Zu Besuch bei der Alemannia Verbindung in der Wiehre

Doreen Fiedler

Die Alemannia Verbindung im Eckhaus Günterstal- / Lorettostraße feiert ihr 150-jähriges Bestehen. Hier sieht man Mitglieder aus drei Generationen (von links): Alexander Giersz, Michael Frerk und Günther Voss. Sie haben uns erklärt, wie es früher war und wie es heute ist.



Einst wurde gefochten, heute spielen sie Fußball. Früher hatten die Burschen eine Köchin im Haus, heute gehen sie ins Restaurant. Und mittlerweile können auch ausländische Studenten, die Deutsch sprechen, Mitglied werden. Vieles hat sich bei der Burschenschaft Alemannia in den vergangenen 150 Jahren gewandelt. Doch die lebenslange Verbundenheit als Prinzip bleibt – noch immer im Sinne des alten Wahlspruchs: "Auf ewig ungeteilt”. Frauen werden nach wie vor nicht in die Alemannia aufgenommen.


Unter der hohen Eingangstür der Villa an der Ecke Günterstal-/Lorettostraße im Stadtteil Wiehre grüßt ein junger Bursche, das blau-weiß-grüne Band der Alemannia über der Brust. Auch die beiden Alten Herren, die nach dem Studienabschluss ihren Bundesbrüdern verbunden bleiben, erscheinen mit ihrem Identitätssymbol zum Interview. Man nimmt in der hauseigenen Bibliothek Platz, während draußen vor dem herrschaftlichen Ziegel-Fachwerkhaus die Fahne der Verbindung flattert.

Das Wort ergreift Günther Voss (74), der in den 1950er Jahren aktiver Burschenschaftler war. Der Jüngste in der Runde schenkt Getränke aus. Voss erzählt, wie am 26. Juni 1860, also morgen vor 150 Jahren, zunächst ein "akademischer Verein” gegründet worden war, wie die Alemannia 1871 eine Burschenschaft wurde und wie man 1911 schließlich das schöne Verbindungshaus übernahm. Wie in Burschenschaften üblich sei damals gefochten worden. "Die Mensur mit scharfen Waffen war noch zu meiner Zeit ein Muss. Etwa 1967/68 kam ein Bruch und die damaligen Aktiven fanden, dass die Pflichtmensur nicht mehr zeitgemäß sei”, erzählt Voss.

Während die meisten Burschenschaften auch bis heute am Pflichtfechten festhalten, wird bei den Alemannen fakultativ gefochten. "Die Begeisterung bei uns ist nicht so hoch”, sagt Alexander Giersz (20), der seit 2009 zur Alemannia gehört und lieber mit den anderen Burschen am Sonntag Fußball spielt. Einige wenige der jungen Aktiven gingen allerdings zu einer anderen Verbindung, um das Fechten zu lernen.



Immer wieder betonen die Alemannen, dass sie einem liberalen Dachverband nahestehen und sich geöffnet haben. "In den 70er Jahren gab es eine Riesendiskussion darüber, ob wir Ausländer und Wehrdienstverweigerer aufnehmen dürfen”, sagt der 51 Jahre alte Michael Frerk. Seitdem könne jeder ordentliche Freiburger Student Alemanne werden, unabhängig von seiner politischen Einstellung und Herkunft – solange er kein Extremist sei. Die Alemannia verließ in den 1990er Jahren auch den Verband "Deutsche Burschenschaften", der als rassisch-völkischer Dachverband gilt und nur "Volksdeutsche" als Mitglieder aufnimmt. Frerk bedauert sehr, dass es rechtsextreme Burschenschaftler gebe und dadurch oft alle Verbindungen in die rechte Ecke gerückt würden. Nach Angaben des Verfassungsschutzes wird jedoch in Freiburg – wie übrigens in ganz Baden-Württemberg – keine Burschenschaft beobachtet.

Frauen werden bei der Alemannia nach wie vor nicht aufgenommen. "Hier wird bewusst ein Raum geschaffen, in dem Frauen ausgeschlossen sind. Das widerspricht diametral unserer Gesellschaft", kritisiert Clemens Weingart, der jahrelang als Student in Gremien der Hochschulpolitik aktiv war. Die Männer würden in den Bünden stark geprägt und bestimmte Geschlechterbilder weitergeben. Reine Männerverbindungen sind keine Ausnahme. Von den rund dreißig aktiven Freiburger Verbindungen sind nur drei gemischt geschlechtlich, außerdem gibt es eine reine Damenverbindung. "Ich frage mich allerdings auch: Wie viele Studentinnen würden eine Mitgliedschaft anstreben? Ist das wirklich ein Thema?”, fragt Günther Voss und berichtet weiter, dass die Ehefrauen und Partnerinnen nicht nur zu vielen Veranstaltungen der Alemannia kommen dürfen, sondern sie häufig auch mitorganisierten. Weingart sieht das anders: Frauen seien oft nur schmückendes Beiwerk bei den Festen; wirklichen Einfluss hätten sie nicht.

Das Haus ist auch ohne Frauen voll, denn Nachwuchssorgen kennen die Alemannen momentan nicht. Sechzig Wohnungsbesichtigungen für die nur 75 bis 150 Euro teuren neun Zimmer hätten sie im vergangenen Semester gehabt, erzählt Alexander Giersz. Dabei bestreitet er, dass der Gedanke an Seilschaften und Hilfe bei der Jobsuche ein Kriterium für ihn gewesen seien. "Diese Zeiten sind vorbei. Wenn man sich heute die Einstellungsprozesse in der Wirtschaft anschaut, ist das nicht mehr wie früher, als ein Schmiss auf der Backe als Eintrittskarte galt”, bestätigt der Urologe Frerk, in dessen medizinischer Laufbahn die Burschenschaft nie eine Rolle gespielt habe. Dem setzt Burschenschaften-Kritiker Weingart entgegen, dass zumindest Praktika und Vorstellungsgespräche sowie wichtige Kontakte sehr wohl vermittelt würden.

Die Burschen betrachteten sich als gesellschaftliche Elite. "Alle elitären Gruppen haben ihre Errungenschaften stets auf Leistung zurückgeführt und nicht darauf, dass sie protegiert werden. Das war schon bei den Adligen in der Standesgesellschaft so", sagt Weingart. Dieses Elite-Denken sei wieder gesellschaftsfähig. Man dürfe nicht vergessen, dass solch eine Gruppe Sicherheit verschaffe in einer momentan sehr unsicheren und schnelllebigen Welt.



Michael Frerk betrachtet seine Bundesbrüder eher als große Familie. Durch fächerübergreifende Mitgliedschaften lernten die Alemannen auch, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Momentan fänden sich Burschen der Zahnmedizin, Pharmazie, Geo- und Umweltwissenschaften, Chemie, Physik, Jura und VWL. Gab es jemals Philosophen, also Freigeister? "In meiner Zeit hatten wir einen”, erinnert sich Frerk nach längerem Überlegen. "Der ist mittlerweile bei der Deutschen Bank gelandet.”

Dieser Artikel ist heute in der Badischen Zeitung erschienen. Fotos: Rita Eggstein    

Mehr dazu: