Zuckerfisch: Von wilden Tieren und gruseligen Clowns

Christopher Buente

Seit mehr als zehn Jahren zeichnet Naomi Fearn "Zuckerfisch". Ihr autobiografischer Comic-Strip erscheint in der Stuttgarter Zeitung und im Internet. Die Ereignisse reichen von Studentenpartys über Stuttgart-21 bis hin zu Steuererklärungen. Zum Gratis-Comic-Tag am kommenden Samstag, 12. Mai 2012, hat sich Christopher mit der Zeichnerin unterhalten.

Naomi, wie war Dein Ägyptenurlaub?


Naomi Fearn: Bizarr. Hast Du schon mal all inclusive Pauschalurlaub gemacht?

Hm, als Kind, glaub ich. Aber das ist ewig her.

Kinder gab‘s da auch viele. Das waren die einzigen, die nicht vor den Animateuren geflohen sind. Eine Woche lang kann man so einen Urlaub aushalten. Aber dann, fürchte ich, bricht der Ironie-Panzer.

Die Bilder auf dem Zuckerfisch-Blog erwecken den Eindruck, als ob Ihr da alleine gewesen wärt...

Es war Nebensaison. Es war, als würde man in einer futuristisch-creepigen Green Zone inmitten einer post-atomaren Ödnis versuchen, die Dekadenz der westlichen Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts aufrecht zu erhalten...

Hm, ja, das Bild mit der leeren Wasserrutsche. Und dahinter die Wüste...

Genau. Plüschig-grüner Rasen und ein Aquapark inmitten einer Wüste, die leider aussieht, als hätte jemand ein paar Staubsaugerbeutel ausgeleert.

Was schätzt Du: Wie viele gruselige Clowns habt Ihr gesehen?

Genug, um ein paar Monate Alpträume zu haben. Dabei waren wir im Resort „Jungle Park“. Und nicht in "Clown Town"... Das Hotel war für das, was es war, völlig okay. Die Leute dort waren etwas verpeilt, was die Organisation anging, aber sehr freundlich. Und wir hatten einen Handtuch-Falt-Battle mit dem netten Roomservice-Mann.

Wer das schönste Handtuch faltet?

Die Regeln gehen so: Man gibt am ersten Tag Trinkgeld, und als Belohnung werden die Handtücher und Bettdecken zu Schwänen gefaltet. Wir haben dann angefangen, die Schwäne zu dekorieren, was zu einer Handtuch-Tier-Eskalation geführt hat.

Normalerweise wüsste ich als Otto Normalverbraucher ja gar nix von Deinem Urlaub. Aber ich kann davon bei Zuckerfisch lesen. Hast Du während des Urlaubs gearbeitet?

Nee, ausnahmsweise habe ich gar nicht gearbeitet, das war die Vorgabe.    

 

Du greifst bei Zuckerfisch ja immer wieder auf Ereignisse aus Deinem privaten Leben zurück. Wie viel von Zuckerfisch ist autobiografisch?

Eigentlich alles. Ich bin schrecklich fantasielos, was das angeht. Aber das wird sich ändern, denn gerade habe ich mich etwas in eine Ecke gemalt.

"In die Ecke gemalt"? Was meinst Du damit?

Früher habe ich mein komplettes Leben in den Comic gepackt. Inzwischen lasse ich einige Bereiche aus. Das hat zur Folge, dass ich bei den Themen eingeschränkt bin. Und ich will nicht einfach was erfinden, weil meine Leser (wie zum Beispiel meine Mutter) davon ausgehen, dass die Strips der Realität entsprechen. Also minus die Hasen... Ich sitze jeden Mittwochmorgen im Atelier und lege Reinhard (Anm. d. Red.: Reinhard Kleist) Bleistiftskizzen hin. Abgabe bei der Zeitung ist Mittwochnachmittag. Da hat man einen irren Platz in einer Zeitung und will so viel sagen, weiß aber nicht, wie…

Du teilst Dir mit Reinhard ein Atelier, richtig? Ist noch wer dabei?

Mawil und Fil. Vorgestern waren sogar mal alle da.

Und inwieweit werden die Kollegen bei der Zuckerfisch-Produktion eingebunden?

Als Versuchskaninchen. Ich tappere mit der Bleistiftskizze von einem zum anderen, bis es heißt: „Na okay, der geht.“

Wie kritisch bist Du selbst mit Dir?

So kritisch, dass ich weiß, dass die Strips besser sein könnten. Aber nicht kritisch genug, um mich vielleicht mal eine Woche vorher an den Strip zu setzen. (Hm, sollte das in ein Interview? Vielleicht besser für den Therapeuten aufheben...)

Fangen wir mal am Anfang an: Seit wann gibt es denn Zuckerfisch?

Die ersten Strips in der Zeitung erschienen zum Jahreswechsel 2000/2001. Das waren damals acht Strips als Special. Ich habe der Zeitung dann in meinem Größenwahn einen täglichen Strip angeboten. Gottseidank haben sie gemeint, einer pro Woche würde auch reichen.

Aber Zuckerfisch gibt es schon länger, oder?

Ich hatte bei Ehapa einen ersten Band mit One-Pagern, der noch nicht so dolle gezeichnet war. Hier noch einmal Danke an Georg Tempel, dass er das damals gemacht hat! Den Ursprung hatten die Comics auf einem Festival auf der mecklenburgischen Seenplatte. Da habe ich angefangen, die Abenteuer meiner Mitstreiter zu zeichnen. Ich hatte weniger chemische Substanzen zu mir genommen als der Rest. Deshalb fiel mir die Rolle des Chronisten zu. Es konnten sich nicht alle an ihre Abenteuer erinnern.

Und damals, auf der mecklenburgischen Seenplatte, mit Unterstützung gewisser Substanzen, entstand auch der Titel? Zuckerfisch?

Nee, den hatte ich schon vorher. Ich mag komische Wortzusammenstellungen.

Kommt aber gar kein Fisch drin vor...

Anfangs schon! Im allerersten Heft hatte ich noch die Fähigkeit, mich – bevor ich etwas Dummes tue – in einen Fisch zu verwandeln, ob ich wollte oder nicht… Das ist mir aber über die Jahre abhandengekommen. Das geht mit dem Erwachsenwerden weg, fürchte ich...



Zum festen Cast von Zuckerfisch gehören Hase, Steffen und Dein Comic-Alter-Ego. Oder habe ich wen vergessen?

Am längsten kommen darin ein paar Freundinnen von mir vor: Nina und ihre Tochter Lotte, die andere Nina, meine Freundin Elektra… Meine Familie kommt natürlich… Die Leute, mit denen ich zusammen war, haben jahrelang mitgespielt. Lustig ist, dass Lotte im Comic vorkommt, seit sie drei Jahre alt ist. Und sie existiert ja wirklich. Für sie ist es völlig normal, dass sie und ihre Familie in der Zeitung sind. Jetzt ist sie grade Dreizehn geworden… Jessas…

Und im Comic-Strip altert sie auch?

Genau, alles in Echtzeit. Und das bringt mich wieder zu dem Punkt von vorhin. Lotte ist jetzt so alt, dass sie nicht alle ihre Geschichten in der Zeitung wiederfinden will. Das bedeutet, wenn ich was über sie machen will, sollte ich besser fragen.

Als aufmerksamer Zuckerfisch-Rezipient kann ich seit mehr als zehn Jahren Dein Leben mitverfolgen, ja?

Im Großen und Ganzen.

Wird Dir das Autobiographische nicht manchmal zu persönlich? Oder anders gesagt: Was geht's die Leserschaft an, wo Du Urlaub machst?

Wenn mir etwas brillantes Ausgedachtes einfiele, würde ich das machen. Aber ich fang immer erst am Tag vorher an, mir Gedanken zu machen. Das werde ich hiermit mal ändern! Viel Persönliches lasse ich inzwischen weg. Ist nur die Frage, ob der Comic dadurch besser wird… Reinhard und Fil sagen Nein. Denen gehen die Hasen auf die Nerven.

Welche Themen sind für Dich tabu?

Meine Herzensangelegenheiten lasse ich inzwischen komplett raus. Und, da alle Charaktere auf echten Menschen basieren, kann ich eigentlich nur zu meiner eigenen Figur richtig böse sein. Da fehlt der Antagonist. Letztes Jahr habe ich versucht, einen zu erschaffen, einen Schleimpilz, der die Weltherrschaft anstrebt. Aber den fanden alle lausig. Aber der Antagonist kann ruhig die Welt an sich sein. Die ist es für die meisten Menschen ja auch oft.

Seit Du mit Zuckerfisch in der Stuttgarter Zeitung angefangen hast, ist ja eine Menge Zeit vergangen. Wenn Du zurückblickst, gab es da bestimmte Phasen, in denen sich was Elementares verändert hat? Oder ist der Strip über die Jahre gleich geblieben? Ein paar Veränderungen hast Du ja schon angesprochen...

Ich wage zu behaupten, dass ich inzwischen besser zeichne und dem Medium in der Erzählung mehr gerecht werde. Aber auch da: Man könnte noch mehr rausholen!

Und inhaltlich?

Wie das im realen Leben so ist: Mitte der Zwanziger geht's in den Strips um Partys und Studentenleben. Inzwischen regnet‘s Kinder und es geht ständig um die Steuer.

Warum hat Hase eigentlich keinen Namen? Und warum spricht Steffen nur in Bildern und Emblemen?

Beim Hasen hat sich nie einer ergeben. Ich hebe mir das noch auf, um mal ein Preisausschreiben zu machen. In den ersten paar Strips spricht Steffen noch, aber, wie gesagt, das Medium will ja auch genutzt werden. Der Hase ist ein zivilisierter Stadthase, eigentlich fast ein Mensch. Steffen ist dagegen mehr ein Wildtier, weswegen es Sinn macht, dass er nicht normal redet.

Hattest Du mal selber Hasen?

Nie. Immer Katzen. Aber Hasen machen Spaß zu zeichnen.

Zuckerfisch kann man auch online lesen. Neben den Strips schreibst Du kurze Texte und verlinkst darin auf alle möglichen (und unmöglichen) Web-Absonderlichkeiten.

Das ist entweder mein Bestreben, dem Leser mehr für's Geld zu bieten, oder eine Ausrede für meine ständige Internet-Prokrastination.

Das heißt, Du findest den Kram wirklich komplett selbst? Zufällig?

Nein, nein, das erwähne ich auch öfter im Blog. Vieles davon kommt von BoingBoing (boingboing.net), I.Z.reloaded (izreloaded.blogspot.com) oder durch Twitter (twitter.com). Manchmal schicken mir sogar Leser ihre Lieblings-Absonderlichkeiten. Ich bemühe mich, nicht ZU eklige Sachen zu verlinken. Die Leute essen ja oft am Rechner…

Von den Web-Absonderlichkeiten mal abgesehen: Wie wichtig ist das Internet für Deine Arbeit?

Ich könnte sie sonst gar nicht machen. Meine Redakteure sitzen ja am anderen Ende des Landes.

Das heißt, Du lebst und arbeitest in Berlin, verlegt wird in Stuttgart, und Ihr seht Euch nur ab und zu?

Ich glaube, meinen Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung habe ich 2006 das letzte Mal gesehen. Die Zwerchs sehe ich natürlich öfter – wir machen ja auch denZwerchfell-Comic-Podcast zusammen…

Reden wir noch über Deine Tätigkeit als Schauspielerin, Sängerin und Bühnenautorin…

Boah, das darfst Du so nicht fragen! Jessas!

Warum denn? "Kehrwoche of the Dead" ist doch ein moderner Klassiker... Und bei "Ungooglable You" habe ich mich totgelacht...

Ich habe vor ein paar Jahren mit Comedy Improvisation angefangen, damit mir mehr Sachen für den Comic einfallen. Kann ich nur empfehlen! Man macht zwei Stunden am Stück nichts anderes, als sich Sachen auszudenken, die im günstigsten Fall lustig sind. Das habe ich drei Jahre gemacht. Und daraus hat sich hier in Berlin eine florierende, kleine englischsprachige Comedy-Szene gebildet (comedyinsin.org und comedysportz.de). Ich musste aus Zeitgründen damit aufhören und habe stattdessen angefangen, kleine Songs für die Comedy-Abende meiner Freunde zu schreiben. Damit ich mal vom Schreibtisch wegkomme…

Also Ablenkung und Inspirationsquelle gleichermaßen?

Das Beste aus beiden Welten!

Wenn ich Adjektive suchen möchte, um Zuckerfisch zu beschreiben... Vielleicht für jemanden, der den Strip nicht kennt... Fröhlich? Leicht? Bunt?

Freundlich! Und eher so leise lustig.

Ich habe Moebius neulich in einer Doku sagen hören: „Beim Zeichnen offenbart sich die Seele.“ Was denkst Du?

Es offenbart sich meist mehr, als man gedacht hätte. Und wenn man es gut macht, ist auch Seele dabei. Da hat der Moebius gut reden!









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Gratis-Comic-Tag?

Am Gratis-Comic-Tag, 2012 ist das Samstag, 12. Mai, gibt es - wie der Name schon sagt - Gratis-Comics. Comicverlage und Comichändler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben für diesen Tag Hefte produziert, die sie an Fans verschenken. In Freiburg nimmt X für U am Gratis-Comic-Tag teil, in Lörrach Comix-Time, in Basel der Comix Shop.

[Dieses Interview erscheint außerdem auf tagesspiegel.de, splashcomics.de und im Zwerchfell-Gratis-Comic-Heft, das am Gratis-Comic-Tag 2012 in vielen Comic-Läden verschenkt wird.]