Zu jung für die Uni?

Benedikt

Bei Benedikt war alles mehr als perfekt: Mit 17 Abi, dann an die Uni und ins eigene Leben. Aber auf die Herausforderungen, die dort auf ihn warteten, hatte ihn scheinbar keiner vorbereitet. Sein Erfahrungsbericht:



Mai 2009: Abi mit 17 klingt erstmal verrückt. Als Wunderkind oder Überflieger fühlte ich mich nie (Bild rechts). Die Schule fiel mir zwar nie schwer, aber ich war auch kein typischer Musterschüler. Nach dem Abi und der gesundheitsbedingten Ausmusterung war mein Entschluss klar: so schnell wie möglich studieren!


Die Suche nach einer passenden Uni hatte ich schon im Herbst 2008 begonnen und so stand schnell fest, dass ich, ohne weitere Zeit zu vergeuden, ein Wirtschaftsstudium in Fribourg (Schweiz) beginnen würde. Während viele meiner Freunde und Stufenkollegen ihren Zivildienst ableisteten oder auf Reisen gingen, wählte ich also schnurstracks den Weg in die Hörsäle. Warum eigentlich?

Ein FSJ oder Auslandsjahr stand für mich nie zur Debatte. Zu gering erschien mir damals der Ertrag und Wert eines solchen Aufenthalts für meinen Lebenslauf - ein unnötiger Umweg auf dem Weg an die Uni und ins Berufsleben. Zu keinem Zeitpunkt war mir der enorme Wert von ersten Arbeitserfahrungen bewusst. Auch wenn mir meine Eltern und diverse Berufsberater dies einzubläuen versuchten.

September 2009: Ich wurde 18 und begann das Studium – eigentlich ohne das, was man Lebenserfahrung nennt. Schnell stellte ich fest, dass nicht alles reibungslos lief. Bereits die Wohnungssuche gestaltete sich schwierig. Als Neuling in der Uni-Welt und in einer mir fremden Stadt suchte ich nach Anschluss, nach einer Wohngemeinschaft, die mir helfen sollte, mich zurechtzufinden. Doch wer nimmt schon einen 18-Jährigen in seine WG?

Innerhalb weniger Wochen sammelte ich fünf Absagen; schließlich bekam ich ein Zimmer in einem Wohnheim. Auch mein Schulfreund Philipp (Bild unten links), der genauso wie ich den direkten Weg von der Schule an die Uni gewählt hatte, blieb auf der Suche nach einer WG glücklos und fand schließlich mit Unterstützung seiner Eltern eine eigene Wohnung in Mannheim. Eines galt für uns beide: Die Integration fällt schwerer, wenn man nur in Vorlesungen Kontakt zu Kommilitonen hat.

Völlig unerfahren im Führen eines Haushalts war ich von der Doppelbelastung Studium/Haushalt naiverweise überrascht und überfordert. Philipp war diese Problematik fremd: „Die ersten Monate in Mannheim waren großartig. Endlich ohne Eltern, ohne dauernde Kontrolle.“

Doch nach diesen ersten Wochen fingen die Probleme auch bei ihm an. Das von ihm gewählte Studienfach Unternehmensrecht ist trocken, sehr trocken. Ohne Umschweife werden dicke Gesetzesbücher vorgestellt und den Erstsemestern zum Auswendiglernen ausgehändigt. Das „ Verstehen und Lernen“-Konzept, was uns in der Schule vertraut geworden war, wich einem sturen Pauken. Theorien und Konzepte zu verstehen war nicht mehr wichtig; in den ersten Prüfungen wurde eher nach dem Wortlaut eines Theoriebuches als nach der eigentlichen Funktionsweise des Konzepts gefragt.

In meinen Wirtschaftskursen machte ich eine ähnliche Erfahrung. Die Namen der relevanten Wissenschaftler zu kennen wurde wichtiger als der Inhalt seiner Artikel, das Erscheinungsdatum wichtiger als der Zusammenhang mit dem restlichen Stoff. Nun liegt die Argumentation nahe, dass das Lernen an der Uni nun mal anders sei und somit auch die Anforderung an die Studenten anders ist als in der Schule. Dies will ich gar nicht bestreiten. Problematisch war in meinem Fall aber, dass es mich in den Prüfungen so unerwartet traf. Details wurden abgefragt, die ich, noch im alten Lernmodus verharrend, nicht parat hatte. Auf diese Umstellung fühlte ich mich nicht richtig vorbereitet. Bis auf eine Stadtführung und einen Stundenplan war die Unterstützung durch die Uni sporadisch und nicht besonders hilfreich.

Während Philipp seine Zelte in Mannheim bald wieder abbrach und zurück nach Freiburg zog, um seinen Wehrdienst abzuleisten, machte ich den Fehler, nach schlechten Prüfungsergebnissen mit einem „Jetzt erst recht!“ auf den Lippen weiterzumachen. Mir erschien das Studium immer noch sinnvoll, der Abschluss immer noch erstrebenswert. Doch zum unpassenden Fach mischte sich nun auch Frustration über mein Abschneiden.

Mir fiel es immer schwerer, mich sozial zu integrieren und seriös für das Studium zu arbeiten. Im Herbst 2010 zog ich die Reißleine. Ich brach das Studium ab und zog zurück nach Freiburg. Wie Horst Schulte-Würth, Berufsberater im Hochschulteam der Agentur für Arbeit in Freiburg, weiß, ist diese Art von Überbelastung kein Einzelfall. Die Zahl solcher Fälle nimmt zu: „Bei einer Befragung nach den Gründen für ihren Studienabbruch 2008 nannten 31 Prozent Überforderung. 2000 gaben noch lediglich 20 Prozent diesen Grund an.“

Mir stellt sich in beiden Fällen die Frage, ob die Zeit zwischen Abitur und Studienbeginn lang genug war, um eine fundierte Entscheidung zu treffen - ob man in diesem Alter überhaupt schon reif genug ist, eine so weitreichende Entscheidung zu treffen. Ohne groß nachzudenken, hatten Philipp und ich uns beworben; ohne uns genau über das Fach zu informieren, hatten wir es ausgesucht und waren auf die Schnauze gefallen. Horst Schulte-Würth: „An die Zumutungen, die diese Beschleunigung für die Jugendlichen bedeutet, ist kaum gedacht worden. Ich glaube, dass vielen Jugendlichen die Zeit für Erfahrungen außerhalb des Schulsystems fehlen wird.“

Doch auch wenn der Sprung auf die Uni gelingt, kann den Absolventen der Einstieg ins Arbeitsleben sehr schwer fallen, da ihnen einfach die Erfahrung fehlt. Noch einmal Schulte-Würth: „Selbst Personalmanager beklagen manchmal die allzu glatten, stromlinienförmigen Lebensläufe der Bewerber.“

Ein Jahr Pause, ein Jahr des Luftholens, des Nachdenkens kann helfen. Es kann auch ein Jahr des Reifens sein, in dem man sich von zu Hause löst.

Mittlerweile ist Frühjahr 2011 und während Philipp seine Bundeswehrzeit zu Ende bringt und über eine Verlängerung nachdenkt, bin ich auf der Suche nach einem FSJ-Platz. Ich sehe die Zeit in Fribourg inzwischen nicht mehr als Verschwendung an, doch ich bin der Meinung, dass es wichtig ist, nicht nur den Erfolg zu feiern, sondern auch das Scheitern als Chance zu sehen, als Chance sich weiterzuentwickeln und vielleicht auch als Chance, einfach mal etwas auszuprobieren.

Mehr dazu:

  [Bild 1: Fotolia; Bild 2 & 3: privat]