Zwangsurlaub bei Peguform

David Weigend

Das ist Martina Müller aus Freiamt. Die 45-jährige Mutter arbeitet beim Bötzinger Autozulieferer Peguform in der Endabnahme. 40 ihrer Kollegen erscheinen heute nicht mehr zur Arbeit. Sie haben unfreiwilligen Urlaub bis zum 19. Januar. Müller darf wenigstens noch bis zum 17. Dezember schaffen. Ein Protokoll zwischen Pragmatik und Resignation.



Um 14.15 Uhr sitzt Martina Müller in der Bötzinger Bierkneipe mit dem irreführenden Namen Picco(lo) und trinkt einen Kaffee nach Schichtende. Die Pinte liegt einen Steinwurf entfernt von ihrem Arbeitgeber Peguform. Um 6 Uhr trat sie heute die Frühschicht an. Müller arbeitet in der Endabnahme, Abteilung L3. Sie kontrolliert, ob die lackierten Autoteile einwandfrei sind oder ob sich auf ihnen Kocher, Kratzer, Staub oder Läufer befinden.


Im Betrieb trägt sie eine blaue Latzhose und Arbeitsschuhe. Sie prüft Spoiler, PVC-Verkleidungsteile fürs Armaturenbrett, versieht sie mit ihrer Personalnummer und legt sie auf ein Band. Die Produkte werden auf LKW verladen und gelangen dann direkt in die Autofabriken: Zu Porsche nach Zuffenhausen oder ins finnische Valmet, zu Audi, BMW und zu Saab.



In den nächsten Wochen wird das nicht mehr der Fall sein. Fast alle Autohersteller schließen ihre Werke vom 15. Dezember an, wegen sinkender Nachfrage. Im November verkaufte die Autobranche fast 18 Prozent weniger. Am Ende dieser Kette steht eine kleine Frau aus Freiamt: Keiner will einen Porsche kaufen, wo kein Porsche da kein Spoiler, wo kein Spoiler da keine Peguform. Schönen Urlaub, Frau Müller.



Heute werden 40 Angestellte von Peguform nicht mehr zur Arbeit erscheinen. In der Audi-Abteilung D3 müssen sie Überstunden abbauen, ob sie wollen oder nicht. Die D3ler sind beurlaubt vom 4. Dezember bis zum 19. Januar. 45 Tage lang, zum Ausspannen gezwungen. Immerhin, der Urlaub ist bezahlt. Und kurz kommt einem der alberne Gedanke, wie es wäre, 45 Tage hintereinander das Picco zu besuchen, wie die anderen hier um 14 Uhr schon Weizen zu trinken, Peter Maffay zu hören und Groschen in den Daddelautomaten zu werfen.



In zwei Abteilungen wird bei Peguform nun in Kurzarbeit geschafft. Davon sind 120 Arbeitnehmer betroffen, im Januar werden noch weitere hinzukommen. Die Arbeiter stellen sich darauf ein, dass einzelne Schichten oder auch mal mehrere Arbeitstage entfallen. Das Arbeitsamt gleicht den Verdienstausfall nur mit 60 Prozent aus.

Etwa 1200 Menschen arbeiten bei Peguform in Bötzingen: 700 im Werk und 500 in Vertrieb, Entwicklung und so weiter. Besonders ärgerlich ist die Situation für diejenigen im Werk, die nun so genannte Minusstunden machen müssen, also Urlaub, obwohl das Urlaubskonto (bei Peguform sind das in der Regel 30 Tage) schon leer ist. Diese Arbeitnehmer müssen die unfreiwillige Freizeit im nächsten Jahr nacharbeiten.



Für Frau Müller beginnen die Weihnachtsferien heuer am 17. Dezember, einem Mittwoch. Das hat sie vor vier Wochen erfahren. „Da haben wir unseren Urlaubsplan bekommen. Da stand drüber: ,Aktueller Plan'. Da kann sich immer was ändern, heißt es, durch die Wirtschaftskrise. Es ist immer möglich, dass noch stärker und noch früher heruntergefahren wird.“

Vorraussichtlich am 17. Dezember also wird die Produktion bei Peguform für 2008 eingestellt. „Eigentlich freue ich mich darauf. Wissen Sie, ich bin gelernte Einzelhandelskauffrau, habe zuerst beim Gottlieb geschafft und danach in einer Metzgerei. Da hatte ich nie viel von den Feiertagen“, sagt sie.

„Andererseits rege ich mich auch auf über den Zwangsurlaub. Ich würde viel lieber zur Hauptsaison wegfahren.“ Nun reist sie mit ihrem Mann Anfang Januar für ein paar Tage nach Rom. Am 7. Januar wird sie wieder die Latzhose anziehen. Früher arbeitete sie bis kurz vor Weihnachten und stand, wenn die Nachfrage groß war, schon am 2. Januar wieder im Werk.



Da Müller, Mutter zweier Söhne, im Betriebsrat sitzt, kommen die Kollegen zu ihr, weil sie Angst haben. Viele von ihnen stammen aus Russland, aus Polen, aus dem Kosovo und der Türkei. Sie stellen einfache Fragen: „Wie sieht's aus? Kriegen ich nächstes Jahr noch meinen Lohn? Habe ich im Januar noch Arbeit?“

Die Antwort, die Müller dann gibt, ist leider nicht immer so einfach: „Wir müssen sehen, wie die Wirtschaftskrise ausgeht. Sicher ist nichts mehr.“ Sie beobachtet, dass sich nicht viele der Werker für die Verursacher und die Details dieser Krise interessieren. Die Stimmung könnte man vielleicht mit pragmatischer Resignation umschreiben: „Die sagen halt: ,Daran können wir eh nichts ändern.'“



Anders als etwa bei der Bayerischen Landesbank, in der man dieser Tage munter Kündigungen verschickt, könne sie bei ihren Kollegen keinen Zorn gegen den Betriebsvorstand erkennen. Die Furcht vor der Zukunft werde größtenteils verdrängt: „Zwar wendet die Kurzarbeit die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes erstmal ab. Aber wenn das bei uns bis März so weitergeht, wird die Angst eine neue Qualität bekommen.“



Mit Angst kennen sie sich aus in Bötzingen: im Oktober 2002 hatte Peguform Insolvenz angemeldet und wurde dann vom österreichischen Autozulieferer Polytec geschluckt. Die Sache lief glimpflich ab. Und diesmal?

Frau Müller, die seit 1997 eine Festanstellung bei Peguform hat, steigt in ihren alten Opel (35,9 Prozent weniger Absatz im Vergleich zum Dezember 2007) und sagt: „Ich glaube, nächstes Jahr wird ein totes Jahr. 2010 geht’s dann wieder bergauf.“ Dann fährt sie weg, in die Höhe, nach Ottoschwanden.