Wetter

Zu viel Regen und zu warm: Skisprung-Weltcup in Neustadt abgesagt

Johannes Bachmann

Der Neustädter Skisprung-Weltcup ist abgesagt. Das hat das Organisationskomitee am Nachmittag bekanntgegeben. Schuld ist das Wetter: Regen, milde Temperaturen und Wind.

Vorausgegangen war eine lange Besprechung mit laufenden Kontakten zum Deutschen Skiverband (DSV) und zum internationalen Skiverband (FIS). Die Wettervorhersage bis Sonntag – weiterhin Regen, milde Temperaturen und Wind – hatten jede Hoffnung zunichte gemacht.


"Der Weltcup ist abgesagt" Joachim Häfker
Der Himmel hört an diesem frühlingswarmen Dezember-Nachmittag nicht auf zu weinen. Regen stürzt sturzbachartig über den schmutziggrauen Hang der Neustädter Hochfirstschanze. Das mürbe Weiß zerfließt und damit die letzte Hoffnung auf die so sehnsüchtig erwartete Jubiläumsauflage. Zum zehnten Doppeltcup der Skispringer und der Deutschland-Premiere im Frauenweltcup wollten die Neustädter und 800 ehrenamtliche Helfer am Wochenende die weltbesten Weitenjäger im Schmiedsbachtal willkommen heißen. Wie versteinert steht Joachim Häfker dort, wo er lieber ist als in seinem Wohnzimmer. Brüchig ist seine Stimme, als er leise über die Lippen presst, was unabwendbar ist: "Der Weltcup ist abgesagt."

Kampf um den Schnee hat Tradition

Es ist ein Scheitern im Schmerz. Ein Scheitern mit Würde. Mit den Kapriolen des Himmels kämpfen die Neustädter, seit es Weltcupspringen auf der Hochfirstschanze gibt. Am 1./2. Dezember 2001 hatten Sven Hannawald und der Pole Adam Malysz den ersten Doppelweltcup im Schmiedsbachtal gewonnen, 2002 und 2003 wurden die Weltcup-Springen angesichts extremer Weißnot mit Schneetransporten gesichert: 130 Lastwagenladungen mit Schweizer Schnee vom Gotthard rumpelten damals in die Wälderstadt. Turbulente Weitenjagden folgten, begleitet von Orkanböen. Wiederholt standen Weltcupskispringen in Neustadt vor dem Abbruch – im vergangenen Winter zausten heftige Böen Zuschauer und Springer, erst nach vierstündigem Warten sprangen Richard Freitag und Andreas Wellinger in das Auge des Orkans hinein am 10. Dezember 2017 zu einem famosen Doppelsieg.

Der Kampf um den Schnee hat in Neustadt Tradition, genauso wie die Gewissheit, dass es Anfang Dezember im Hochschwarzwald jahrein, jahraus extreme Wetterlagen gibt – aber nur selten Schnee vom Himmel. Also wurde der Natur immer wieder nachgeholfen. Mit Schneilanzen. Mit Weiß aus einem an ein Riesentipi erinnernden Zelt, oder mit Schnee aus zwei schmucklosen Blechcontainern, der "Snowfactory".

"Snowfarming" macht weltweit Furore

Weil das alles nicht genug war, um ihren Weltcup wetterfest zu machen, erfanden die Neustädter um ihren fixen Generalsekretär Joachim Häfker 10.000 Jahre nach der Eiszeit den "Schwarzwaldgletscher", bunkerten im Frühjahr mit Schneilanzen produziertes und mit Styroporplatten gegen die Hitze des Sommer geschütztes Weiß. Eine auf Halde gelegte Winter-Ausfallversicherung, die heute als "Snowfarming" weltweit Furore macht. Einmal mehr hatten die Neustädter in diesem Jahr ihren Gletscher angelegt – und ernteten nach der Hitze eines Jahrhundertsommers vor zehn Tagen rund 2000 von ursprünglich 10.000 Kubikmetern Schnee von gestern. Im Auslauf spuckte derweil die Schneefabrik 500 Kubikmeter Eisplättchen aus. "Das reicht", befand Häfker. "Der Weltcup ist gesichert."

Das war vor einer Woche. Ein Versprechen voller Vorfreude, gespeist aus der Euphorie jahrelang mit Bravour gewonnener Kämpfe um den Schnee und den Weltcupstandort Neustadt. Doch der Himmel spielte nicht mit. Zweistellige Plusgrade und Starkregen weichten am Wochenende den mühsam auf dem Aufsprunghügel verteilten Altschnee auf – zweimal rutschten insgesamt 400 Kubikmeter der patschnassen Gleitschicht ab, rissen den Pistenbully mit in den Auslauf und hinterließen klaffende grüne Lücken. In Handarbeit schafften die Neustädter am Samstag und Sonntag in doppelter Nachtschicht das Weiß wieder auf den Hang.

"Alles im grünen Bereich", meldete Joachim Häfker am Sonntagabend. Doch der Regen fiel weiter. Fast ohne Unterlass, bei hartnäckig hohen Plusgraden. 43 Liter pro Quadratmeter durchnässten in der Nacht auf Montag das Weiß im Schmiedsbachtal. Doch Häfker blieb unerschütterlich. Am Montagabend saß er bei der Landesschau des SWR zur besten Fernsehzeit auf dem roten Sofa in Stuttgart und strotzte vor Zuversicht. "Am Donnerstag sichern wir noch den Hang und dann ist alles bereit für den Weltcup", versprach Häfker und lachte. 20 Stunden später ist alle Fröhlichkeit dahin. Häfker ringt um Fassung: "Der Weltcup ist abgesagt." Einen Ersatztermin gibt es nicht.
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