Zu laut? Anwohner kämpfen gegen die "Bar Erika"

Steve Przybilla

Ärger um die "Erika-Bar": In der Kartäuserstraße kämpfen Anwohner gegen die Raucherkneipe, die in die ehemalige "Zille-Stube" gezogen ist. Die Nerven liegen auf beiden Seiten blank. Das Amt für öffentliche Ordnung zögert mit einer Entscheidung. Was da los ist:



Sie haben alles versucht. Unzählige Anrufe beim Amt für öffentliche Ordnung. Beschwerdebriefe, E-Mails, Rufe aus dem Fenster. Sogar eine Anti-Ruhestörungs-Fahne hängt am Fenster, genau wie neuerdings an vielen Häusern in der Innenstadt. Bisher aber haben die Anwohner der Kartäuserstraße 54 noch nichts erreicht. Der Streit, der in dem Altbau schwelt, weist erstaunliche Ähnlichkeiten mit Diskussionen im "Bermuda-Dreieck" der City auf. Es geht, wie so oft, um Partylärm.


Tobias Kurzeder
findet drastische Worte. "Das Wohnen hier ist die Hölle", sagt der 38-jährige Familienvater, der zusammen mit seiner Frau und drei kleinen Kindern im Haus lebt. Das Problem: Die neuerdings im Keller beheimatete "Bar Erika" raubt den Anwohnern den Schlaf. "Wir sind bewusst hier hingezogen, weil das eben nicht die Innenstadt ist", bekräftigt Christiane Dalcolmo (38). Die Mutter eines drei Jahre alten Mädchens wohnt ebenfalls im besagten Haus, genau über dem Eingang der Bar. Sie berichtet: "Seit dort der Betrieb läuft, können wir kein einziges Mal das Fenster aufmachen – und trotzdem kriegen wir keinen Schlaf."

Anwohner dokumentieren die Partynächte

Akribisch haben die Anwohner dokumentiert, was sie an der beliebten Szenekneipe stört: zu laute Musik, Live-Konzerte (die laut aktueller Konzession nicht zulässig sind), aus ihrer Sicht unzumutbare Öffnungszeiten. Wie in Freiburg üblich, darf die Bar Erika unter der Woche bis 3 Uhr und am Wochenende bis 5 Uhr öffnen. Fotos, die die Anwohner gemacht haben, zeigen den Innenhof des Hauses nach einer Partynacht: Zigarettenstummel, Bierflaschen und Erbrochenes. "Es ist nicht so, dass wir es hier mit Chaoten zu tun hätten", sagt Dalcolmo. "Aber selbst wenn die Leute im Innenhof leise reden, hört man drinnen jedes Wort."

Schon immer wurde das Untergeschoss gewerblich genutzt. Jahrelang war die "Zille-Stube" in der Kartäuserstraße beheimatet – laut altem Namensschild ursprünglich übrigens eine "Musik- und Kellerkneipe". Danach folgte das Restaurant "Chezfine", das gehobene Küche anbot. Im August hat schließlich die "Bar Erika", eine Raucherkneipe, aufgemacht. "Die anderen Lokale haben uns nie gestört", sagt Christine Bügel (71), die seit 1977 im Nachbarhaus wohnt: "Da war immer spätestens um 23 Uhr Schluss." Laut Amt für öffentliche Ordnung ging aber auch gegen die Zille-Stube eine Beschwerde ein, und zwar 2006.



Die Nerven liegen blank

Ein paar Etagen tiefer, im Kellergeschoss, liegen die Nerven ebenfalls blank. Bar-Pächter Klaus Henning (44) sagt, er sei extra von der Leo-Wohleb-Straße umgezogen, um in einem gut isolierten Kellergewölbe Ruhe vor Anwohnerklagen zu haben. Passiert ist das Gegenteil. "Die Nachbarn haben sich schon beschwert, bevor wir überhaupt aufgemacht hatten", sagt Henning – eine Aussage, die das Amt bestätigt. "Dabei machen wir kein Halligalli", so Henning, "die Musikanlage ist aus unserer Wohnung, die geht überhaupt nicht laut."

Henning fühlt sich in seiner Existenz bedroht. Fast jedes Wochenende riefen die Anwohner die Polizei, die aber immer unverrichteter Dinge wieder abziehe: "Die merken doch auch, dass hier alles in Ordnung ist. Aber die Kunden werden vergrault, wenn ständig die Polizei im Haus ist."

Der Wirt hat nun seinerseits damit begonnen, Unterschriften zu sammeln. Schon mehrfach hätten Nachbarn die Gäste beim Verlassen der Bar angepöbelt. "Man wird sich doch noch verabschieden dürfen", sagt Henning, der sich zu Unrecht an den Pranger gestellt fühlt: "Hier grölt keiner." Und wenn mal jemand auf dem Klavier klimpere, sei das noch kein Konzert. Als Reaktion auf die Proteste wolle er nun aber gar keine Live-Musik mehr anbieten. Um zu beweisen, dass sich der Lärmpegel im Rahmen bewegt, habe er ein Schallschutzgutachten in Auftrag gegeben – eine Auflage, die das Amt für öffentliche Ordnung ohnehin erteilt hat. Die Frist dafür läuft nächsten Freitag ab.

Ob das die festgefahrene Situation entkrampft, darf dennoch bezweifelt werden. "Dieser Ort ist für solche Kneipen einfach nicht geeignet", sagt Anwohner Kurzeder, "das Haus ist zu hellhörig."

Das sagt das Amt für öffentliche Ordnung

Rechtslage: In Freiburg dürfen Kneipen unter der Woche bis 3 Uhr morgens und am Wochenende bis 5 Uhr öffnen. Das Amt für öffentliche Ordnung kann die Sperrzeiten im Einzelfall weiter einschränken.

Einschätzung der Situation: Laut Amt war ein Mitarbeiter der Behörde schon insgesamt drei Mal inkognito vor Ort. Zu viel Lärm oder Live-Musik habe es bei diesen Besuchen nicht gegeben. Die Polizei allerdings habe einmal einen Klavierspieler ertappt, der an einem Mittwochabend gegen 23.40 Uhr Musik machte.

Konsequenzen: Derzeit läuft ein Bußgeldverfahren, nachdem ein Nachbar den Bar-Betreiber angezeigt hat. Ob und wie die Öffnungszeiten eingeschränkt werden, hängt laut Amt für öffentliche Ordnung unter anderem von den Ergebnissen des Schallgutachtens ab.

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[Foto: Thomas Kunz]