Zum Überfall ein Glas Wasser

Gina Kutkat

"Geld her. Überfall." Als sich Nafan B. am 25. Mai diesen Jahres dazu beschloss, die Volksbank in Freiburg zu überfallen, hätte er damit rechnen sollen, dass man seine Pistole sogleich als Spielzeugpistole entlarven würde. Er hatte sie im Penny Markt gefunden und mit dem Vorhaben, in etwa 10 000 Euro zu bekommen, die Bank in der Bismarckallee betreten.



Der Tathergang

Am 25. Mai um 15.42 Uhr betritt der Angeklagte Nafan B. die Freiburger Hauptfiliale der Volksbank in der Bismarckallee. Minuten vorher hat er noch zwei Zigaretten geraucht und vor der Bank gewartet. Er trägt eine Sonnenbrille, ein Hawaihemd, darüber ein Jackett sowie eine Umhängetasche. Zudem trägt er eine Plastikpistole bei sich, die er unter seinem Jackett versteckt. Er wartet  einige Augenblicke, bis ein älterer Herr vor ihm bedient wird, dann tritt er an den Schalter der Bankangestellten S. " Überfall, Geld her", fordert der 57 jährige Kroate.

"Über so etwas macht man keine Witze", erwidert Frau S., die kurz darauf den Lauf der Plastikpistole unter seiner Jacke entdeckt und den Ernst der Lage begreift. Frau S. fühlt sich bedroht und entfernt sich von ihrem Schalter, um in den Hinterraum der Bank zu gelangen. Auf dem Weg dorthin flüstert sie ihrer Kollegin zu: "Der will Geld". Im Hinterzimmer angekommen, drückt Frau S. den Alarmknopf.

Der Täter, allein und ohne Geld am Schalter zurückgelassen, wendet sich daraufhin an den nächsten freien Schalter. Hier bedient ihn nun eine weitere Bankangestellte, die von ihrer Kollegin bereits über den Überfall aufgeklärt worden ist. Auch sie erkennt, das etwas aus dem Ärmel des Täters herauslugt, kann aber nicht wirklich erkennen, um was es sich dabei handelt.

Auch sie händigt Nafan B. kein Geld aus. Durch eine kleine Öffnung zum Tresorraum ruft sie ihren dort arbeitenden Kollegen. "Franz, komm mal. Überfall." Besagter Kollege sieht an seiner Mitarbeiterin vorbei und erblickt den mutmaßlichen Bankräuber, der immer noch auf "sein" Geld wartet. Die Situation wird von dem Bankangstellten als so unwirklich wahrgenommen, dass er die Pistole unter dem Jackett sofort als Spielzeugpistole entlarvt und ohne jegliche Angst an den Schalter tritt.

Daraufhin ergibt sich zwischen dem Täter und dem Bankangestellten, folgender Dialog: "Was ist los?" - "Überfall". "Willst du Geld?" - "Ja!".

Ohne Geld und mit souveränen Schritten geht der Bankangestellte um den Schalter herum und gesellt sich Herrn B., der keinerlei Anstalten zu Gewalttaten oder Fluchtversuchen macht. Er macht einen verwirrten und unsicheren Eindruck, eine wirkliche Gefahr scheint nicht von ihm auszugehen. Die zwei sprechen miteinander, duzen sich und warten gemeinsam auf die Polizei, die von Frau S. verständigt worden ist. Während der Wartezeit bekommt der Angeklagte sogar ein Glas Wasser.

Als die Polizei eintrifft, bietet sich ihr folgendes Bild: auf den Stühlen rechts vom Eingang sitzt ein kleiner, alter Mann, der etwas durcheinander wirkt und von einem anderen Mann gerade ein Glas Wasser gereicht bekommt. Die Polizei ist mit Machinenpistolen in die Bank eingedrungen und hat das Gebäude mit den Polizisten aus zwei Freiburger Revieren, den Revieren Nord und Süd, umstellt.

Der erfolglose Bankräuber kann ohne Widerstand festgenommen werden.



Das Urteil

Die Tat wird von dem Angeklagten ohne Einwände gestanden. Wortwörtlich sagt er: "Ganz ehrlich zu sagen, Frau Richterin, dem habe ich nichts hinzuzufügen."

Die Staatsanwalt wirft dem Angeklagten "versuchte räuberische Erpressung" vor und beantragt eine Haftstrafe von einem Jahr und zwei Monaten. Die Verteidigerin erinnert an die verzweifelte Lage, in der sich ihr Mandant zu damaliger Zeit befand, und bittet darum, die Strafe auf ein Jahr zu verkürzen.

Der Angeklagte wird zu einem Jahr und zwei Monaten Haft verurteilt.

Hintergründe

Nafan B. ist ein charismatischer Mann. Er beantwortet die Fragen der Richterin und des Staatsanwaltes sehr souverän und höflich, ohne auch nur ein einziges Mal seine Beherrschung zu verlieren. Zwischendurch lacht er viel und mischt sich in das Geschehen ein, ganz so, als wäre er ein Anwalt und nicht der Angeklagte.

Als die zweite Zeugin, die Bankangestellte Frau S., angehört wird, richter er das Wort an sie und entschuldigt sich aufrichtig für seine Tat. Das gleiche versucht er bei der dritten Zeugin, der zweiten Bankkauffrau : "Auch bei Ihnen möchte ich mich ehrlich entschuldigen. Das nächste Mal komme ich als Kunde in Ihre Bank." Die Worte der Richterin "Ein nächstes Mal gibt es nicht", bringen ihn auf den Boden der Tatsachen zurück.
Nafan B. ist für die Staatsanwalt kein ungeschriebenes Blatt mehr. Seine Strafliste ist lang, seit 1976 macht er mit kriminellen Delikten auf sich aufmerksam.

Er stammt aus Kroatien, lebt aber schon seit 1972 in Deutschland. Er ist gelernter Kellner und hat in diesem Beruf gearbeitet, bis ihn eine Knieverletzung zum Aufhören zwang. Außerdem leidet der Angeklagte an schweren Herzproblemen und nimmt starke Medikamente.

Nafan B. verbrachte einige Jahre in Berlin, bevor er nach Freiburg kam. Der Angeklagte ist drei Mal geschieden und hat drei Kinder, zwei davon sind adoptiert.

Seinen Angaben nach, ist er, nachdem er seinen Job aufgeben musste, "auf die schiefe Bahn geraten." Angefangen beim Fahren ohne Fahrerlaubnis vermehrten sich seine Strafvergehen kontinuierlich bis zum Banküberfall: Nötigung, Diebstahl, Verletzung der Unterhaltspflicht, Körperverletzung und Hausfriedensbruch, Urkundenfälschung...etc.

Wegen dieser Delikte musste Nafan B. unter anderem eine Haftstrafe von vier Monaten absitzen und wurde zudem des Landes verwiesen. Ohne Rücksicht auf diesen Verweis kam der Angeklagte zurück nach Deutschland und lebte für einige Wochen in Freiburger Parks, geduscht hat er in den Anlaufstellen für Drogenabhängige.

Zwei Tage vor dem Überfall findet er im Penny Markt eine Plastikpistole und steckt sie in seine Tasche, er vermutet, ein Kind hat sie dort liegen gelassen. Mit dieser Spielzeugpistole begeht er dann den Überfall in der Bank. Er beschreibt seinen Zustand in diesem Moment als nicht zurechnungsfähig. Er verhielt sich "wie unter einer Glocke" und hatte "höllische Angst".

Von seinem Überfall erwartete er sich in etwa 10 000 Euro.



Kurioses

Der Angeklagte beanwortet jede Frage mit "Ganz ehrlich zu sagen, ..."

Die Spielzeugpistole war schwarz, mit einem silbernen Totenkopfsymbol.

Der mutige Bankangestellte, der den Überfall ohne mit der Wimper zu zucken beendete, heißt mit Nachnamen "Held".