Freiburg

Zu Besuch in einer inklusiven WG in der Schwarzwaldstraße

Anja Bochtler

Im einem Dachgeschoss an der Schwarzwaldstraße lebt eine von drei inklusiven WGs der Caritas.

Montagabends setzen sie sich zusammen und besprechen, was anfällt. Und natürlich gibt’s bei ihnen Putzpläne und Spieleabende – so wie in den meisten WGs. Trotzdem sind sie in Zeiten der überall geforderten Inklusion immer noch was Besonderes: Miriam Gwosch (22), Christian Andris (19), Alina Schulz (23) und Philong Nguyen (23) leben in einer von drei inklusiven WGs für Menschen mit und ohne Behinderungen in Freiburg, die von der Caritas begleitet werden. Die anderen zwei sind in Weingarten und St. Georgen.


Abends in der Küche treffen sich die vier meistens

Barrierefrei ist es hier nicht: Es geht dreieinhalb Stockwerke hinauf ins Dachgeschoss in dem Haus an der Schwarzwaldstraße, wo vor zehn Jahren die damaligen WG-Bewohner eingezogen sind. Deshalb leben dort immer nur Menschen mit Handicaps beim Lernen und niemand mit Körperbehinderung, sagt Martin Danwerth. Er ist bei der Caritas für ambulante Dienste für Menschen mit Behinderung zuständig. Barrierefreie Wohnungen, die bezahlbar sind, gebe es in Freiburg so gut wie überhaupt nicht, sagt er.

Meist kriegen sie schon morgens irgendwas voneinander mit, auch wenn sie nicht gemeinsam frühstücken – doch zurzeit stehen zumindest alle in der WG zu einer ähnlichen Zeit auf: morgens zwischen 7 und 8 Uhr. Philong Nguyen ist meist der Erste, er arbeitet in der Küche in St. Konrad, einem Haus der Caritas für Menschen mit Handicaps. Dort fängt er um 8 Uhr an und hilft, täglich 1400 Essen vorzubereiten. Miriam Gwosh studiert Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule, sie geht morgens früh in die Bibliothek, um zu lernen. Ähnlich geht es Alina Schulz, die Lehramt an der Pädagogischen Hochschule studiert.

Bei Christian Andris wechseln die Arbeitszeiten: Er arbeitet in der Gaststätte vom Hofgut Himmelreich und fängt mal um 9 Uhr und mal nachmittags an. Zurzeit macht er ein Praktikum in der Jugendherberge in Littenweiler, dort ist er in der Küche und beim Putzen der Zimmer im Einsatz. Meist begegnen sich die vier dann irgendwann abends in der Küche. Wenn Christian Andris Spätdienst hat oder man sich aus anderen Gründen eine Weile nicht sieht, gibt’s andere Möglichkeiten, sagt Alina Schulz: "Dann klopfen wir eben mal an der Zimmertür."

Montags findet die WG-Besprechung statt

Philong Nguyen ist derjenige, der am längsten in der WG wohnt – er hat schon mehrere Mitbewohner miterlebt, seit er vor vier Jahren eingezogen ist. Davor hat er bei seinen Eltern gelebt. Am Anfang musste er sich an die anderen gewöhnen, erzählt er. Doch seitdem gefällt es ihm gut. Wenn Mitbewohner wieder ausziehen, ist er zuerst traurig – auch wenn er sich auf die Neuen, die nachkommen, freut. Alle in der WG sind im typischen WG-Alter. Später würden die meisten lieber allein wohnen, ist die Erfahrung von Martin Danwerth – egal, ob sie ein Handicap haben oder nicht.

Christian Andris hat früher in einem Wohnheim gewohnt, bevor er im Herbst 2017 in die WG zog: Er sehnte sich nach mehr Ruhe, davon gab’s zu wenig in der zehnköpfigen Wohngruppe im Heim. In der WG hat er sich schnell eingelebt. Vor allem am Anfang kamen Christine Györfi und ihr Kollege oft vorbei: Sie sind die Bezugsbetreuer für Christian Andris und Philong Nguyen. Die beiden unterstützen bei allem, beim Einkaufen und Geld-Einteilen oder bei Arztbesuchen. Einer der beiden nimmt auch an den WG-Besprechungen montags teil.

Vor zehn Jahren hatte sich der private Vermieter der Wohnung auf ein Inserat der Caritas gemeldet. Im vergangenen Jahr wurde die Wohnung verkauft, die Bewohner waren erleichtert, dass mit dem neuen Besitzer alles gut weiterging. Miriam Gwosch und Alina Schulz leben hier günstig: Sie bezahlen nur jeweils 54 Euro für die Betriebskosten. Die 300 Euro Kaltmiete, die eigentlich anfallen würden, fallen weg, weil die beiden als Assistentinnen für ihre zwei Mitbewohner einen Minijob bei der Caritas haben, die als Bezahlung den Betrag übernimmt.

Auf diesem Weg ist Miriam Gwosch im vergangenen Spätsommer auf die WG gestoßen. Sie suchte einen Nebenjob – und weil sie bei der Caritas bereits ehrenamtlich mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet hatte, schaute sie die Caritas-Angebote durch. Drei Monate später fand im Dezember 2017 noch Alina Schulz dazu, die Miriam Gwosch kannte und von ihr von der WG gehört hatte. Sie war vorher im gleichen Bereich wie Miriam Gwosch ehrenamtlich engagiert.

Doch auch wenn rund 60 Prozent der bisherigen Bewohner ohne Behinderung etwas Soziales studierten, ist das keine Voraussetzung, betont Martin Danwerth: "Wichtig ist nur, dass die Motivation stimmt." Anders als die Bewohner mit Handicap dürfen die Assistentinnen aber nur zwei Jahre in der WG bleiben – wegen des Teilzeitbefristungsgesetzes.