihren schwer verdienten RL-Euro nicht in virtuelles SL-Spielgeld tauschen möchten und dadurch natürlich die SL Wirtschaft leidet. Da aber immer mehr Firmen in SL vertreten sind und sich auf dieses neue Gebiet einlassen, sehe ich auch hier noch Chancen. Diskutiert wird ja auch immer wieder, ob man im SL verkauft und die Ware im RL liefert. So Sachen werden kommen und damit werden die Grenzen verwischen zwischen dem virtuellen Metaversum und der realen Welt. Allerdings kann das noch Jahre dauern. Und wer in der Zwischenzeit in SL Geld verdienen möchte, muss sich seine Lücke suchen. Das ist auch nicht anders als im RL.



Werden Sie selbst bei SL dabei bleiben? Was ist Ihre Prognose: Wie sieht SL in fünf Jahren aus?

Ich selbst werde auf jeden Fall bei SL dabeibleiben, denn es hat ein unglaubliches Wachstumspotential. Zwar bin ich nicht mehr so stark engagiert wie am Anfang, aber Spaß macht es nach wie vor. Wie SL in fünf Jahren aussieht, dazu wage ich keine Prognose. Sicher werden die Userzahlen, die sich jetzt auf über 8 Millionen Accounts belaufen, irgendwann stagnieren. Aber wer hätte das vor 3 Jahren vorhersagen können? SL kann genauso schnell wieder gehen wie es kam. Allerdings glaube ich das nicht. Neue Generationen wachsen nach, für die sich wieder Welten auftun. Wer weiß, was noch alles kommt...hoffen wir das Beste.

Mehr dazu:

Bettina Brennecker heißt im zweiten Leben Zoe Rodenberger und arbeitet als Innenarchitektin und Landschaftsgestalterin. Damit hat sie sich, wie sie sagt, einen Traum erfüllt. Unter anderem war sie an einem von Hotel.de finanzierten Projekt beteiligt (Bild oben). Sie übernimmt auch Aufträge von Privatkunden. Ihr Büro ist hier zu finden.