Zero Coke für Pfadfinder

Felix Lüttge

Keine Coke für Pfadfinder: Die Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) boykottieren Coca-Cola. Grund für den Boykott der mehr als 95.000 Pfadfinder sind Berichte über Morde an Angestellten des Getränkekonzerns in Kolumbien und über Trinkwasserklau in Indien. Felix hat sich den Boykott von Oliver Rothardt, einem der Diözesanvorsitzenden der DPSG Freiburg, erklären lassen.



Keine Coca-Cola, keine Fanta, kein Mezzo-Mix, kein Lift und keine Sprite; Kein Powerade, kein Bonaqua Mineralwasser und auch kein Nestea Eistee. Die Bundesversammlung der Deutschen Pfadfinderschaft St.Georg (DPSG) hat im vergangenen Mai die mehr als 95.000 Pfadfinderinnen und Pfadpfinder seines Verbands dazu aufgerufen, auf Produkte aus dem Hause Coca-Cola zu verzichten. Dies geschah auf der 70. Bundesversammlung der DPSG in Münster nach einer knappen Abstimmung. Mit 39 gegen 38 Stimmen wurde der Beschluss verabschiedet, zu dem es von der DPSG heißt: "Es handelt sich hierbei um einen Antrag im Sinne des Pars-pro-toto-Prinzips und nicht um einen Alibi-Präzedenzfall, um sich danach wieder schlafen zu legen." Pars pro toto ist Latein und heißt "Ein Teil (steht) für das Ganze."


Der amerikanische Getränkehersteller dient bei dem Boykott lediglich als Beispiel für Firmen, die menschliche Grundrechte verletzen. "Eine Liste von Unternehmen, die Grundrechte verletzen, wäre uferlos", weiß Oliver Rothardt, Vorstandsvorsitzender der Freiburger Pfadfinder.

Warum dann gerade Coca-Cola?



Bei einem Vortrag in Köln hatten Kölner DPSG-Mitglieder von kolumbianischen Gewerkschaftern, die in einer Coca-Cola Abfüllanlage arbeiten, erfahren, dass sie um ihr Leben fürchten müssen. Menschenrechtsorganisationen und die Medien berichteten schon 2001 von neun Morden an Gewerkschaftern auf dem Gelände des Konzerns. Der Vorwurf, den die Pfadfinder an Coca-Cola richten: Der Konzern ignoriere die Übergriffe auf seine Mitarbeiter und verletze damit Menschenrechte.

"An anderer Stelle – in Indien – zerstört Coca-Cola durch seine Produktion Lebensgrundlagen der Bevölkerung. Durch tiefe Brunnen, aus denen der Konzern Wasser fördert, wird der Grundwasserspiegel gesenkt. Folge ist, dass die Brunnen der Bevölkerung austrocknen. Umweltschutzorganisationen achten auf dieses Problem aufmerksam, Medien berichteten darüber", heißt es in der Pressemeldung der DPSG über die Boykottentscheidung weiter. Über die Probleme des indischen Dorfes berichtete zum Beispiel auch die Diakonie der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD).

"Mir ist es ein Anliegen, dass mehr rüber kommt als: Wir trinken keine Coca-Cola mehr", erklärt Oliver Rothardt. "Wir kritisieren Unternehmen, die Grundrechte nicht beachten. Wir wollen  niemandem verbieten, Coca-Cola zu trinken, sondern Bewusstsein schaffen und zum politischen Konsum aufzurufen." Dabei ist er Realist. "Es wäre sinnlos, dem Wölfling sein Getränk wegzunehmen."



"Wir nutzen alle unserer Kommunikationswege", sagt Oliver. Die Pfadfinder werden angehalten, sich kritisch mit ihrem Konsum auseinanderzusetzen. "Sie sollen sich zum Beispiel, über Herstellungsmethoden eines Produktes klar werden oder über die Arbeitsbedingung, unter denen es produziert wird und sich nach Alternativen erkundigen."

Oliver ist sich sicher, dass der Beschluss der Bundesversammlung nicht nur ein Lippenbekenntnis ist. Auf dem Landesjamboree 2007, dem baden-württembergischen Pfadfinder-Sommerlager in Bruchsaal, werden die Wölflinge, Rover, Jungpfadfinder, Pfadfinder und Rover keine Coca-Cola angeboten bekommen.



Eine große Kampagne haben die Pfadfinder, deren Boykott von anderen Anti-Coke Kampagnen, wie Killer Coke unabhängig ist, noch nicht gestartet: Die Vorbereitungen für das Landesjamboree 2007 erfordern zur Zeit alle Kräfte der DPSG. "Das heißt aber nicht, dass das nicht noch kommt", erklärt Oliver.

Oliver weiß, dass der materielle Effekt gering ist, wenn 95.000 Pfadfinder keine Coke mehr trinken: "Wir wissen, dass wir Coca-Cola nicht massiv stören."



Coca-Cola Deutschland
haben die Pfadfinder von ihrem Beschluss unterrichtet; Eine Reaktion vom Konzern erhielten sie bis zu unserem ersten Gesrpäch mit Oliver nicht.

fudder hingegen erhielt von Coca-Cola Deutschland eine Stellungnahme: Das Unternehmen kritiserte am Boykott der DPSG , sich in der Begründung des Boykotts auf eine unvollständigen und überholten Faktenlage zu beziehen und wies detailliert auf die Maßnahmen hin, die vom Konzern in Indien und Kolumbien getroffen worden sind, um die Lage der Betroffenen zu verbessern. Des weiteren verwies Coca-Cola auf Gerichtsbeschlüsse zu seinen Gunsten, auf Umweltschutz- und Menschenrechtsmaßnahmen, an denen der Konzern beteiligt gewesen sei, sowie auf eine unparteiische Untersuchung der International Labour Organisation (ILO) in ihren Abfüllbetrieben.

Coca-Colas Sicht der Dinge kann jeder auf der mulitlateralen Website Coke Facts mit dem Untertitel "Die Wahrheit über die Coca-Cola Company Weltweit" nachlesen.

Oliver Rothard, dem wir die Stellungnahme von Coca-Cola zuschickten, sagte dazu: "In der Annahme dass die Vorwürfe wie in der Stellungnahme von Coca-Cola beschrieben, ausgeräumt sind, gehe ich davon aus, dass die Entscheidung zum Verzichtaufruf durch die Bundesversammlung zum nächstmöglichen Termin wieder revidiert wird."

Dennoch bliebe der Sinn des Beschlusses erhalten: "Die Reaktion von Coca-Cola zeigt, dass sich durch solch einen Beschluss etwas in Bewegung bringen lässt, und sei es nur in den Köpfen unserer eigenen Mitglieder."

 

Mehr dazu:

  • Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg: Website
  • Coca-Cola Boykott der DPSG: Website