Zum Wetzstein: Zwischen Museum und Buchhandel

Felix Lüttge

In der Salzstraße prangt das Wort "Wetzstein" auf einer edlen Markise in großen, weißen Lettern. Über dem Schaufenster steht ganz schlicht, als bräuchte man nichts anzupreisen, "Bücher". Diese Symbiose aus Schlichtheit und Exzentrik prägt die Buchhandlung von Thomas Bader. Felix hat sich zwischen Goethe, Heidegger und Wieland umgesehen.



Nicht viele Bücher liegen im Schaufenster. Jedes einzelne hat seinen Platz bekommen. Es soll wirken können und nicht vom Nachbarbuch bedrängt werden. Zu den Büchern gesellen sich handgeschriebene Gedichte: Rilkes Schlaflied, auch Epirrhema von Goethe. Die Handschrift ähnelt der einer Speisekarte aus einem Nobelrestaurant. Große Buchstaben, geschwungene Kurven und weit ausholende Striche.


Ein wenig von der Auslage verschüchtert, betrete ich durch eine Glastür die Buchhandlung zum Wetzstein, trage ich doch Jeans und Sweatshirt und so recht will das nicht passen zu den handsignierten Ausgaben im Fenster. Taschenbücher scheint es in diesem Laden überhaupt nicht zu geben. Unter dem blauen Teppichboden knarzen die Dielen, Barockmusik klingt leise aus den Boxen einer Stereoanlage.



Herr Bader, 65jähriger Inhaber der Buchhandlung, die nach dem Haus, in der sie sich befindet, benannt ist, begrüßt mich freundlich.

Das Stöbern durch die Bücher lässt mich hie und da den Atem anhalten. Ehrfürchtig streiche ich über die Buchrücken, zumindest über diejenigen, die nicht hinter einer Glasscheibe verschlossen sind. Joyce liegt da, ein handschriftliches Faksimile, 92 €, Arno Schmidts Arbeitsexemplar von "Finnegans Wake", nach dem Preis traue ich mich gar nicht zu fragen. Einen gewissen Stolz verspüre ich dann aber doch, als ich die Beckettausgabe entdecke, die auch in meinem Bücherschrank steht.

Eine Kundin, die sich nach Büchern umschaut, bewegt sich vorsichtig wie in einem Museum. Ich kann sie verstehen. Trotz eines Brandenburgischen Konzerts, das von den mächtigen Ledereinbänden der Bücher verschluckt zu werden scheint, herrscht eine drückende Stille in den Räumen der Buchhandlung zum Wetzstein.



Exquisit findet Bader seine Buchhandlung nicht: „Ich versuche den Büchern nur, ihren Rahmen zu geben." Die Idee hinter seinem Geschäft sei die einer zugänglichen Privatbibliothek, deren Bestände zum Verkauf stehen. Das Sortiment wähle er so, dass es ihn selbst interessieren könnte. „Ich würde gerne alles lesen“, sagt er über die Bücher. „Dass meine Auswahl glücklicherweise wieder den Geschmack einer Kundschaft trifft, ist einfach ein Geschenk“, glaubt er.

Seine Auswahl unterscheidet sich durchaus von der einer großen Buchhandlung, Bestseller und Ratgeber à la „1000 tolle Steuertipps“ gibt es bei ihm nicht. Stattdessen findet man vor allem Klassiker der Weltliteratur. Ein sehr naheliegendes Geschenk für einen Buchhändler.



Die Idee der Privatbibliothek erklärt auch die Kunst, die sich im Buchladen findet. „Haben Sie Sebald gelesen?“ fragt mich Thomas Bader, als ich nach der Dekoration frage. Ich habe Sebald nicht gelesen. Seine Bücher stünden exemplarisch dafür, dass Bücher zu Bildern und Bilder zu Büchern gehörten. „Deswegen ist die Kunst, die wir haben, einfach ein Bestandteil einer Bibliothek.“ Wenn Bader von den Kunstwerken spricht, die er ausstellt, spricht er wie von Gästen, die für eine begrenzte Zeit bei ihm zu Besuch sind.

Die Wände zieren außerdem Briefe bekannter Schriftsteller an Bader. Gelegentlich bittet er Autoren, ihm mitzuteilen, was ihre wichtigsten Werke sind und eine Liste von Büchern anderer Schriftsteller zu erstellen, die im Schaufenster ausliegen sollen. Alle, die er angeschrieben hat, haben ihm geantwortet, bis auf Thomas Bernhard. Aber das wundert Bader nicht: „Das ist ja eigentlich sehr typisch für ihn."



Thomas Bernhard ist einer von Baders „Hausheiligen“. Das ist, wie das ganze Sortiment, eine rein subjektive Auswahl von besonders von Bader geschätzten Schriftstellern und Philosophen. Sebald ist auch ein „Hausheiliger“, Heidegger, wen wundert’s, auch.

In dem rückliegenden Raum der Buchhandlung, in dem antiquarische Bücher verkauft werden, stehen eine Spirituosenbar, ein Kleiderständer mit Anzug und Hut, hinter einer Glasvitrine ein Foto vom Grab Walter Benjamins und eine Gipspuppe von Günter Grass. Der Computer im hinteren Teil des Ladens wirkt fehl am Platz zwischen all den Holzregalen und Büchern. Thomas Bader sagt "Diskette", als er mir eine CD-Rom in die Hand drückt.

Bader beantwortet alle Fragen gern und doch geht es, wenn er spricht, immer nur um Bücher. Es wirkt fast, als seien die Bücher in diesem Laden mehr zu Hause als er. Er selbst sagt: „Ich versuche, dem Buch zu dienen.“ Häufig fällt das Wort „beglücken“. Glück und Bücher, das sind für Bader zwei untrennbare Dinge.

Blickt man beim Stöbern durch die wunderbaren Ausgaben einmal auf, so bemerkt man fast ständig eine der beiden Angestellten oder Bader selbst im Raum. Die Schätze werden gehütet.

Mit mir sind nie viele, aber ständig andere Kunden im Geschäft. Die meisten tragen Kragen, nur ein Student in Turnschuhen begegnet mir.



Über seine Kundschaft sagt Bader, sie sei vor allem akademisch und aus dem Bildungsbürgertum, ziehe sich aber durch alle Altersstufen und käme aus ganz Deutschland. Kein Wunder: Wer in Freiburg vorbeikommt und bibliophiler Natur ist, wird sich im Wetzstein mit Sicherheit mal umsehen. Leger geht Thomas Bader mit seinen Kunden um, und doch hat er sie beständig im Auge.

Es findet sich schließlich doch noch ein Taschenbuch in Baders Bibliothek: ein Reclamheft von Heidegger. Mit dem und einem Buch über Paul Celan verlasse ich den Laden, ein bisschen enttäuscht darüber, dass er Robert Walser empfiehlt zum Einstieg in die Literatur. Das Buch über Celan ist übrigens vom Autor signiert, eine unsignierte Ausgabe gab es nicht.

Fotos: flx / Bernhard Strauss