Zimmersuche in Freiburg: "Leider haben wir dich nicht genommen"

Meike Riebau

Vor einem Jahr noch war Meike als Casting-Agentin unterwegs, um einen Nachfolger für ihr Zimmer zu finden. Jetzt, nach ihrer Rückkehr aus Spanien, findet sie sich selbst in der Position der Bittstellerin wieder. Eine Odyssee durch die Freiburger WG-Landschaft.



Beuteschema

Den Blick von Thomas kenne ich. Genauso habe ich vor einem Jahr auch Janina, Simon und Thorsten gemustert, als ich mein altes Zimmer weitervermieten wollte. Es ist eine Mischung aus Genervtsein und angestrengter Freundlichkeit.

Und jetzt sitze ich hier und muss dieselben blöden Fragen nach Kaution, Nebenkosten und Internetanschluss stellen und soll, bitteschön, auch noch etwas über mich erzählen, am besten alles, die letzten 22 Jahre in zwei Minuten locker-flockig zusammengefasst, damit auch alle noch was zu lachen haben.

Irgendwie ist so ein WG-Casting ja das härteste Vorstellungsgespräch der Welt. Bei dem WG-Gespräch breitet man vor genauso fremden Menschen sehr viel persönlichere Dinge aus und im Job-Gespräch sind manche Fragen zumindest arbeitsrechtlich verboten. Da es in Freiburg so viele suchende Studenten gibt, ist das Beuteschema bei zu vielen zu ähnlich: 20 qm, Altbau, 200 Euro. Was leider völlig illusorisch ist.



Tag 1

„Wir betrachten uns hier als Lebensabschnittsgemeinschaft“, sagt Thomas zur Einleitung augenzwinkernd. Lebensabschnittsgemeinschaft, ich dachte ja eigentlich, das Wort sei seit den späten Neunzigern verboten. Aber gut, „erstmal alles angucken, ich kann ja immer noch gehen“, denke ich.

Falsch, habe ich mittlerweile gelernt. Wenn es schon so anfängt, sollte man sofort umdrehen, und nicht, so wie ich, noch um jeden Preis versuchen, einen guten Eindruck zu machen. In der folgenden Viertelstunde werde ich von jedem der Vier daraufhin verhört, ob wir gemeinsame Hobbies haben („Ach du gehst manchmal joggen – das machen Anneliese und Thomas auch immer zusammen.“); mir wird erzählt, dass man auch gerne mal gemeinsam in den Urlaub fährt.

Weiter geht's mit Gemüsetütenvorlieben und dem traditionellen, gemeinsamen Kreuzworträtsellösen jeden Mittwochabend. Ich hätte wirklich sofort gehen sollen. Auf dem Rückweg werde ich von Jugendlichen angepöbelt – für heute reicht es mir erstmal, und in Haslach wird meine neue WG wohl nicht sein.



Tag 2

Die Wohnung klingt traumhaft. „25 qm, Parkett, Altbau, große Wohnküche, Wohnzimmer, 2 Balkone, Innenstadt“. Und dann treffe ich dort auch noch diesen alten Bekannten, den ich auch seit einem Jahr nicht mehr gesehen habe. Nett war es, ihn wieder zu sehen. Aber seine Mitbewohnerin, die gerne sofort ihr komplettes Seelenleben ausbreitet, sich "gerade beruflich neu" orientiert und „dabei das Leben ganz neu" ordnet.

Wir haben zwar erst wenige Sätze gesprochen, doch sogleich meint sie von mir zu wissen, dass ich "ein sehr organisierter Mensch" sei. Aus ihrem Mund klingt es so, als sei das etwas Negatives. Aber jut, jeder Jeck is anders, und deshalb bleiben wir lieber in unterschiedlichen Wohnungen anders.

Weiter geht es noch am selben Tag mit der symphatischen Dreimann-WG in der Wiehre. Die Wohnung ist fast so traumhaft wie die vorige und anfangs lief auch alles ganz passabel. Es gab guten Kaffee und leckeren Kuchen. Am nächsten Tag allerdings finde ich in meinem studivz-Account folgende Nachricht: „Leider haben wir dich nicht genommen, aber mit dir als Mitbewohnerin könnte ich wahrscheinlich eh kein Auge zutun.“

Da war ich ganz froh, dass es nicht geklappt hatte. Haben sich die Leute eigentlich schon vor der Existenz von Studiverzeichnis solche Dinge getraut? Das wüsste ich mal gerne.



Tag 3

Erneut ein Studiverzeichnis-Erlebnis. Ich komme in die Wohnung, die in einem Internetinserat stand. Zunächst ist alles sehr nett. Der erste Satz allerdings, in dem es nicht um Miete oder Telefonkosten geht, lautet: „Du kennst doch den Christian, oder? Aus Bonn?“ Den kenne ich wirklich. Die Tatsache, dass mein Gegenüber ein bisschen im studivz unterwegs war, um seine Kandidaten zu überprüfen, gehört ja anscheinend fast zur Regel. Auch, wenn es keiner offen zugibt und alle über die „bösen Stalker“ schimpfen. Wobei ich es ja schon etwas merkwürdig fand, dass auf dem Zettel später „Meike, Jura, Christian“ stand. Da habe ich wohl keinen allzu bleibenden Eindruck hinterlassen.

Apropos Jura. Interessant ist ja, wie man Sympathiepunkte sammeln und verlieren kann. „Ich heiße Meike und studiere Jura“, ist zum Beispiel ganz schlecht. „Ich heiße Meike und komme gerade aus dem Ausland zurück“, schon besser. „Ich heiße Meike, komme ursprünglich aus Köln und war gerade in Spanien“, macht einen geradezu zum Hit.



Tag 4

Die neue Zypresse ist da. Ich mache mich wieder ans Kringeln und Anrufen. Manchmal bin ich ganz froh, dass ich kein Mann bin und gar nicht erst in Versuchung komme, bei einer dieser Anzeigen anzurufen: „25 qm, Wiehre, DSL Flat, eigene Bibliothek an männlichen christlichen Studenten für 200 Euro."



Tag 5 und 6

Mittlerweile habe ich schon gar keine Lust mehr, zu suchen. Die nächsten WGs sind alle ganz nett, aber relativ teuer. Mittlerweile habe ich noch drei weitere Bekannte in WGs getroffen. Die Suche artet immer mehr zu einer „Getting to know Freiburg once more"-Tour aus. Aber irgendwie habe ich jetzt doch keine Lust mehr, in einer gerade gegründeten 7-Mann WG zu leben. Auch wenn die Wohnung unglaublich war; 240 qm Wohnfläche, das muss man erstmal haben, und alles wird gerade renoviert.

Da gab es allerdings auch riesige Unterschiede in der Zimmergröße: 11 qm das kleinste und 36 Quadratmeter das größte. Wobei ich mich frage, was jemand mit einem 36 qm großen Zimmer will. Minigolfspielen?

Eine andere WG wiederum war sehr nett, allerdings finde ich 340 Euro für 15 qm hinter dem Hauptfriedhof einfach zu viel. Meine Freunde fangen an, sich über mich lustig zu machen. Selbst bei dem Zimmer, das ich letztlich wollte, würde ich bestimmt ablehnen, aus reiner Gewohnheit.



Vielleicht bin ich auch einfach zu wählerisch und sicherlich auch verwöhnt von meinen zwei Jahren im Wiehrealtbau mit Parkett und Stuck und 240 Euro Warmmiete. Eigentlich suche ich doch nur ein normales Zimmer, größer als 12 Quadratmeter wäre wünschenswert, und normale Mitbewohner. Falls also einer unserer werten Leser gerade zufällig sucht, kann er sich gerne bei mir melden. Ansonsten geht die Suche weiter.