Zum Sektfrühstück die Knarren weglegen

Rebecca Schnell & Nadja Röll

In der Doku-Fiktion "Terroristinnen - Bagdad 77" zeigt Regisseurin Katrin Hentschel, was es heißen kann, eine starke Frau zu sein. Die Kammerbühne wird zum Versteck für RAF-Terroristinnen, die Zuschauer zu Verbündeten im Kampf gegen den Kapitalismus. Läuft morgen, empfehlenswert.



Draußen auf den Treppen vor der Kammerbühne. Drei in den Schminktopf gefallene Tussis in monströsen Rüschenkleidern und Perücken schwenken ihre Handtaschen zu Popmusik.


Polizeisirenen. Die drei Damen in Tüll fliehen vor der grün uniformierten Frau. Mit ihnen unternehmen wir eine Zeitreise ins Innere des Theaters, ins Bagdad des Jahres 1977. Aus den Tussis werden Terroristinnen, aus den Zuschauer(inne)n Verbündete im Kampfe gegen das Kapital. In einem vorbereiteten Kissenlager wird Tee serviert. „Habt Ihr schon Waffen?“, fragt Ulrike Meinhof in die Runde. Schüchternes Kopfschütteln im Zuschauerraum. „Gut, dann machen wir das morgen.“

Es ist die Zeit des „deutschen Herbsts“. Mitglieder der zweiten Generation der RAF verfolgen in ihrem Unterschlupf in Bagdad angespannt die Ergebnisse der Flugzeugentführung nach Mogadishu und den Verlauf der Schleyer-Entführung. Die Situation eskaliert, die Frauen müssen sich entscheiden: Aufgeben oder Weitermachen?



Mit Hilfe vielfältiger Darstellungsformen, Dokumenten der RAF, Alice Schwarzers „Der kleine Unterschied“ und Improvisation wird die Situation in einem minimalistischen Bühnenbild rekonstruiert. Angesichts eines Frauenanteils von 60 Prozent stellt sich die Frage nach dem spezifisch Weiblichen in der RAF.

Was hat die Militarisierung von Frauen wie Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Brigitte Mohnhaupt mit der Frauenbewegung zu tun? Welche Rolle spielt dabei das traditionelle Frauenbild, der weibliche Wunsch nach Familie?

In Tarnanzügen und Stahlkappenstiefeln schlüpfen die drei Schauspielerinnen Rebecca Klingenberg, Johanna Eiworth und Elisabeth Hoppe in verschiedene Kostüme und Rollen. Sie beschwören Gnadenlosigkeit und tödliche Wut auf den Staat: „Sie hätten nicht die Macht, wenn sie nicht die Mittel hätten, die Schweine.“ Ulrike Meinhof setzt sich etwas linkisch und doch kämpferisch vor die Zuschauer und versucht ihnen das Konzept „Stadtguerilla“ zu erklären: „Hm, also, das ist ein bisschen kompliziert.“

Jemand aus dem Publikum wird auserkoren, aus der RAF-Bibel „Liebe mit Hindernissen“ vorzulesen. Die komplexen und sperrigen Manifeste machen einmal mehr deutlich, in welchem Maße die RAF ein Kreis von Intellektuellen mit bürgerlich-akademischem Hintergrund war. Diejenigen, die sich heute in ihre Intellektuellen-Zeitungen zurückgezogen haben?

Die im Irak verschollene Gudrun Ensslin berichtet selbstironisch über ihr Schicksal in der dritten Person: „Ich habe seit Jahren nichts mehr von mir gehört.“ Eine der Frauen schildert die Schleyer-Entführung und schwenkt dabei plakativ einen Schleier. Chamäleonartig wechseln die drei die Rollen, aus der martialischen Guerilla-Kämpferin wird das Weib in High Heels und mit Kinderwagen. „Kann mal jemand der Frau helfen?“

Ein Mann aus dem Publikum schaukelt beflissen den Kinderwagen, anstatt des Kindes liegt ein Gewehr darin. Mutter und Terroristin, Weiblichkeit und Härte – wie passt das zusammen? „Alle Privatangelegenheiten sind politisch“, so ein Wahlspruch der RAF. Wenn man sich einmal dem bewaffneten Widerstand verschrieben hat, gibt es in die Normalität von Familie und Beruf kein zurück mehr. „Ich hätte schon gerne Kinder gehabt“, bekennt eine der Frauen. „Aber in solchen Zeiten geht der bewaffnete Kampf vor. Sieg im Volkskrieg!“

Denn auch die Schwangerschaft ist ein Zeichen männlicher Unterdrückung. Die Logik der Gleichberechtigung liegt nicht in der Behauptung des Weiblichen, sondern in der Überbietung der Männer. Die Militarisierung läuft dabei parallel zur sexuellen Emanzipation: „Bewaffneter Krieg ist wie ein vaginaler Orgasmus“. Passend dazu werden die Röcke gegen Jeans eingetauscht, in denen „die gesammelte sexuelle Frustration endlich rauskommt“.



Auch beim Sex möchte man endlich Mann sein. Wie sehr dies zum Scheitern verurteilt ist, führt die Szene einer Selbsthilfegruppe vor Augen. Beim spießig-verklemmten Sektfrühstück legt man die Knarren beiseite, um dann endlich mal ganz frei über die sexuellen Erfahrungen sprechen zu können. Mischi, mit Siebzigerjahre-Brille: „Wenn der Typ in misch eindringt, passiert einfach nüschd bei mir.“ Der vaginale Orgasmus ist eben Knarren und Kinderlosigkeit zum Trotz noch Lichtjahre entfernt.



Wo sind die Utopien des 20 Jahrhunderts geblieben? Wofür und wie soll man noch kämpfen, wenn nicht im Kleinklein von Bioeiern und Fair Trade Kaffee? Im Kontext von Heiligendamm, politischem Pragmatismus und Feel-good-Konsumismus beschleicht einen das allzu bekanntes Gefühl. Ulrike ruft am Ende des Stücks: „Wenn Ihr noch ein Fünkchen Engagement in Euch habt, wenn Ihr heute das Bedürfnis habt, Greenpeace oder Attac beizutreten, dann tut es. Denn morgen kann es schon wieder verloschen sein.

Mehr dazu:

  • Wann: Morgen, Dienstag, 26. Juni, 20.30 Uhr; drei weitere Termine
  • Wo: Theater, Freiburg, Kammerbühne, Bertoldstr. 46, 79098 Freiburg