ZMF Klavier-Recital: Der perfekte Schwiegersohn am Klavier

Manuel Lorenz

Der israelisch-palästeninensische Pianist Saleem Abboud Ashkar spielte gestern Mittag im Spiegelzelt auf dem ZMF Haydn, Schubert und Chopin. Manuel war für fudder dabei.

  Eigentlich müssten die Leute ins Spiegelzelt strömen, als würde ein neuer Media Markt eröffnet. Tun sie aber nicht. Bei bestem Wetter ist der Laden gerade mal halb voll. Professoren, Ärzte und andere Hochkultouristen kämpfen höflich um Plätze mit Tastenblick; Menschen unter 40 sucht man genauso vergeblich wie die gefürchtete Husten-Guerilla der Abo-Konzerte.


In der zweiten Reihe sitzt der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau, dem ZMF-Gründer Alexander Heisler „von Freund zu Freund“ mehr Worte widmet als dem eigentlichen Hauptakt: Saleem Abboud Ashkar.

Wie nebenbei betritt der israelisch-palästinensische Pianist die Bühne, setzt sich an den Yamaha und spielt sogleich Haydns D-Dur-Sonate Hob. XVI. 37. Schon im fröhlichen Kopfsatz beeindruckt er mit Genauigkeit, die nicht mechanisch wirkt und präsentiert sich als exzellenter Techniker. Seine bedachte Zurückhaltung im zweiten, langsamen Satz lässt das Publikum gespannt den Atem anhalten. Vögelgezwitscher und Kinderstimmen dringen ins Zelt und vermischen sich mit tropischer Luft. Im Finale taucht Abboud Ashkar dann vollkommen ab.



Noch lässt er aber die vier Winde nicht los. Beethovens Sturmsonate (Nr. 17 d-Moll op. 31 Nr. 2) gibt er temperamentvoll aber beherrscht. Unglaublich, wie nuancenreich der Tasten-Fakir zaubert! Es scheint, jede Graustufe sei exakt definiert. Das Adagio gerät zur geistreichen Analyse. Überlegt aber gefühlvoll stellt er jeden Ton an seinen Platz. Ohne belehren zu wollen, erklärt uns Abboud Ashkar die wunderbare Welt des großen Ludwig van.

Wie der perfekte Schwiegersohn sieht er dabei aus: das graue Hemd ZMF-mäßig aus der Hose, die angedeutete Künstlermähne sauber gescheitelt und die Brille als Beweis seiner musikalischen Gelehrsamkeit. Wenn er sich dann verbeugt, tut er’s schüchtern, als hätte ein anderer den Applaus verdient. Ein sympathischer Musiker, ganz ohne Allüren. Und vielleicht gerade deshalb immer noch ein Geheimtipp.



Kein Schnösel, der unter derart widrigen Verhältnissen nicht auftritt; cool, wenn er die Sirene eines Krankenwagens nicht verklingen lässt, sondern dessen ungeachtet Schumann anstimmt. „Kinderszenen“ going Portishead. Schweiß, Hitze, Lärm, Dreck. Alltag, aus der jene Kunst einst entstand. Klassische Kultur fernab der Verblendung. Selten so etwas Frisches erlebt.

Hier, bei Schumann, lotet Abboud Ashkar noch einmal sein vielfältiges Können aus: kindliche Unbefangenheit („Bittendes Kind“), erwachsene Desillusion („Glückes genug“), behutsame Sehnsucht („Träumerei“), vorübergehende Unbesorgtheit („Am Kamin“), aufbegehrende Pubertät („Ritter vom Steckenpferd“) und tiefromantischer Weltschmerz („Fast zu ernst“). Immer wieder überrascht der spitzbübische Klavierschüler dabei, lässt schmunzeln und lachen, sinnieren und weinen.

Aber Chopin? Das kann nicht funktionieren. Zu kontrolliert war’s bisher. Doch das weiß Abboud Ashkar. Der Körper muss mit, denn Geist reicht hier nicht. Kopf, Rumpf, Arme, Beine – gelobt sei Little Richard! Endlich ist es soweit und Dionysos spielt. Und fast wie beim Boxen regnet’s laut Schweiß und Blut. Am Ende, nach zwei Balladen (Nr. 3 und 4), rückt der Virtuose seine Brille zurecht, spielt als Dreingabe Schumann und verschwindet dann still. Was bleibt ist das Staunen.

Und der Staub auf den Schuhen.