Pop

Zukunftsmusik: Mockemalörs neues Album "Science-Fiction"

Peter Disch

Elegischer, betörender, Pop, der es sich zwischen den Stühlen einrichtet: Mockemalörs drittes Album "Science-Fiction" ist Zukunftsmusik mit eigenem Stil.

Momentan biegt die viel gelobte Fernsehserie "Babylon Berlin" auf die Zielgerade. Drei Folgen hat die ARD noch in petto, online gibt es bereits alle zu sehen. Der Erfolg des Mehrteilers hängt unter anderem damit zusammen, dass er in der Endzeit der Weimarer Republik spielt. Es brodelt in Berlin. Politik, Gesellschaft, Kultur, Nachtleben: Alles rast, alle rasen, tanzen auf dem Vulkan, balancieren am Abgrund – lustvoll, viril, fiebernd, berauscht, berechnend, teils dekadent, teils degoutant.




"Babylon Berlin" spielt aber auch mit jener Epoche, spiegelt darin die Gegenwart, verschmilzt die 1920er und -30er mit der Gegenwart. Da ist der Rechtsruck, da sind Kräfte, die ihr stolzes Deutschland wiederhaben wollen. Im Tanzpalast "Moka Efti" geht es so enthemmt zu wie angeblich in den Darkrooms manch Berliner Clubs. Und der Soundtrack mischt Chanson, Kunstlied, orchestrale Ballhausklänge mit allen Spielarten des Pop.

Ein Musiker mit Bezug zu Freiburg war bereits in "Babylon Berlin" zu sehen. Sidney Selby alias Guitar Crusher, in den 90ern eine Freiburger Größe, spielt in der ersten Staffel in der "Pepita Bar" den Blues – gab es den damals in Berlin? –, derweil sich die Menge dem Absinth und anderen Ausschweifungen hingibt.

Gut zu "Babylon Berlin" passen würde auch die Band Mockemalör der aus Hinterzarten stammenden Sängerin Magdalena Ganter. Sie lebt seit Jahren in Berlin, studierte Tanz, Gesang, Schauspiel an der Universität der Künste und hat heute an der Hochschule der Populären Künste einen Lehrauftrag für Bühnen-/Performancetraining und Gesang .

Eine Anfrage seitens der TV-Produzenten, die bereits an weiteren Staffeln arbeiten, stehe leider noch aus, sagt Ganter beim Telefoninterview und lacht klackernd. Die Parallelen in der Herangehensweise sind jedenfalls offensichtlich: Wie "Babylon Berlin" ist auch das dritte Album von Mockemalör zwischen den Zeiten und Welten angesiedelt. "Science-Fiction" heißt es, ein Begriff, der auf das verweist, was – vielleicht – eines Tages kommt. Aber diese Zukunftsmusik bezieht sich gleichzeitig auf Traditionen, die vor Jahrzehnten entstanden, und die europäische und deutsche Wurzeln haben. Die fürs Theater konzipierten Lieder von Brecht und Weill, Chansons von beiden Seiten des Rheins – das sind Genres, die mit hineinspielen in die allerdings in sich geschlossene Klangästhetik.

"Ganz viel Raum für Ausdruck und extreme Gefühle." Magdalena Ganter
Ähnlich ist es übrigens auch mit der Bebilderung der Plattenhülle. Expressionistische, stilisierte Gesten der Hände, die Blicke in die Weite gerichtet, Ganter in einem mondänen Cape, darüber die Unendlichkeit – bezieht sich das nun auf "Metropolis", Fritz Langs Science-Fiction-Klassiker von 1927? Auf die Raumschiffe namens Enterprise oder Orion? Oder sieht so einmal die Corporate Identity eines weiteren Prequels der "Star Wars"-Saga aus? Wahrscheinlich hat das Foto von allem ein bisschen.

"Bestimmt ist das ein Einfluss", sagt Ganter, angesprochen auf die 20er- und 30er-Jahre. "Ich höre gerne Musik aus der Zeit und habe die Dreigroschenoper selbst schon aufgeführt." Hanns Eislers Vertonung von Brechts "Ballade von der Judenhure Marie Sanders" war als einziger nicht selbst geschriebener Song im Programm des Konzerts, bei dem das Trio seine neue Platte in Berlin vorstellte.

"Ganz viel Raum für Ausdruck und extreme Gefühle", in der Musik und in den Texten – das ist, was die 32-Jährige an solchen Liedern schätzt. Diesen Raum nehmen sich auch Mockemalör, definieren ihn aber anders. Die Gefühle explodieren hier nicht mit einem lauten Knall. Das Album ist ein Fluss aus suggestiven Klängen und durchlaufenden Rhythmen – ein gleichmäßiger Strom von Musik aus Synthesizer, Klavier, Sounds, Beats und Schlagzeug, der zu den Refrains hin auch anschwellen oder aufbrausen kann. Darunter lauern die Untiefen zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein.



Zum Prinzip des Assoziativen, des Unwirklichen, das die Qualität dieser Lieder ausmacht, zählen auch deren Titel, immer ein starkes, sprechendes, Bilder hervorrufendes Hauptwort – "Traum", "Rauschen" oder "Hysterie". Und dann sind da noch die Texte und der Gesang. Ganter sagt, sie spielt keine Rolle, das ist immer sie, aber sie versetzt sich in die Geschichten, die sie erzählt, und gestaltet sie, agiert sie mit der Stimme aus. Gerne singt sie hoch, sie kann beiläufig lasziv oder entrückt klingen oder pflegt die Kunst des spitzbübischen, vergnügten Pfeifens. Das ist mitunter exaltiert, immer choreographiert, mit Effekten verfremdet, aber nicht gekünstelt oder affektiert.

Das Ergebnis ist elegischer, betörender, zwingender Pop, der es sich zwischen den Stühlen einrichtet. Nischenmusik, die aber nicht elitär oder hermetisch ist. Ob es dafür ein größeres Publikum gibt? Das wäre schön. Mit dem, was sie machen, stehen die Drei ziemlich alleine da. Auf der anderen Seite haben Mockemalör Stil. Und zwar einen eigenen, unverwechselbaren. Und das können im deutschen Pop momentan nur wenige von sich behaupten.
Mockemalör: Science-Fiction (R.D.S./Rough Trade).